Archiv der Kategorie: Geschichte(n) aus dem Waageplatz-Viertel

Wir sammeln hier Erzählungen und historische Geschichte(n) aus unserem Viertel.

Gemeinde-Diakonisse Minna Siebrecht

Minna Siebrecht (Foto: Dr. Traudel Weber-Reich)

Krankenschwester in der Johannisgemeinde

Minna Siebrecht (1898-1990), Diakonisse des Diakonissen-Mutterhauses Henriettenstift in Hannover, war seit 1. Oktober 1941 als Gemeindeschwester in der Göttinger Johannisgemeinde tätig und wohnte in der Paulinerstraße 2, direkt neben der Kirche. In Göttingen habe man „immer gut zu tun“, schrieb sie in ihrem Jahresbericht von 1943 ans Henriettenstift. 4703 Krankenbesuche hatte sie in diesem Jahr abgestattet, dazu 462 Fürsorgebesuche und 15 Nachtwachen. 165 Kranke hatte sie gepflegt, davon waren 141 Frauen, 15 Männer und neun Kinder. Diese Angaben bestätigen die allgemeine Beobachtung, dass sich die karitative Gemeindepflege seit dem 19. Jahrhundert zu einer umfassenden Familienpflege entwickelt hatte, die sich über die eigentliche Krankenpflege hinaus auf Bereiche der Kinder- und Erwachsenenfürsorge erstreckte. Demzufolge konnten Gemeindeschwestern einen großen Einfluss auf Gemeindemitglieder ausüben. Dies war auch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt klar. Deshalb sollten Pflegerinnen von christlichen Schwesternschaften durch NS-Gemeindeschwestern ersetzt werden, die bestrebt seien, „mit der pflegerischen Versorgung nationalsozialistisches Gedankengut bis in das letzte Haus in Deutschland [zu] tragen“. In den evangelischen Gemeinden der Stadt versahen jedoch Diakonissen weiterhin und sogar mit verstärktem Einsatz ihren Dienst. Von ihrer Zentrale Alt-Bethlehem aus waren vier selbständige Gemeindepflegen entstanden: Neben Schwester Minna arbeiteten Berta Scheidereiter (Jg. 1895, Albanigemeinde), Else Reime (Jg. 1881, Jacobigemeinde) und Auguste Kipker (Jg. 1885, Mariengemeinde).

Gefangene im Gefängnis Obere-Masch-Straße

Schwester Minna war 46 Jahre alt und in ihrem 17. Dienstjahr, als sie miterlebte, wie am 23. und 24. November 1944 die ersten Bomben auf die Göttinger Innenstadt fielen, die 10 Menschen töteten und zahlreiche Gebäude beschädigten, darunter auch in der Unteren- und Oberen-Masch-Straße und an der Johanniskirche. Danach zählte auch sie zu den „Ausgebombten“. Das Stift Alt-Bethlehem konnte die Mitschwester wegen Platzmangels nicht aufnehmen. So nahm sie eine Unterkunft in der Wohnung von Else Grisail, einer früheren Patientin, in der Roten Straße 28 an. Bald nach ihrem Einzug wurden beide Frauen verhaftet. Was war geschehen?

Bei dem Luftangriff war auch das Gefängnis getroffen worden und einige Häftlinge konnten entkommen, wie Albert Hampe, promovierter Agrarwissenschaftler aus Jühnde. Als NS-Gegner war er bespitzelt worden und schließlich wegen „Hörens eines englischen Senders“ und „Wehrkraftzersetzung“ in Untersuchungshaft geraten. Hampe flüchtete in die Wohnung von Frau Grisail, mit deren Mann er früher befreundet gewesen war. Zur weiteren Flucht brauchte er Kleidung und Proviant. Entschlossen holte Minna Siebrecht alles per Fahrrad aus dem 13 km entfernten Jühnde herbei, woraufhin Hampe verschwand. Mitbewohner des Hauses hatten dennoch diesbezügliche Vorgänge wahrgenommen und sogleich Anzeige erstattet. Frau Grisail, die ohnehin im Verdacht stand, illegal Abtreibungen vorgenommen zu haben (vermutlich, so der Vorwurf, gemeinsam mit Schwester Minna), wurde sofort verhaftet. Schwester Minna wurde verhört und einige Tage danach, am 13. Dezember 1944, festgenommen. Beide Frauen wurden ins Gefängnis (1972 in JVA umbenannt) gebracht.

Auch Albert Hampe entkam seinen Verfolgern nicht. Wie erst nach dem Krieg bekannt wurde, hatten sich Rechtsanwalt Hermann Föge und einige Ärzte erfolgreich für ihn eingesetzt, so dass er „alles [während der NS-Zeit] gut überstanden“ habe. Die Autorin konnte Ende der 1990er Jahre über Frau Alma Hampe, eine Verwandte, die Albert von Kindheit an kannte, erfahren, dass dieser sich als Kind durch einen Pferdetritt schwere Gesichtsverletzungen zugezogen hatte, die mehrere Operationen erforderlich machten, jedoch nicht ohne entstellende Narbenbildungen ausheilten. Aus dieser Zeit bestanden engere Kontakte zu Chirurgen, die ihm jetzt, in seiner lebensgefährlichen Situation, offenbar zu einem Gutachten mit der Diagnose „Schizophrenie“ verhalfen. Ein Rettungsanker, der einen Prozess vor dem Volksgerichtshof abgewendet hatte. Schwester Minna und Frau Grisail blieben nur kurze Zeit im Gefängnis. Als Pastor Ködderitz, damals Gefängnisgeistlicher, sie dort aufsuchen wollte, waren sie bereits von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen worden. Über das weitere Schicksal von Else Grisail ist leider nichts bekannt. Minna Siebrecht indes stand schon am 22. Dezember 1944 vor Gericht, wo sie ebenfalls von Rechtsanwalt Föge vertreten wurde. Dieser schätzte ihre Lage für „sehr ernst“ ein, da es sich um den Vorwurf der „Begünstigung eines politischen Verbrechens“ handelte.

Mutterhausvorsteher Pastor Dr. Otto Meyer und die leibliche Schwester von Minna Siebrecht, Louise Goetze aus Boffzen im Kreis Holzminden, nahmen an der Verhandlung teil. Meyer trat als Leumundszeuge auf. Schwester Minna wurde eingehend vernommen, doch sollte die Urteilsverkündung erst erfolgen, wenn Dr. Hampe abgeurteilt sei. Vorsteher Meyer hielt dazu in einer Aktennotiz fest: „Schwester Minna war zu dem Termin entlassen, hatte lediglich die Auflage erhalten, sich sofort nach dem Termin wieder bei der Gestapo zu melden. So hatte ich die Gelegenheit, ausführlich vor und nach dem Termin mit Schwester Minna zu sprechen. Ich habe sie auf ihr Verschulden hingewiesen, auch auf die Not, die sie dem Mutterhaus bereitete, habe ihr selbstverständlich auch innerlich zu helfen versucht. Ich war mir nicht ganz klar, ob sie wohl ihre Schuld wirklich in der Tiefe erkannte“.

Mayer gab demzufolge der Diakonisse zu verstehen, dass sie schwere Schuld auf sich geladen und nicht im Sinne des Mutterhauses gehandelt habe, es sogar in Gefahr gebracht habe. Dem gegenüber war sich Minna Siebrecht keiner Schuld bewusst. Keinen Gedanken verlor sie, um das Mutterhaus oder gar sich selbst zu schützen. Vom Augenblick ihrer Entscheidung an handelte sie aus einer persönlichen christlichen Überzeugung heraus. Noch 1947 ließ sie ihre Oberin Marie Fromme in Hannover wissen: „Ich habe nach Gottes Willen und meinem Gewissen getan, als ich dem Menschen half, der in Lebensgefahr war und hatte in der ganzen schweren Zeit ein gutes Gewissen und kann jederzeit u. mit jedermann darüber sprechen. Im Stift meint man zwar immer noch, daß ich ‚unklug gehandelt‘ hätte. Man versteht mich eben darin nicht“.

