Archiv der Kategorie: Geschichte(n) aus dem Waageplatz-Viertel

Wir sammeln hier Erzählungen und historische Geschichte(n) aus unserem Viertel.

Danksagung Stadtarchiv

Am 20ten Oktober haben wir als AG Geschichte unsere Nachbarschaft eingeladen gemeinsam im Stadtarchiv auf die Suche zu gehen. Auf die Suche nach Geschichten aus der Unteren und Oberen-Masch-Straße, aus der Goetheallee, der Reitstallstraße, vom Waageplatz, vom Platz der Synagoge, über die Maschgemeinde, die ehemalige JVA, die Heilsarmee, das Waisenhaus, das frühere Stadtbad und das Gewerkschaftshaus. Im Vorfeld hatten wir eine Liste an Schlagworten eingereicht und bekamen passende Quellen vorgelegt, darunter Bildbände, Adressbücher, Zeitungen, Fotos und Sachbücher.

Unseren Dank richten wir an das Stadtarchiv und im besonderen an den Archivar, dessen Vorarbeit uns viele Erkenntnisse ermöglichte!

An dem Besuch haben zwei Dutzend Anwohner*innen und Interessierte teilgenommen. Einige von uns haben ihre Erkenntnisse festgehalten, einige waren zur Vertiefung ein zweites Mal vor Ort. Einzelne Quellen sind auch in der Stadtbibliothek zu finden. Die folgenden Beiträge sind hieraus entstanden:

Die Mauer https://waageplatz-viertel.org/index.php/2022/11/28/jva-gefaengniszeitschrift-die-mauer/

Volksheim https://waageplatz-viertel.org/index.php/2022/11/28/volksheim-der-ursprung-des-gewerkschaftshauses-in-der-om10/

Falls du, geneigte Leser*in ebenfalls daran interessiert bist mit uns die Geschichte unserer Nachbarschaft zu erforschen komm doch zu unserem regelmäßig stattfindenden Treffen – jeden 3. Donnerstag im Monat um 18 Uhr am Platz der Synagoge. Im Winter gehen wir natürlich nach drinnen.

JVA Gefängniszeitschrift: Die Mauer

Die Mauer war eine Gefängniszeitschrift, die von Mai 1985 bis April 1986 in sieben Ausgaben erschien. Die Zeitschrift war kostenlos für die Häftlinge verfügbar und hatte eine Auflage von 350 Stück. Herausgegeben wurde sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern, dem Sozialdienst und Pastoi. Und stieß auf große Initiative bei den Gefangenen. So heißt es: „Es soll eine Zeitung von Gefangenen für Gefangene werden, in der aber auch Platz ist für Beiträge von Familienangehörigen und Interessierten.“

„Wir brauchen Hilfe, sollten aber auch jede Möglichkeit wahrnehmen, uns selbst zu helfen. Eine Zeitung könnte Sprachrohr für uns sein, kann über unsere hochkomplizierte und polemische Situation berichten. Wir könnten aus unserer totalen Isolation heraus die Menschen dort draußen erreichen, uns mitteilen. Noch leben wir.“ (Aus „Die Mauer“ Nr. 1, Mai 1985)

In den Zeitungen werden Briefe, Berichte, Probleme und Verbesserungsvorschläge aufgenommen. Auch gibt es Zeichnungen, Rätsel und Gedichte. In der ersten Ausgabe werden auch Vorschläge für ein besseres Miteinander formuliert. Wie z.B keine Kippen aus dem Fenster zu werfen, den Hof sauber zu halten und auf die Mithäftlinge zu achten und regelmäßig zum Gruppensport zu gehen. Für die in U-Haft sitzenden gibt es keine Freizeitbeschäftigungsangebote, auch das soll geändert werden. Z.b durch Filmvorstellungen. Eine Zelle (ca 6m lang, 2.5 , breit, 3,5 m hoch) wird sich von zwei Menschen geteilt. In der Zelle gibt es zwei Betten, zwei Schränke, ein Tisch und zwei Stühle. Eine Toilette und ein Waschbecken. In der Zelle findet alles statt. Sie ist Schlaf-, Ess-, Wohn- und Waschraum. So berichten Häftlinge aus ihrem Alltag:

Unser Alltag in der JVA

„Um 6:20 Uhr ertönt die Klingel zum Wecken, wir stehen auf und machen unsere Morgentoilette, mit kaltem Wasser (Sommer wie Winter) – da ja kein warmes vorhanden ist?
Um 6:50 Uhr holen wir unser Frühstück vom Gang – Knast-Kaffee (Muckefuck), 3 Scheiben Brot, 1 stck. Margarine und Marmelade. Nach dem Frühstück findet der Zellenputz statt. Erst wird die Zelle gefegt, danach feucht aufgewischt, wie jeden Morgen.
Um 7:30 Uhr verlassen wir die Zelle und begeben uns in den Arbeitsraum. Unsere Arbeit besteht aus dem Zerkleinern von Telefonen zur Rohstoffzurückgewinnung. Das Plastik wird von den Teilen aus anderen Grundstoffen getrennt. Wir bekommen die Säcke mit den alten Telefonen, die die Post tags zuvor angeliefert hat. Mit einer Stange werden die Schrauben aus dem Unterteil des Telefons herausgeschlagen. Im nächsten Arbeitsgang werden mit einem Stechbeitel die Etiketten entfernt, damit ist die Arbeit an den Unterteilen beendet.
Mit einer Vorrichtung entfernen wir die dann die Hörergabel vom Oberteil, anschließend wird die Plexiglasscheibe,die über den Rufnummern liegt, herausgebrochen. So kann das Plastik für sich eingeschmolzen und wiederverwendet werden. Die Arbeitsleistung besteht aus Pensen, ein Pensum beträgt 80 kg sortierten Telefonen. Pro Person schaffen wir ca. 1 Pensum am Tag, dafür erhalten wir DM 6,04. Von diesem Betrag erhalten wir zum Einkauf ca. 4.- DM, der Restbetrag kommt zur Rücklage, die wir zu unserer Entlassung dann ausgezahlt bekommen.
Um 16 Uhr ist dann endlich Feierabend, danach haben wir die Möglichkeit zu duschen. Sehr oft passiert es aber, daß keine Arbeit da ist. Dann sitzen wir entweder auf der Zelle oder im Gruppenraum rum.
Um 16:30 Uhr gibt es Abendbrot in der Zelle, dann werden wir eingeschlossen. Z.Zt. hat niemand von uns einen Fernseher oder ein Radio auf der Zelle, sodaß wir fast ganz ausgeschlossen sind, von dem was außerhalb der Mauern passiert, denn Zeitungen und Zeitschriften gibt’s auch kaum.
Einmal in der Woche kommen am Montagabend für 2 Stunden die Ehrenamtlichen zu einer Gruppe, zweimal in der Woche kommt nachmittags für 2 Stunden der Lehrer und Mittwochsnachtmittags ist Gruppe mit der Sozialarbeiterin. Am Wochenende dürfen wir im Gruppenraum fernsehen.“

Kurt Göppel, Iwan Kamilska, Rolf Petzelt und Heiko Renklewski.

In der Zeitung gibt es auch eine Seite der Initiative von Sozialpädagoginnen, die Hilfe anbieten, um die soziale Isolation zu durchbrechen. So bieten sie Unterstützung bei dem Gang von Behörden an, bei Beziehungs- und Erziehungsschwierigkeiten oder Ökonomischen Problemen. Zeitung macht auf Probleme und Missstände aufmerksam und stellt Forderungen an die Leitung. So gibt es eine Reihe von Forderungen zu den schlechten hygienischen Verhältnissen in der JVA. Etwa musste das Wischwasser für den ganzen Gang reichen. Gefordert wurde frisches Wasser für jede einzelne Zelle. Eine Fußdesinfektion für die Duschen, mindestens zwei Schwämme pro Zelle und nicht nur einen Schwamm für alles ( Geschirr, Toilette, Waschbecken) Sowie aufgrund der Gefahr von AIDS die Ausstellung von Rasierer für alle Häftlinge, damit sich niemand die Rasierer teilt.