Gefangene im „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo in Hannover

Nach der Gerichtsverhandlung war Minna Siebrecht auf Befehl der Hildesheimer Gestapo wieder inhaftiert worden. In Alt-Bethlehem tauchte sie nur noch kurz in Begleitung der Gestapo auf, um Zivilkleidung zu holen und sich umzukleiden. Auch Vorsteher Meyer sah sie hier vorerst ein letztes Mal und bemerkte: „Sie war sehr aufgeregt, fast zerbrochen. Es wurde ihr jetzt wohl erst der ganze Ernst der Situation klar“. Pflichtgemäß setzte er sich weiter für die Diakonisse ein und fuhr am 23. Dezember zur Gestapo nach Hildesheim, um eine Haftentlassung zu erwirken. Dort gelangte er zu der Auffassung, dass jeder Versuch, ihr zu helfen, aussichtslos sei.

Die Gestapo brachte Minna Siebrecht nach Hannover in das Verpackungswerk Günter Wagner, Hansastraße 4, als Pelikan-Werk bekannt, das Blechfarbkästen herstellte und von der Gestapo als „Arbeitserziehungslager“ für Frauen genutzt wurde. Zu diesem gehörten auch eine „Wöchnerinnenbaracke“ für Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa sowie eine Baracke für Säuglinge. Es herrschten verheerende, unmenschliche Verhältnisse in diesem Lager; die Überlebensquote für Säuglinge lag bei kaum 50 %, weil es an allem fehlte, vor allem an Nahrung, Kleidung und Hygiene (vgl. Janet von Stillfried, 2015). Minna Siebrecht, so schreibt die Lageraufseherin Margarete Knochenhauer ans Stift, sei, „weil sie zu schade für den Fabrikbetrieb gewesen sei, in die Kinderarbeit hineingenommen, d. h. in die Betreuung der ausländischen [Zwangs-]Arbeiterkinder.“

Familienangehörige kämpften um ihre Freilassung

Währenddessen setzte sich Louise Götze unermüdlich für die Freilassung ihrer Schwester ein. Dies gelang ihr tatsächlich im Februar 1945 über den Bürgermeister von Boffzen, Friedrich Wilhelm Korte. Er sei, so Frau Goetze, „zwar ein alter, ganz alter PG [Parteigenosse], aber seit langem nicht mehr deren Mann“. Korte fuhr sogleich nach Hildesheim zur Gestapo und erwirkte ihre Entlassung. Mitten in der Nacht transportierte man Minna Siebrecht nach Boffzen zum elterlichen Haus und ließ sie frei. Was sie jedoch im Arbeitslager der Gestapo erlebt und miterlebt, erlitten und miterlitten hatte, ließ sich nicht wie eine gewöhnliche Episode vergessen oder wie eine Grippe kurieren. Aus ihren Briefen an das Mutterhaus ist fast bis zu ihrem Lebensende ein Verlangen nach intensiver Anteilnahme erkennbar, um die durch Gewalteinwirkung verursachten seelischen Qualen, die schwere körperliche Krankheiten nach sich zogen – heute würden Fachleute von einem Trauma sprechen – verarbeiten zu können. Ihre Bitten um Gehör fielen tragischer Weise vielfach auf Unverständnis oder Ablehnung.

Dr. Traudel Weber-Reich

Literaturhinweis:

Dieser Beitrag mit allen Quellen- und Literaturnachweisen ist in voller Länge abgedruckt in:

Traudel Weber-Reich: Pflegen und Heilen in Göttingen. Die Diakonissenanstalt Bethlehem von 1866 bis 1966 (= Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen, Bd. 22) Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 1999.

Zum erwähnten Arbeitserziehungslager siehe:

Janet von Stillfried: Zwangsarbeiter und Arbeitserziehungslager der GWV. In dies:; Das Sachsenross unterm Hakenkreuz. Reiseführer durch Hannover und Umgebung 1933-1945. Göttingen, MatrixMedia-Verlag 2015, S. 228-231.

Abbildungen:

Kontakt Dr. Traudel Weber-Reich, Göttingen

Louise Sebode – Hebamme in der Unteren-Masch-Straße 26

Die aus Groß Schneen stammende freie Hebamme Henriette Louise Sebode geb. Feuerriegel (1881-1938) war sowohl in der Stadt, als auch in den Dörfern rund um Göttingen tätig. Bei ihren Fahrten zu Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen war sie nicht etwa auf ein Fuhrwerk angewiesen. Sie besaß bereits in den 1920er Jahren ein eigenes „Automobil“. Als eine selbständige Frau mit medizinisch-pflegerischem Wissen und Erfahrung in allen weiblichen Umständen war sie wohl in vielen Häusern bekannt. Louise Sebode zog zusammen mit ihrem Ehemann, dem Mechaniker Friedrich Philipp August Sebode (Jg. 1876), drei Kinder auf; zwei davon, Louise (1901) und Carl (1903), erreichten das Erwachsenenalter. Die Familie wohnte im eigenen Haus in der Unteren-Masch-Straße 26, in der sich auch mehrere Mietparteien befanden, darunter die Wohnung des Vertreters Wilhelm Kreutz. Zur Nachbarschaft zählten Dr. Margarete Corinth, Eigentümerin der Oberen Masch-Straße 22, die erste Frauenärztin der Stadt, sowie Wilhelm Stieg, der in derselben Straße Nr. 8 die Gastwirtschaft „Zur deutschen Eiche“ betrieb.

Untere-Masch-Straße 26. (Foto: Mo Ario)

Viele Frauen wussten, dass Hebamme Sebode auch bei ungewollten Schwangerschaften half, trotz § 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte. Ihre kompetente Hilfe konnte von existentieller Bedeutung sein, zumal bei ihr nach keinem einzigen verbotenen Eingriff eine Schädigung der Gesundheit bekannt geworden war. Frau Sebode saß zwar 1928 wegen Vergehens gegen den § 218 auf der Anklagebank, musste jedoch von der Großen Strafkammer des Landgerichts Göttingen aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. Über ihre „Kundinnen“ schwieg sie.

Frauen in Not und der § 218

Allzu oft sahen sich zu dieser Zeit Frauen in ihrer Not gezwungen, sogenannte „weise Frauen“ oder „erfahrene Männer“ aufzusuchen, die gewerbsmäßig Abtreibungen vornahmen, nicht selten unter teuren, unwürdigen, gesundheitsschädigenden und sogar lebensgefährlichen Bedingungen. Das Göttinger „Volksblatt“, die täglich erscheinende sozialdemokratische Lokalzeitung, brachte das Dilemma mit dem § 218 an die Öffentlichkeit. Es stellte mit Zahlen aus der Statistik die rhetorische Frage: Was geschieht bei uns in Deutschland im Zeitraum weniger Minuten? Und gab selbst die Antwort: „Jede halbe Minute sucht sich ein verzweifeltes Weib durch Abtreibung von einem werdenden Kinde zu befreien. Weil die Not keinen Raum und kein Brot für alle Kinder läßt und der sinnvolle wissenschaftliche Eingriff verboten. Und darum stirbt alle 12 Minuten eine bedauernswerte Frau an den Folgen der Abtreibung“ (VB, 24.09.1929).

Im Landgerichtsbezirk Göttingen wurden in den Jahren 1929 bis 1931 etwa 20 Prozesse wegen Vergehens gegen den § 218 durchgeführt. Sachverständige schätzten, dass möglicherweise nur ein Prozent aller Fälle aufgedeckt wurde. Der § 218 zeigte demnach keine abschreckende Wirkung. Vor dem Schwurgericht hatten sich wegen Abtreibung und versuchter Abtreibung ausschließlich mittellose Frauen zu verantworten. Die meisten waren unverheiratet, zwischen 16 und 28 Jahre alt und als Haustöchter, Hausangestellte, Dienstmädchen oder Wirtschafterinnnen tätig. Auch Handwerker- und Arbeiterfrauen mittleren Alters, die bereits viele Kinder hatten, saßen auf der Anklagebank. Diese Frauen wurden nicht nur als Täterinnen, sondern mehr noch als Opfer von Unwissenheit, Verführung oder Vergewaltigung erkannt, weshalb ihnen vom Gericht „bis zu einem gewissen Grade Mitgefühl nicht versagt“ werden konnte, wie die Göttinger Zeitung betonte (GZ, 18.03.1931). Dennoch forderte der § 218 ihre Bestrafung.

Hebamme Sebode vor Gericht

Großes Aufsehen erregte eine erneute Verhaftung von Frau Sebode am 14. September 1929. Diesmal wegen des Verdachts gewerbsmäßiger Abtreibungen und Verstoßes gegen den § 218. Das Göttinger Tageblatt übernahm die Prozessberichterstattung. Diese Sekundärquelle wird im Folgenden zitiert. Anzeige hatte Sebodes Untermieter Kreutz erstattet, der mit ihr bereits wegen Mietstreitigkeiten verfeindet war. Einige Tage später wurde auch Gastwirt Stieg festgenommen wegen Verdachts der Beihilfe. Ihm wurde vorgeworfen, er habe in seinem Gasthaus Kundinnen von Frau Sebode Unterkunft gewährt. Vom Zweck der Unterkunft soll er gewusst haben. Für besonders dreist hielt man diese Sache, weil Stiegs Gasthaus unmittelbar neben dem Gerichtsgefängnis und nur wenige Schritte vom Dienstgebäude der Staatsanwaltschaft entfernt lag. Da es jedoch an Beweisen fehlte, musste Stieg bald freigelassen werden.

Bei der Gerichtsverhandlung trat Kreutz als Hauptbelastungszeuge auf: Er habe Hebamme Sebode längere Zeit beobachtet und dabei festgestellt, dass sie „häufig Besuch von Frauen, die sich in Nöten befänden, empfange und auf diese Weise viel Geld verdiene“. Die 16jährige Haustochter Sophie Hagemann aus Seeburg sei mehrmals zu ihr gekommen. Ihr sei er nach dem letzten Besuch mit dem Fahrrad bis nach Seeburg gefolgt, wo er Name und Hausnummer feststellen konnte. Die unverheiratete Frau Hagemann wurde der einfachen Abtreibung verdächtigt. Sie gab an, „daß sie mit einem jungen Mann aus Seeburg in intimen Beziehungen gestanden hätte, die schließlich nicht ohne Folgen geblieben seien. In ihrer Verzweifllung hätte sie sich an Frau Sebode gewandt und ihr 60 Mark gegeben. Frau Sebode habe daraufhin einen Eingriff vorgenommen“. Dieses Geständnis widerrief die Angeklagte später. Der angebliche Schwängerer wurde nicht strafrechtlich verfolgt.

Hebamme Sebode, der gewerbsmäßigen Abtreibung in mehreren Fällen verdächtigt, bestritt „mit aller Bestimmtheit“ die gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen. „Sie will wohl nach ihrem ersten Prozeß viel Besuch von jungen Frauen und Mädchen gehabt haben, sie habe sich aber immer geweigert, ihren Wünschen nachzukommen“. Zur Beweisaufnahme wurden 20 Zeugen vernommen, drei Sachverständige gehört und die Vermögensverhältnisse untersucht. Staatsanwalt Dr. Fritz stellte zusammenfassend fest: dass die Hebamme Sebolde auf „großem Fuß“ lebe und dass sie „dazu aus dunklen Quellen Geld bezogen habe… [Es] könne kein Zweifel bestehen, daß sie seit langer Zeit gewerbsmäßige Abtreibung betrieben habe“. Doch konnte wiederum kein einziger Fall aus der Vergangenheit aufgedeckt werden. Dr. Fritz „beantragte gegen sie 2 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust“ und gegen die Mitangeklagte Sophie Hagemann „wegen einfacher Abtreibung 3 Monate Gefängnis“. Ihre Verteidiger jedoch, die Rechtsanwälte Justizrat Konrad Gummert, Walter Proskauer (Jude, geb. 1890, 1943 deportiert nach Auschwitz) und Dr. Heinz Barsdorf „plädierten in längeren Ausführungen auf Freisprechung ihrer Mandanten“. Während ihrer Plädoyers weinte Frau Sebode fortwährend. Der Prozeß endete erst um 03:00 Uhr nachts mit der Urteilsverkündung durch Landgerichtsrat Walter Meyerhoff: Hebamme Louise Sebode wurde wegen einfacher Fruchtabtreibung zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Nachweis der gewerbsmäßigen Abtreibung konnte nicht erbracht werden. Die Mitangeklagte Sophie Hagemann erhielt „unter Zubilligung von mildernden Umständen“ wegen des gleichen Vergehens eine Strafe von drei Monaten Gefängnis mit dreijähriger Strafaussetzung. Eine „große Menschenmenge“ hatte sich vor dem Gerichtssaal versammelt, um den Sebode-Prozess bis zum Ende mitverfolgen zu können (GT, 03.12.1929).

Der § 218 war ein Werk von Männern. Es musste der Bevölkerung klar gewesen sein, dass dieser Paragraph Frauen in die Kriminalisierung trieb. Andererseits bezichtigte man unverheiratete Mütter leicht der Unzucht. Und nicht genug damit: Sie und ihre unehelich geborenen Kinder wurden lebenslang schwerer gesellschaftlicher Diskriminierung schutzlos ausgeliefert. Unter den schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen der Weimarer Republik war der Frauenalltag weithin geprägt von geringer Bildung und Ausbildung, Billiglöhnen, Unterordnung, Schwangerschaften, Kinderfürsorge, Hauswirtschaft, physischer und psychischer Überlastung sowie der Sorge um ungewollte Schwangerschaften.

Eine generell verbesserte Sexualaufklärung und Schwangerschaftsverhütung kam erst in den 1960er Jahren mit der Einführung der „Antibabypille“ in Gang, während diverse Fraueninitiativen und Parteien für eine Abschaffung oder zumindest für eine Reform des § 218 in vielen Städten auf die Straße gingen, so auch in Göttingen.

Dr. Traudel Weber-Reich

Literaturhinweis:

Überarbeitete und ergänzte Fassung von: Weber-Reich, Traudel: Frauen in Not – Göttingen um 1930. In: Eine Frauensache. Alltagsleben und Geburtenpolitik 1919-1933… bis in unsere Tage. 25 Jahre Pro Familia Göttingen. Ausstellungskatalog 1996, S. 42-71. Hier mit vollständigen Quellen- und Literaturnachweisen.

Stadtarchiv Göttingen: Einwohnermeldekarte August Sebode.

Ebd.: Sterbeurkunde Henriette Louise Sebode, geb. Feuerriegel.