Einführung in die Knastsprache

  • Eine Bombe – 200 g Kaffee
  • Ein Buchblatt – 50 Zigarettenblättchen
  • Radfahrer/ Kratzer – Verräter ( Informant der Beamten)
  • Schließer, Harro, Wachtel, Schlüsselknecht – Beamter
  • Knastpraline – Bratklops
  • Einmal um die Sonne, Rucksack – Lebenslänglich
  • Hast du eine neue Lampe brennen? – Läuft etwas gegen dich?
  • Shore – Lebensmittel
  • Pendeln – Austausch der shore von Fenster zu Fenster
  • 2/3 Jäger – Radfahrer
  • Schoppie/ Blubber – Eintopf
  • Tempel/ Hütte – Haftraum
  • den Tempel hochschlagen – Haftraum zertrümmern

Eine Ausgabe der Zeitung wurde zensiert. So Verstöße eine Zeichnung gegen „Sicherheit und Ordnung“ der Anstalt. Die Zensur mit fünf überklebten Seiten in der fünften Ausgabe der Zeitung hat eine größere Diskussion ausgelöst und war auch im Göttinger Tageblatt.

Nach 6 monatiger Pause erschien dann die sechste Ausgabe. In der siebten Ausgabe im April 1986 wurde der Redaktionsschluss aufgrund von fehlender Kraft der Herausgeber und fehlender Unterstützung verkündet.

Die Zeitung zeigt, das es ein Versuch von Ehrenamtlichen gab in Initiative mit den Gefangenen, die Bedingungen innerhalb der JVA zu ändern und versuchte das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, wenn auch nur Forderungen nach Verbesserungen kamen und keine Grundlegende Forderung das Prinzip der Vollzugsanstalt zu überwinden. Sie gibt einen Einblick in den Alltag und die Missstände in der JVA. Die Zeitung stellte eine Möglichkeit dar, dass sich die Häftlinge aktiv an einem Projekt beteiligen konnten und dort ihre eigenen Gedanken, Themen und Wünsche äußern konnten. Die Zensur durch die Leitung zeigt allerdings auch, dass dies nur in einem Rahmen geschehen konnte, dem die Leitung zustimmte.

Mögliche weiterführende Fragen:

  • Was zeigt uns die Geschichte der JVA und die Verhältnisse wie dort Häftlinge behandelt wurden?
  • Was können wir daraus mitnehmen für das Viertel?
  • Was bedeutet das für den Umgang mit dem Gebäude? (Z.B Erhalt von Zellenkunst? Gedichten, Infotafeln zum Gefängnisalltag usw.)
  • Wie könnte eine geschichtliche Aufarbeitung aussehen?
  • Rechtsextreme und sexistische Zeichnungen in den Zellen → Zusammenhang von Isolation, Gewalt und Handlungsunfähigkeit mit Faschismus. Welche Rolle hat die JVA darin? Zeitzeug:innenberichte: Gibt es Kontakte zu ehem. Häftlingen? Mitarbeiter:innen? Ehrenamtlichen oder Sozialarbeiter:innen?

 

Volksheim, der Ursprung des Gewerkschaftshauses in der OM10

Unsere Nachbarin und Gesprächpartnerin für ein Zeitzeuginnen Gespräch war Gewerkschaftlerin und erwähnte den einen oder anderen Besuch im Gewerkschaftshaus Obere-Marsch-Str. 10. Für mich blieb die Frage offen, ob das Haus eine Bedeutung für unsere Nachbarschaft hatte. Um dem auf die Spur zu gehen hatten wir bei unserem Besuch im Stadtarchiv auch nach Quellen zur OM10 gebeten. In einem anderen Gespräch erwähnte ein Nachbar das „Volksheim“ in dessen Nachfolge das Gewerkschaftshaus stand. So war ich hoch erfreut, als ich in dem Buch „Göttingen ohne Gänseliesel – Texte und Bilder zur Stadtgeschichte“ auf einen ausführlichen Artikel zur Geschichte des Volksheim stieß:

Die Gewerkschaftsbewegung in Göttingen hatte keine guten Voraussetzungen. Wie heute war Göttingen auch im 19ten Jahrhundert eine Universitätsstadt ohne große Industrie. Unter den Angestellten und Beamten waren Gewerkschaftsmitglieder zu Beginn des Jahrhunderts selten und somit waren auch die finanziellen Mittel begrenzt. Um sich zu treffen waren die Arbeitenden auf die Gunst der Wirte angewiesen. In den Kneipen wurden Lesungen und eine eigene Bibliothek organisiert, es wurde sich politisch gestritten und Feste wurden gefeiert. Das Anmieten der “Kaiserhalle”, die heutige “Alte Mensa” am Wilhemlsplatz wurde als Glücksfall gesehen. Neben der Nutzung des Saals konnten dort auch einige Büroräume eingerichtet werden. Doch für die ca. 20 verschiedenen freien Gewerkschaften war der Platz nicht ausreichend. Der Traum von einem eigenen Haus entstand. Nach dem ersten Weltkrieg und den mehr oder weniger erfolgreichen Revolutionen stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder auf ein dreifaches. Sowohl um sich zu treffen als auch um diese Organisationen zu verwalten und sich gegenseitig zu schulen wurde es notwendig ein eigenes Gebäude zu haben, wenn möglich eines zu kaufen.

Um diesen Wunsch umzusetzen wurde im Mai 1921 der Verein “Solidarität e.V. Göttingen” gegründet. Zum einen um vor dem Gesetz ein Gebäude kaufen zu können als auch um das nötige Geld zu sammeln. Entgegen der Erwartungen konnte das Ziel in wenigen Monaten erreicht werden. Das Lokal “Bürgerpark” im Maschmühlenweg wurde mit Mitgliedsbeiträgen, Spenden und einem Kredit gekauft und beherbergte ab September das “Volksheim”. Nach einigen baulichen Veränderungen gab es dort neben Büros und Lagerräumen, eine Bibliothek, eine Kneipe mit Kegelbahn und mehrere Säle die sowohl für Vorträge und Versammlungen auch als Treffpunkt der Arbeitenden diente. Es gab täglich Mittagessen zu erschwinglichen Preisen und um den zu kleinen Wohnungen zu entfliehen wurde sich auch nach Feierabend hier aufgehalten. Die Betriebsräte verschiedener Unternehmen aus Stadt und Umland kamen hier zum Stammtisch zusammen und das Volksheim wurde zum Vereinsheim verschiedener Arbeitersport- und Arbeitergesangsvereine. Die freien Gewerkschaften waren ab sofort unabhängig von Einzelpersonen, die ihnen Räume zur Verfügung stellten. Dieses Haus gab den Arbeitenden die Möglichkeit Geselligkeit und politische Arbeit zu verknüpfen und sich kulturell zu entfalten. Sowohl die Zusammenführung der verschiedenen Gewerkschaften in einem Haus als auch die Lage dessen in Nähe der Innenstadt und des Bahnhofs stärkte die Bewegung in den ‘20er Jahren.

Mit dem Erstaken der Nationalsozialisten wurde das Volksheim aufgrund seiner symbolischen Bedeutung zur Zielscheibe. Es gab mehrere Angriffe auf das Haus und gegen Arbeiter*innen auf dem Heimweg. Der Wahlsieg der NSDAP 1932 in Göttingen mit 51% der Stimmen zeigt mit was für Herrausforderungen der Gewerkschaftskampf hier zu tun hatte. Nach dem Verbot des SPD 1933 wurde auch auf dem Volksheim die Hakenkreuzfahne gehisst. Die Gastwirtschaft hatte unter neuer Leitung noch bis 1940 bestand aber die früheren Nutzer*innen blieben fern. Vom “pulsierenden Leben” im Volksheim blieb nichts übrig und schlussendlich wurde es 1944 bei einer der wenigen Bombardierung der Stadt zerstört.