Abbildungen:

Kontakt Dr. Traudel Weber-Reich, Göttingen

Bäckerei Lutze

Es ist ein kühler Donnerstagvormittag im August. Die Sonne scheint auf den Gehsteig vor der Bäckerei Lutze in der Weender Straße und draußen ist viel Betrieb. In der Bäckerei von Annette Lutze ist es warm und der Tresen ist gefüllt mit Torten, Zwetschgenkuchen und Croissants. Seit drei Jahren verschenkt sie jeden Mittwochabend vor Ladenschluss Brötchen und Brot an die Nachbarschaftsküche, denn „es soll nichts weggeschmissen werden“ sagt sie. Die Bäckerei Lutze ist so seit Jahren wichtigen Bestandteil vom internationalen Mittwochskochen im Forum Waageplatz-Viertel. Nachdem wir bei einem Treffen der AG Geschichte auf ein Foto der Weender Straße aus den 70er Jahren gestoßen waren, auf welchem auch die Bäckerei Lutze zu sehen war, wurden wir neugierig, auf die Geschichte des Familienbetriebs. Seit 46 Jahren arbeitet Frau Lutze in der Bäckerei, erzählt sie. Jeden Morgen um 4:00 Uhr oder um 4:30 Uhr wird der Laden bestückt und um 6:30 Uhr geöffnet. Bis Abends steht sie dann hinter dem Tresen. Sie erzählt, dass die Bäckerei im April 1963 in der Weender Straße 88 eröffnet wurde. Hier war auch vorher schon eine andere Bäckerei drin. Die Ausübung des Bäckereihandwerks liegt in der Familie, schon ihr Großvater hatte in Grone eine Bäckerei geführt. Ihr Vater hatte dann in Hann. Münden eine Ausbildung als Bäcker- und Konditormeister gemacht. Es zog ihn aber zurück in die größere Stadt und er eröffnete den Familienbetrieb in der Weender Straße. Lange wurde dieser vom Großvater und Vater in der Bäckerstube und der Mutter im Verkauf geleitet. 1980 entschied sich Annette Lutze eine Ausbildung im elterlichen Betrieb zu machen. Auch für die Botanik hatte sie sich interessiert.

Bäckerei Lutze in der Weender Straße 1975

Im Laden gibt es eine große Auswahl an Gebäck. Die Backwaren werden von ihrem Bruder, der Bäckermeister ist und einem Konditor, mit welchem sie schon lange zusammenarbeiten gebacken.

Es gibt Rumkugeln, Heidesand, Croissants, Apfelballen und Zimtwecken, Schweineohren, Zuckerkuchen und Johannisbeerkuchen. Dainter an der Wand liegen Roggen- und Körnerbrote und Brötchen. Die verschiedenen Körnerbrote kamen erst in den 80er Jahren auf, davor gab es vor allem Roggen und Weizenbrot aber auch die Rosinenstuten und Sesam- und Mohnbrötchen. Die kleinen dreieckigen Roggenbrötchen taufte ihre Mutter Pflastersteine, aber nur wegen der Form, versichert sie lächelnd, sie sind ganz weich. Dies war in den 80er Jahren als es in Göttingen eine starke linksautonome Protestbewegung gegen Aufrüstung und Rechtsextremismus und eine starke Hausbesetzer*innenszene gab. Ihre Mutter hat immer viel gearbeitet und sich gleichzeitig um die 4 Kinder gekümmert.

Auf die Frage hin, was sie am meisten schätzt an ihrem Beruf, antwortet sie lachend, den Kontakt mit den Kunden. Die Arbeit, die „muss man mit Herz machen“ sagt sie, denn es ist immer sehr viel zu tun, freie Tage hat sie kaum. Manchmal kommen noch Kund*innen vorbei. die sie seit den Anfangsjahren kennt. Einige haben nun schon Kinder und Enkelkinder. Von vielen die regelmäßig bei ihr einkaufen, kennt sie die Namen, aber nicht alle könne sie sich merken, erzählt sie lachend. Die Stimmung ist herzlich im Laden. In der Zeit, in welcher wir das Gespräch führen, kommen viele unterschiedliche Menschen herein. Die meisten kennt sie. Es wird gelacht und kurz geschnackt, über die vielen Wespen und das saftige Brot und Grüße an Bekannte ausgerichtet. Aber „es könnte aber auch noch mehr Betrieb sein“ sagt sie. Eine gute Nachbarschaft ist zentral für sie und lebt mit der Bäckerei einen Nachbarschaftlichen und herzlichen Umgang. „In der Nachbarschaft hilft man sich“, antwortet sie auf die Frage hin, was eine gute Nachbarschaft für sie ausmacht, und es ist wichtig sich kennenzulernen. So werden auch an ihre Nachbarläden Werkzeug und Leitern verliehen und auch mal ihr Schaufenster geputzt. Als einer der wenigen konstanten Geschäfte in der Weender Straße hat die Bäckerei das Viertel seit über 60 Jahre geprägt. Bald wird die Bäckerei Lutze schließen, doch die Herzlichkeit und Verbindungen welche im Geschäft entstanden, werden das Viertel noch lange prägen.

Mo Ario

Bildquelle:

Ario, Mo. Aus: Meinhardt, Günther und Höltken, Jürgen. Göttingen im 19. und 20. Jahrhundert. Städtische Sparkasse Göttingen.

Das Maschviertel zur Zeit des Nationalsozialismus

Stolpersteine vor der Oberen-Masch-Straße 10A – In Gedenken an Familie Asser und Familie Meyerstein

Die Obere-Masch-Straße 10 war früher ein Wohnhaus der jüdischen Gemeinde. Es war bescheiden eingerichtet und diente auch als Altersheim. Heute erinnern Stolpersteine vor der 10A daran, dass Fanny und Cäsar Asser und die Familie Meyerstein hier gelebt haben. Paula und Hugo Meyerstein mit ihren vier Kindern, Ludwig, Erich, Hertha und Georg.

Paula Meyerstein (geb. Jaretzki ) war 1890 in Posen geboren worden. Sie heiratete 1919 den Viehhändler Hugo Meyerstein und zog nach Göttingen. Die Familie wohnte zunächst in der Roten Straße, wo Hugo Meyerstein eine Viehhandlung besaß. Dort hatten sie mit finanziellen Problemen zu kämpfen, vor allem auch durch den gegen jüdische Kaufleute ausgeübten Druck und durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise. 1933 mussten sie dann in die Obere-Masch-Straße 10A umziehen. In direkter Nachbarschaft stand die Synagoge. Die im neuromanischen Stil gebaute Synagoge wurde im Jahr 1895 eingeweiht. Nur 43 Jahre später wurde sie im Novemberpogrom in der Nacht des 9. November 1938 zerstört. Maßgeblich beteiligt; war der Oberbrandmeister der Göttinger Feuerwehr, der Benzinkanister zur Synagoge gefahren hatte. Alle Löschversuche wurden unterbunden, Fotografien verboten. Am Tag darauf wurde unter Anwesenheit vieler Schaulustiger der westliche Teil der Ruine gesprengt, und die Synagoge vollständig zerstört. Mitglieder der SA und SS stürmten Geschäfte und Wohnungen jüdischer Familien, zerstörten deren Eigentum, misshandelten und verhafteten sie. In der Goetheallee wurden die Wohnungen von Ludwig und Margret Löwenstein und von Gustav und Amalie Rosenmeyer völlig verwüstet, Schmuck entwendet und Gustav Rosenmeyer schwer verletzt. Bei dem Brand der Synagoge waren auch die Wohnungen von Familie Asser und Familie Junger zerstört worden. Sie kamen gerade mit dem Leben davon. Heinz und Else Junger flüchteten in der Nacht mit ihrem Sohn Denny, der erst zwölf Tage alt war, in das Krankenhaus Neu Maria Hilf. Heinz, Else und Denny Junger wurden am 26. März 1942 deportiert und gelten seitdem als verschollen.

Georg Meyerstein 1

Georg Meyerstein, der jüngste der Familie, wurde schon unmittelbar nach dem Novemberpogrom von seinem Lehrer in der Lutherschule vom Unterricht ausgeschlossen, eine Maßnahme, die kurz darauf für alle jüdischen Schülerinnen und Schüler durchgesetzt wurde. Ein Mitschüler erzählte später, dass, als Georg am Tag nach der Niederbrennung der Synagoge „verspätet, bleich und übernächtigt“ seine Klasse betrat, ihn der Lehrer aufgefordert hat, sofort wieder nach Hause zu gehen und sagte, er brauche überhaupt nicht mehr wiederzukommen. Ab Januar 1940 wurde er zusammen mit neun weiteren Kindern vom jüdischen Lehrer Heinz Junger privat unterrichtet. Dieser wohnte mit seiner Familie im Gemeindehaus, im Anbau an die Synagoge in der Unteren-Masch-Str.