Nach dem Krieg suchten die sich im Wiederaufbau befindenen Gewerkschaften neu nach einem Haus. Aus Mangel finanzieller Möglichkeiten zum Wiederaufbau der Synagoge entschied die jüdische Gemeinde das Grundstück an den neu gegründeten Deutschen Gewerkschaftsbund, also eine andere Opfergruppe der Nationalsozialisten, zu verkaufen. Dort wurde zwischen 1952-55 ein neues Gewerkschaftshaus errichtet, welches bis heute in unserem Viertel steht. Eine neue Zeit brach an mit einem neuen Gewerkschaftsverständnis. Es gab nun keine Gastwirtschaft mehr und nur einen kleinen Saal, dafür ein funktionales Verwaltungsgebäude voller Büros, wo die verschiedenen Gewerkschaften Platz fanden. Arbeiter*innen betraten dieses nun um die Dienstleistungen der Gewerkschaften in Anspruch zu nehmen.

Über die folgenden 54 Jahre wissen wir bisher kaum etwas. Wie wurde das Haus von Arbeitenden und Nachbar*innen wahrgenommen? Wer ging hier ein und aus? Wenn das Volksheim als Treffpunkt so notwendig war, wo findet in der Folge der Austausch zwischen Arbeitenden untereinander und mit den Gewerkschaftler*innen statt? Gab es andere offene Räume? Ist die Arbeiter*innenkultur anderswo wiederbelebt worden? Wurde sich wieder in den verschiedenen Kneipen der Stadt getroffen? Wo wurde nun gekegelt? Bis 2009 wurde in der OM10 anscheinend verwaltet. Nach versäumter Sanierung suchten sich die Gewerkschaften einen neuen Standort und das Haus stand leer. 2015 wurde das Gebäude besetzt und in den folgenden Jahren gekauft, saniert und umfunktioniert.

Die Geschichte vom Volksheim ist für mich ein Bespiel wie die Menschen sich zusammenschließen, sich ihrer Möglichkeiten, ihrer politischen Stärke bewusst wurden und sich die Räume geschaffen haben, die sie brauchten.

Quelle: “Göttingen ohne Gänseliesel” ISBN 3-925277-26-9

Zeitzeuginnenbericht zum Brand der Synagoge in den Maschstraßen 1938

Als die Synagoge einem Brand zum Opfer fiel war das Jahr 1938, mein Mann war da 8 Jahre alt. Er hat mir erzählt, dass er immer die Männer mit Kippa oder schwarzen hohen Hüten und den hervorguckenden Locken gesehen hat, wenn diese am Haus vorbeikamen. Die Eltern haben ihm erklärt, das wäre eine Tracht die diese Männer tragen würden. Über den Brand wurde von den Eltern erklärt, da war ein Brandstifter am Werk. Sicher hat es auch hierüber einen Zeitungsbericht gegeben, aber als gerade eingeschultes Kind, hatte man zu der Zeit noch kein Interesse bzw. auch kein Radio um so etwas verfolgen.

Mein Mann hatte etliche jüdische Schulkameraden und einen ganz besonderen Schulfreund, über diesen hat er berichtet. Die Schulstunde (Lutherschule) hatte schon begonnen, da kam der Freund mit geröteten Augen in die Klasse und wollte sich für seine Verspätung entschuldigen. Der Klassenlehrer, Herr Albrecht, hat sich zur Tafel gedreht und mit brüchiger Stimme gesagt: Du musst jetzt leider wieder nach Hause gehen, Du darfst nicht mehr in unserer Klasse bleiben, die Eltern bekommen Bescheid. Dieser Freund hat dann nochmal fürchterlich an zu weinen gefangen, in der Klasse wäre es totenstill gewesen, jedoch Herr Albrecht hat dann ohne Kommentar den Unterricht fortgesetzt. Durch Fragen und erzählen in der Familie, wurde erklärt, dass Leute mit einem anderen Glauben jetzt an einer Stelle gesammelt würden, weil dieser Glauben und die Lebensführung nicht in das Leben von Deutschland passen könnte.

Leider fällt mir im Moment nicht der Name des besagten Freundes ein, ich weiß nur, dass die Jungen sich aus Holz Seifenkistenauto gebaut hatten und dann den Wall als Abfahrtstart usw. benutzt haben, da gab es ja auch kaum Autos.

Eine der wenigen (Beinahe-)Zeitzeugen aus den Maschstraßen erzählt..

Die Masch-Straßen um 1945

Die Masch-Straßen wurden in Göttingen vergleichsweise stark zerstört, aber offenbar kamen nur wenige Menschen zu schaden: Beim Gebhards Hotel gab es im Wall einen Bunker, in den sich die meisten Bewohner retteten. Luftschutzkeller wie in anderen Stadtviertel gab es nicht, weil die Häuser in den Masch-Straßen durch den feuchten Untergrund nicht unterkellert waren. Mehrere Erdbunker befanden sich beim Bahnhof, für die Passagiere von Zügen, die keine großen Bunker mehr erreichen konnten. Sie waren allerdings nicht so sicher. Eine der wenigen (Beinahe-)Zeitzeugen der Bombardierung der Maschstraßen, Helga Schmidt, heiratete zwar erst 1953 in die Masch ein, kann aber noch die Erlebnisse ihres Mannes Herbert Schmidt berichten. Er war trotz seines jungen Alters (geboren 1930) Luftschutzwart und überlebte den Angriff nur knapp. Er lief durch die Berliner Straße, als er sah, wie die Bomber ihre verderbliche Last ausklinkten. Den Bunker erreichte er nicht mehr, sondern ging an der Wallmauer in Deckung. Durch die Wirkung der Bomben wurde er beinahe vom Schutt begraben. Seine Eltern überstanden den Angriff in dem Bunker im Wall. Helga Schmidt kennt die Masch-Straße nur, wie sie in Trümmern lag. Ihr Sohn fuhr am Wall-Aufgang damals Schlitten, wie sie sich erinnert. Ab 1955 wurden die Häuser wieder aufgebaut. Die Familie H., die in der Nr. 16 wohnte, räumte vorher schon den Schutt etwas beiseite; die Hinterhäuser waren ja teilweise noch bewohnbar. Mehrere der Häuser stehen noch heute, etwa hinter Haus Nr. 14, 20 und 21. Auf der gegenüber liegenden Seite steht ebenfalls noch ein Hinterhaus. Die Häuser bestehen meist aus Fachwerk und umgeben einen schmalen Hof. Ursprünglich enthielten sie Werkstätten und Ställe. Im Norden der Unteren Masch waren die niedrigen, ein- bis zweigeschossigen Vorderhäuser offenbar schon im späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert durch mehrstöckige, hohe Neubauten ersetzt worden. Die Eltern von Herbert Schmidt waren Schuster; auf alten Fotos ist noch das Ladenschild am Haus Nr. 1 zu erkennen. Sie gehörten zur ursprünglichen Verband der Maschgemeinde, die 1938 aufgelöst wurde. Die Gemeinde war aus dem Dorf Burggrone entstanden, dessen Bewohner im 14. Jahrhundert an den Hasengraben und Mitte des 15. Jahrhunderts an die Maschstraßen umgesiedelt worden waren. Der Gemeindeverband, eine sogenannte Realgemeinde, besaß zuletzt Wälder und Wiesen zwischen dem Hagenweg und Knutbühren, die meist verpachtet waren. Die Einkünfte wurden unter den Mitgliedern der Gemeinde verteilt. Als letztes stieß 1937 der Malermeister Garbode zu dem Verband, nachdem er die Aufnahmegebühr bezahlt hatte. Die Zugehörigkeit zu der Gemeinde war an den Besitz bestimmter Häuser gebunden: Kaufte jemand ein solches Haus, konnte er Teilhaber in dem Verband werden. – Hinten stieß das Haus der Schmidts gegen eine Schlachterei in der Goetheallee. Helga Schmidt erinnert sich noch, wie der Schlachter mit seinem Hundegespann durch die Masch-Straße fuhr, da der Schlachthof im Bereich des heutigen Landgerichts stand.

Stand: 16.6.2022 – Dr. Thomas Küntzel M.A.