Unter den Schüler*innen waren auch Kurt und Lissy Asser, die Kinder des Synagogendieners Julius Asser und von Jenny Asser, die ebenfalls mit ihrer Mutter, Bertha Fernich, für kurze Zeit im Gemeindehaus in der Unteren-Masch-Str. 13 wohnten. An Julius und Jenny Asser erinnern die Stolpersteine vor dem Haus Papendiek 26. Die Eltern von Julius Asser, Fanny und Cäsar lebten seit 1933 in der Oberen-Masch-Str. 10A. Cäsar Asser besaß in Göttingen die Rohproduktenhandlung C. Asser, handelte mit Altmetallen und arbeitete nebenberuflich als Totengräber für die jüdische Gemeinde. Sie wurden im Juli 1942 nach Theresienstadt verschleppt und ermordet. Sie wurden beide 72 Jahre alt.

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Am 26. März 1942 wurde Paula Meyerstein zusammen mit ihrem Mann und zwei ihrer Söhne Ludwig und Georg, die zu der Zeit erst 22 und 14 Jahre alt waren, über das Sammellager Hannover-Ahlem weiter ins Warschauer Ghetto deportiert. Ihrem 18-jährigen Sohn Erich war mit nur 15 Jahren die Flucht nach England gelungen. Auch seine Schwester Hertha überlebte den nationalsozialistischen Terror. Die Schwestern Else und Frieda Reichmann, die einige Jahre in der Oberen-Masch-Str. 10A und der Unteren Masch-Str. 23 gewohnt hatten, wurden an diesem Tag ebenfalls deportiert und anschließend ermordet. Die Familie Reichmann war 1912 in das Haus Nr. 23 gezogen, das sich bis 1935 in ihrem Besitz befunden hatte. Die Reichmann Schwestern, Paula Meyerstein und die über hundert weiteren Jüd*innen, die am 26. März 1942 aus Göttingen deportiert wurden, starben entweder in Warschau oder wurden mit den anderen Überlebenden des Ghettos in den Vernichtungslagern ermordet.

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Göttingen galt auch schon Anfang der 1920er-Jahre als Hochburg der Nationalsozialisten, die hier überdurchschnittlich hohe Wahlerfolge hatten. Mit Blick auf das Maschviertel, zeigt sich dies auch an den Wahlergebnissen zwischen 1928 und 1932, dort waren die Stimmanteile der Kommunistischen Partei und der SPD vergleichsweise hoch. In der Neustadt noch etwas höher. Doch auch die NSDAP verzeichnete recht hohe Stimmanteile im Maschviertel. Das hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die NSDAP besonders von der zunehmenden Unterstützung der Arbeiter*innenschaft und dem Kleinbürgertum profitierte. Die NSDAP und allen voran die SA zeigten regelmäßig bei Massenaufmärschen Präsenz auf der Straße. Im März 1930 kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen SA und dem kommunistischen Rotfrontkämpferbund. So hat es auch von Beginn an Widerstand gegen den NS-Terror gegeben. Über Formen des Widerstandes im Maschviertel wissen wir leider bisher relativ wenig und werden weiter nach Hinweisen und Erzählungen suchen. Von Hedwig Hollung, die schräg gegenüber dem Wohnhaus der jüdischen Gemeinde, in der Oberen-Masch-Str. 7 gelebt hat, ist jedoch bekannt, dass sie den Nazis kritisch gegenüberstand. Sie war zur Zeit der Machtergreifung in ihren Dreißigern. In Zeitzeugengesprächen beschrieb sie, wie sie alles mitgemacht hat, aber in einem gewissen Rahmen tat sie, was sie für richtig hielt. Sie hat sich z. B. geweigert, die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster zu hängen oder den Hitlergruß zu zeigen, und versteckte einen Mann vom Reichsbanner, der von der SA verfolgt wurde, als diese im März 1933 das Gewerkschaftshaus im Maschmühlenweg überfallen hatte. Das Reichsbanner war ein SPD-naher Wehrverband, der sich für den Schutz der Weimarer Republik und ihrer Verfassung einsetze. Hedwig Hollung gehörte nach 1945 zu den Mitbegründer*innen der Nachkriegs-SPD in Göttingen und war Vorsitzende im Frauenausschuss. Sie muss sehr offen und direkt gewesen sein, hat gerne zugepackt und sich eingemischt – und dabei auch ihre Ecken und Kanten nicht versteckt.

In den 70er-Jahren entstand auf eine Initiative der Vorsitzenden der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Hannah Vogt, das Mahnmal auf dem heutigen Platz der Synagoge. Es wurde von dem italienischen Künstler Corrado Cagli entworfen und am 9. November 1973 eingeweiht. Das Mahnmal zeigt von unten einen Davidstern. Dabei sind die Stahlrohre so gedreht, dass sie eine Flamme formen, die an die Brandnacht vom 9. November erinnert. Auf einer Tafel am Mahnmal stehen die Namen der 282, im Nationalsozialismus ermordeten Jüdinnen und Juden aus Göttingen. An der Außenwand der OM10 am Vereins-Fanraum des 1. SC Göttingen 05 erinnert eine Gedenktafel an Ludolf Katz, ein jüdisches Vereinsmitglied. Katz hatte den Verein 1933 wegen der verschärften antijüdischen Gesetze in der NS-Zeit verlassen müssen. Heute steht am Platz der Synagoge auch die OM10. Nach 1945 hatte die sehr kleine jüdische Restgemeinde das Haus an den DGB verkauft, da sie das Gelände selbst nicht unterhalten konnte und keine Perspektive für den Neubau einer Synagoge in Göttingen sah. Ausdrücklich sollte es an Vertreter*innen einer anderen Opfergruppe aus der NS-Zeit gehen. Eine der Opfergruppen waren die Gewerkschaften, die 1933 von den Nazis in Göttingen zerschlagen wurden und das Volksheim verloren. Das über Jahre leer stehende DGB Haus wurde 2015 besetzt, um einen gemeinsamen Wohn- und Begegnungsraum zu schaffen und gegen die menschenverachtende europäische Grenzpolitik und gegen Krieg und Faschismus zu kämpfen. Die OM10 ist selbstverwaltet und Teil des Mietshaussyndikats. Sie bietet Räumlichkeiten für Veranstaltungen, Wohnraum für Geflüchtete und Räumlichkeiten für die Nachbarschaftsvernetzung Forum Waageplatz-Viertel.

Die Geschichte des Viertels ist verwoben mit dem Heute. Wir sind Teil der Geschichte und finden uns in einer Zeit wieder, die auch von Kriegen, Gewalt gegen Frauen und Transpersonen, dem Erstarken rechtsextremer Kräfte und ökologischen Krisen geprägt ist. Die Erscheinungsformen faschistischer und nationalistischer Ideologien wandeln sich, tragen aber doch den gleichen Kern. Dies zeigt, wie wichtig eine aktive Form des Erinnerns und Gedenkens ist, verbunden mit einem aufmerksamen Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Selbstverwaltete Organisationen und Projekte im Maschviertel, wie die OM10, zeigen mit ihrer kontinuierlichen, antifaschistischen Praxis, wie aktives Gedenken aussehen kann. Auch starke Nachbarschaften, in welchen Nachbar*innen einander kennen, sich unterstützen, und gemeinsam gegen Gewalt handeln, bieten die Grundlage für eine vielfältige und selbstorganisierte Gesellschaft.

Mo Ario

Literatur:

Duwe, Kornelia; Gottschalk, Carola; Koerner, Marianne. 1988. Göttingen ohne Gänseliesel. Fulda: Wartberg Verlag.

Klein, Jörg; Schäfer-Richter, Ute. 1992. Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933-1945. Ein Gedenkbuch. Göttingen: Wallsteinverlag.

Koerner Marianne. 1989. Auf die Spur gekommen – Frauengeschichte in Göttingen. Neustadt: Calenberg press.

Meumann Markus. 1997. Universität und Sozialfürsorge – zwischen Aufklärung und Nationalsozialismus. Das Waisenhaus der theologischen fakultät in Göttingen 1747-1983. Göttingen: Wallstein Verlag.

Weber-Reich, Traudel. 2003. „Wir sind Pionierinnen der Pflege“ – Krankenschwestern und ihre Pflegestätten im 19. Jhr. Am Beispiel Göttingen. Bern: Verlag Hans-Huber.

Bildquellen:

  1. Stadtarchiv Göttingen ↩︎
  2. Ario, Mo. Aus: Klein, Jörg; Schäfer-Richter, Ute. 1992. Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933-1945. Ein Gedenkbuch. Göttingen: Wallsteinverlag. ↩︎
  3. ebd. ↩︎
  4. ebd. ↩︎
  5. ebd. ↩︎

Die Cola-Fabrik im Stadtgraben: Zur „Vorgeschichte“ des Grotefend-Areals

Überlagerung eines modernen Stadtplans (Deutsche Grundkarte um 1990, auf: Geobasis.niedersachsen.de) mit einem Plan der Stadt Göttingen um 1750 von Matthäus Seutter (Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Kartensammlung, 22 d Göttingen 8 pm). Gestrichelt: Grotefend-Areal.

Das ehemalige Grotefend-Areal, auf dem früher Cola und andere Limonaden abgefüllt wurden, befindet sich genau im Bereich des alten Stadtgrabens, der weiter östlich, hinter dem Auditorium, noch gut erhalten geblieben ist. Auf alten Plänen der Stadt sind die Festungswerke aus dem 17./18. Jahrhundert genau eingezeichnet, so dass man sie in eine moderne Karte übertragen kann. Westlich des Weender Tores ist z.T. ein Vorwall zu erkennen, eine sogenannte “Fausse-Braie”, wie sie in der französischen Fachsprache bezeichnet wird. Wesentliche Anregungen zum Festungsbau kamen im 17. Jahrhundert aus Frankreich, vor allem von dem Baumeister Vauban. Die Fausse-Braie ist allerdings typisch für die “niederländische Manier”. Danach verlief vor dem Hauptwall ein niedriger Vorwall, von dem aus die äußere Grabenflanke unter Beschuss genommen werden konnte. Dort verlief ebenfalls ein Weg, der die Bastionen im Vorfeld des Stadtgrabens miteinander verband. Diese spitzwinkligen Schanzanlagen schützten die Tore und den ein- und den Ausfluss des Leinekanals. Zum Hainberg, von dem aus der Stadt am meisten Gefahr drohte, hatte man drei zusätzliche Bastionen angelegt: eine an der Ecke des Stadtwalles zum Nikolausberger Weg (hier befindet sich jetzt ein Teil des Botanischen Gartens mit verschiedener Gebirgsflora), eine weitere im Bereich des Städtischen Theaters und schließlich ein Ravelin beim Schwänchenteich. Der Umriss dieser Bastion ist durch den Albanifriedhof heute noch zu erahnen. Etliche kleinere Bastionen lagen zwischen den großen Ravelins. Die großen Ravelins zeichneten sich durch einen zusätzlichen, spitzwinkligen Graben aus. Der Abschnitt zwischen dem Weender Tor und dem Ausfluss des Leinekanals scheint jedoch die einzige Stelle gewesen zu sein, an der es eine Fausse-Braie gab. Sie verfügte sogar über eine kleine Bastion vor dem Turm in der Nähe des Leinekanals. Der Stadtgraben war hier also deutlich enger als in den anderen Abschnitten.

Querschnitt durch eine Festung. A: Hauptwall, B: Fausse Braye, C: Graben, D: gedeckter Weg, E: Glacis. Pfeil: Schussbahn der Kanonen auf dem Hauptwall.

Im 17. Jahrhundert hatten die Kanonen eine beträchtliche Schusskraft erlangt, der die mittelalterlichen Mauern nicht standhalten konnten. Man schüttete deshalb Erdwälle auf, die die Geschützkugeln “schluckten”. Bei der Erneuerung der altmodischen Befestigungstechniken musste man zudem die weiträumigen Schussfelder und -Bahnen der Geschütze berücksichtigten. Die spitzwinkligen Bastionen sollten “tote Winkel” abdecken, in denen sich der Feind mit Schützengräben an die Stadt heranarbeiten konnte. Zuletzt wurde im Siebenjährigen Krieg an den Festungswerken gearbeitet, wie Einträge in einem Tagebuch belegen, das der Orientalist Andreas Georg Wähner verfasste. Im November 1761 erwähnt er, dass die Franzosen eine Lünette “in des H(err)n D(octor) Jaeps Garten” vor dem Weender Tor aufwarfen (Wähner, bearb. Dahmen, S. 201). Lünetten waren kleine, selbständige Festungswerke, die vor dem Graben lagen und oft nach hinten offen waren. Die kurze Angabe ist auch deshalb von Bedeutung, weil sich zum Ausbau der Festungsanlagen im 17./18. Jahrhundert ansonsten nur wenig Quellen erhalten haben. Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges wurden die Festungswerke ab 1762 abgetragen und ein Flanierweg auf dem Wall angelegt. Der Graben erhielt sich stellenweise bis in das 20. Jahrhundert hinein (etwa im Bereich der Berliner Straße), aber heute ist er bis auf den Botanischen Garten und den Schwänchenteich zugefüllt worden.

Andreas Georg Wähner, Tagebuch aus dem Siebenjährigen Krieg, bearb. Von Sigrid Dahmen. Quellen zur Geschichte der Stadt Göttingen 2 (Göttingen 2012).

Geheimnisvolle Mauer im Wall

Mauerstück im Wall hinter den Gärten Untere Masch Straße 19/20

An der Innenseite des Stadtwalles schaut hinter den Gärten Untere Masch Straße 19/20 ein kurzes Mäuerchen aus dem Hang. Es ist etwa 1 m lang, ragt knapp 30 cm aus dem Boden und besteht aus zwei Lagen von körnigen Kunststeinen. Die Steine sind je 11 cm hoch und 25 cm breit. Die untere Lage reicht noch etwa 20 cm weiter nach Nordosten. Daneben steckt ein Muschelkalkstein in der Erde, der leicht schräg zu dem Mäuerchen ausgerichtet ist. Auf der gegenüberliegenden Seite des Walls, also an der Berliner Straße, ragen zwei Stützpfeiler aus dem Mauerwerk. Dazwischen ist ein vermauerter, schmaler Eingang zu sehen. Unten gibt es einen verschlossenen Stahlrahmen. Die Stützpfeiler sind die Reste eines Rundturmes, wie sie in unregelmäßigen Abständen rings um den Wall platziert waren. Ein solcher Turm hat sich am Schwänchenteich noch erhalten. Der Bismackturm bei der Odilienmühle ist ein besonders großer Turm mit polygonalem Umriss. Der Turm an der Berliner Straße hatte einen inneren Durchmesser von 5,25 m und eine Gesamtgröße von 9 m, bei knapp 1,90 m dicken Mauern. Durch den Wall führte von der Maschstraße her ehemals ein Gang, um Schießpulver und Munition in den Turm bringen zu können. Zwei solche Gänge dienen noch im Botanischen Garten als Verbindungsweg zwischen den Gewächshäusern an der Unteren Karspüle und dem Garten im einstigen Stadtgraben. Der Turm an der Maschstraße sicherte die nordwestliche Ecke des äußeren Stadtwalles. An der geraden Kurtine (Mauer zwischen zwei Bastionen) bis zum Leinekanal gab es zwei weitere Türme. Die Maueransätze des westlichen Zwischenturmes sind noch hinter der Imbissbude unter dem Efeu zu entdecken. Die Pläne aus dem 18. Jahrhundert zeigen, dass von der Höhe des Walles ein Weg zu den Türmen führte: er ermöglichte den Zugang in das Obergeschoss bzw. das Dachgeschoss. Der Gang an der Unteren Masch Straße wurde offenbar im 20. Jahrhundert vermauert. Ein kleines Loch in dem Mauerwerk an der Berliner Straße verrät, warum: Der Gang dient als Unterschlupf für Fledermäuse, die natürlich nicht gestört werden sollen. Abends sieht man sie oft durch die Gärten fliegen.

Die Stadtmauer zur Berliner Straße zu. A: Stützpfeiler, B: vermauerter Durchgang, C: kleinteiliges Kalksteinmauerwerk (hinter dem Busch), D: Mauerwerk aus Sandsteinquadern und Kalksteinen.

Planskizze der Nordwestecke des Stadtwalles mit den Stützpfeilern (A) und dem vermauerten Durchgang (B, E); grün: Wall, C: kleinteiliges Kalksteinmauerwerk, D: Mauerwerk aus Sandsteinquadern und Kalksteinen.

Die Anfänge der äußeren Stadtbefestigung reichen in die Mitte des 14. Jahrhunderts zurück. Zuvor stellte die innere Mauer, von der noch ein Turm in der Turmstraße aufrecht steht, die Altstadt. Vor den Toren hatten sich jedoch bald Vorstädte entwickelt; seit dem späten 13. Jahrhundert etwa im Bereich der Neustadt. Der Herzog und prominente Bürger wetteiferten hier um die Ansiedlung von Handwerkern, besonders Wollenwebern. Die herzogliche Neustadt wurde schließlich 1319 von der Stadt aufgekauft. Die Herzöge hatten zuvor offenbar versucht, eine offene, nur schwer zu verteidigende Einfahrt in die Stadt zu schaffen, wobei die Marktstraße von Sankt Gallen vermutlich als Vorbild diente. Der Trichter ist noch gut an der Kommende und der gegenüberliegenden Bauflucht der Groner-Tor-Straße zu erahnen. Der Ratsherr Heidenreich Bernhardi schob diesem Bemühen jedoch ein Riegel vor, indem er 1293 an der “Kuhleine” ein Hospital stiftete. Der Hof des Hospitals ragte etwa auf Höhe der Sparkasse weit in den geplanten Straßentrichter hinein; das Hauptgebäude erhob sich im Bereich des jetzigen Gehweges. Die neue Befestigung schloss außerdem das “Alte Dorf” an der Langen Geismarstraße und das “alte Weender Dorf” im Bereich der Unteren Karspüle mit ein.

Anfangs handelte es sich nur um einen kleinen Wallgraben, der später durch eine Mauer verstärkt wurde. Ab 1442-1463 wurde die Stadtbefestigung massiv ausgebaut. Damals bedrohten die Kroaten, die von der Soester Fehde heimkehrten, die Gebiete im südlichen Niedersachsen. Sie raubten und plünderten die Dörfer und kleineren Städte. Aber auch andere Konflikte bedrohten die Stadt. Zudem setzten sich in dieser Zeit zunehmend die Geschütze in der Kriegführung durch. Deshalb wurde der Wall erhöht, Geschütztürme mit Schießkammern errichtet und Torbollwerke angelegt. Von ihnen hat sich nichts erhalten, aber ihre Grundrisse sind überliefert. Vor den eigentlichen Toren befanden sich kleine Vorhöfe, durch die die Straße in einem geknickten Verlauf geführt wurde, damit man nicht geradewegs durch die Tore in die Stadt schießen konnte. Außerdem standen 20 Bergfriede im Verlauf des Walles. 1533-1577 wurde der Abschnitt zwischen der Angerstraße und dem Ausfluss des Leinekanals erneut verstärkt, wobei man sogar alte Grabsteine vermauerte. Damals fürchtete die Stadt, die 1529 zum protestantischen Glauben übergetreten war, von den katholischen Truppen etwa des Herzogs Heinrich des Jüngeren von Wolfenbüttel erstürmt zu werden. Diese Bauphasen sind auch an dem Turm in der Berliner Straße abzulesen. Das Mauerwerk an dem Tunnelausgang besteht aus großen Sandsteinquadern und Kalksteinen. Seitlich schließt sich ein kleinteiliges, sorgfältigeres Kalksteinmauerwerk an. Demnach wurde der Walldurchgang nachträglich eingebaut. Dabei verwendete man jedes Baumaterial, dessen man habhaft werden konnte – ob einer der großen Sandsteine einmal als Grabplatte gedient hatte?

Hans Reuther, Architektur des Mittelalters und der frühen Neuzeit, in: Dietrich Denecke/ Helga Maria Kühn, Göttingen. Geschichte einer Universitätsstadt, Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (Göttingen 1987), S. 530-570, bes. S. 562-569.

Ausschnitt aus dem Merianstich von 1641 mit dem Wallabschnitt zwischen Groner Tor und dem Ausfluss des Leinekanals in die Große Masch (links; Quelle: Wikipedia). Es sind nicht alle Türme abgebildet; der Eckturm sah aber wohl wie einer der beiden Türme rechts aus.

Gefängnisseelsorge in der alten JVA

„Justitia“, Kapitell am Portal des früheren Obergerichtsgebäudes.

Schon im 18. Jahrhundert, als die ersten großen Gefängnisse entstanden, erkannte man, dass Häftlinge in Gefängnissen nicht nur von der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Vielmehr sei es geboten, sich nicht nur im Rahmen der „christlichen Liebestätigkeit“, sondern auch mit dem Blick auf ihre spätere Freilassung darum zu bemühen, ihnen eine Lebensperspektive zu bieten (z.B. John Howard und Elizabeth Fry in England, vgl. Brandt 1985, S. 21ff.). Theodor Fliedner begann im Rheinland 1825 damit, regelmäßig Gottesdienste in Gefängnissen abzuhalten. Er bemerkte dabei, dass viele Gefangene große Defizite in ihrer Schulbildung besaßen, und den Tag bei Karten- und Würfelspiel zubrachten. Er forderte, die Gefangenenhäuser sollten, statt „moralische Pestanstalten“ zu sein, der Besserung und Ausbildung der Häftlinge dienen, um sie vor dem Rückfall in die Kriminalität zu bewahren. Der Arzt Nikolaus Heinrich Julius aus Hamburg versuchte, die Ursachen der Kriminalität empirisch zu ergründen. Er sah in der industriellen Revolution die Gefahr, dass die familiären Strukturen, die den Menschen Halt gegeben hatten, durch den Fortschritt zerbrachen, und rücksichtsloses Profitstreben das Handeln bestimmte. Unter seiner Federführung wurden ab 1840 für Preußen die ersten Richtlinien für eine Gefängnisreform und die Gefangenenseelsorge entworfen. Auch im Königreich Hannover wurde die Seelsorge in den „Gefangenhäusern“ 1842 durch ein Gesetz geregelt (Kirchenkreisarchiv Göttingen, Stadtsuperintendentur, Akte A 341 II). Die Gerichte sollten demnach mit einem Geistlichen vereinbaren, dass dieser alle 14 Tage eine „Erbauungsstunde“ abhält, oder einzelne Gefangene auf Wunsch unabhängig davon aufsucht. Die „geistliche Pflege der Gefangenen“ sollte in ihnen eine „religiöse und moralisch gute Stimmung, Reue, Buße und Bekehrung“ hervorrufen und stärken, durfte sich aber nicht speziell auf den Verfahrensinhalt beziehen, außer, die Gefangenen gestanden ihnen wichtige Details. Die Priester sollten zudem „Erbauungsbücher“ organisieren, die die Gefangenen lesen konnten. Nach Bedarf konnte auch Unterricht in der „christlichen Religion und Sittenlehre“ erteilt werden. 1857 wurde die „Instruction, die christliche Seelsorge bei den in Gefangenhäusern verhafteten Personen betreffend“ noch einmal erneuert, auf die geltenden Gesetze abgestimmt und „thunlichst“ eine geistliche Pflege der Betroffenen eingefordert.

„Instruction“ zur Seelsorge in den Gefängnissen des Königreichs Hannover von 1857. Quelle: Kirchenkreisarchiv Göttingen, Stadtsup., A 341 II (Seelsorge 1817-1924).

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Exkursion der Geschichts-AG zum KZ Moringen

Das Torhaus in Moringen – Sitz der KZ-Gedenkstätte. Hier begann die Führung.

am 25.11.2023

Zu der Exkursion der Geschichts-AG sind neun Nachbar*innen mitgekommen.

Durch den Ort führte uns Annegrit Berghof von der „Lagergemeinschaft und Gedenkstätte KZ Moringen e.V.“. Bei kaltem Wind näherten wir uns in mehreren Etappen dem Baukomplex. Zunächst bot Annegrit beim Torhaus, dem Sitz der Gedenkstätte, eine allgemeine Einführung. Weitere Stationen befanden sich an der Ecke zur „Waisenmauer“, wo sich ehemals das Barackenlager befand, und bei der Anstaltskapelle. Im Vorraum der ehemaligen Kommanadantur, der heutigen Pflegeschule, befindet sich jetzt der Gedenkraum. An den Seiten lassen sich unter langen Tischplatten Schubladen mit Infotexten öffnen. Im Treppenhaus steht im ersten Stock ein großes Modell des Lagers im Maßstab 1:160 und das Modell einer Baracke, das die gedrängte Situation mit den vielen Mehretagenbetten und den eng bestuhlten Esstischen im äußeren Barackenlager illustriert. Aus einem Saal kann man dann in den Hof des Gebäudekomplexes blicken, der nicht öffentlich zugänglich ist. Das KZ bestand aus der „Kommandantur“ im ehemaligen Waisenhaus – einem großen, mehrstöckigen, barocken Steingebäude mit Außentreppe an der Fassade und einem Prunkportal – , sowie zwei hofseitigen Flügelbauten: Dem „Zellenbau“ im Norden, einem zweistöckigen Backsteinbau aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem die Männer untergebracht waren, und einem niedrigeren Gebäudekomplex im Süden, der die Wäscherei, Heizung und Werkstatt enthielt. An den „Zellenbau“ schloss sich nach Osten das etwas niedrigere „Frauenhaus“ an. Nördlich erstreckte sich das Barackenlager, das separat mit Stacheldraht und einem Hundzwinger umgeben war und von Wachtürmen aus kontrolliert wurde.

Modell des Konzentrationslagers Moringen im Treppenhaus der Pflegeschule. Das „Frauenhaus“ steht hinten rechts, links davon der große „Zellenbau“ (Aufnahme: Robin Wellendorf).

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Die Stockleffmühle – ein faszinierendes Denkmal der Mühlentechnik

Eingeschüchtert von der modernen Nachbarschaft, trotzt die Stockleffmühle am Leinekanal (noch) dem Zahn der Zeit. Das Nebengebäude wurde schon 1967/68 ein Opfer der Abrissbirne, als das alte Stadtbadehaus von 1903-6 durch einen Neubau ersetzt wurde. Aus der neuen Schwimmhalle konnte man danach durch die Glaswand auf die erhalten gebliebene Mauer zum Leinekanal blicken. 2002 wurde das neue Stadtbad seinerseits abgerissen und an seiner Stelle 2011 der Rudolf-Gernhardt-Platz gebaut, aber die Mühle wartet weiterhin auf den „Märchenprinz“, der sie wachküsst und saniert, etwa für die Nutzung als „Welthaus“. Ein Gutachten des Bauforschers Frank Högg ergab ein überraschend hohes Alter für die Fachwerkkonstruktion: Das mächtige Dach wurde 1595/96 aufgerichtet. 1804 wurde die Tür zur Brücke über den Leinekanal erneuert, von der aus die Wehre bedient und so die Wassermengen reguliert werden konnten. Die Jahreszahl steht zusammen mit zwei Wappen der Stadt Göttingen auf dem mächtigen Türsturz aus Sandstein.

Blickt man vom Waageplatz aus durch die Äste der großen Weide, erhält man einen Eindruck davon, was für eine ungewöhnliche Anlage sich hier befand (Bild unten). Ein Entwurf für den Umbau der Stockleffmühle aus dem Stadtarchiv veranschaulicht die Konstruktion: in zwei Reihen drehten sich fünf bzw. vier Räder hintereinander. Sie betrieben acht Mahlwerke für Getreide und eine Ölmühle. Allerdings wurde der durchgreifende Neubaubauplan nicht realisiert; statt dessen beließ man es bei der historisch gewachsenen, etwas unregelmäßigen Abfolge der Mühlräder. Dies lässt sich daran ablesen, dass die Öffnungen in der Mauer, durch welche die Radachsen führten, nicht alle auf dem gleiche Niveau liegen: Im Süden gibt es fünf höher liegende Öffnungen, während sich im Norden zwei höhere und zwei niedrigere abwechseln. Schaut man genauer hin, bemerkt man, dass die fünf südlichen Öffnungen nachträglich angehoben wurden, indem man einen großen Sandsteinblock einbaute. Der gebogene Sturz wurde in diesem Zusammenhang vermutlich ebenfalls höher gesetzt. Auf alten Fotos aus den 1930er Jahren waren sämtliche Öffnungen zugesetzt, erst später öffnete man sie wieder teilweise. Die Höherlegung der Öffnungen erfolgte vermutlich, weil man größere Räder einbauen wollte, durch die mehr Kraft auf die Achse übertragen wurde. Dem Umbauplan lässt sich dagegen entnehmen, dass die Mühlräder nach Norden zu stückweise größer werden sollten. Demnach sollte der Leinekanal als gleichmäßig abfallende Rampe gestaltet werden. Vielleicht hatte man auch den Raum mit den Mahlwerken angeschüttet, um die empfindliche, hölzerne Mechanik vor den regelmäßigen Überschwemmungen zu schützen.

Oben: 3D-Modell der Stockleffmühle mit Öffnungen für die Achsen der Mühlräder (Norden ist links); unten: nachkolorierter Umbauplan der Großen Mühle aus dem 18. Jahrhundert (nicht realisiert), zur Veranschaulichung mit der realen Situation synchronisiert (Quelle: Stadtarchiv Göttingen, AA Nr. 3687; Kolorierung: Thomas Küntzel).

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„Sprützenprowe“ und „Marestratsbeleidijung“ – zwei „Cheschichten“ von Schorse Szültenbürger auf dem Waageplatz

Mit gleich zwei Geschichten wurde der Waageplatz in den plattdeutschen Erzählungen von Ernst Honig aus dem alten Göttingen verewigt: Der „Sprützenprowe“ (Spritzenprobe) und der „Marestratsbeleidijung“ (Magistratsbeleidigung). Die erste Geschichte berichtet von dem jährlichen Test der Feuerspritzen der Bürgerwehren in einer Zeit, als es schon die ersten Hydranten gab. Die Bürger (die zur Teilnahme verpflichtet waren), mussten mit Strafgeldern dazu gebracht werden, zu diesem Termin zu erscheinen, weil er zunehmend folkloristischen Charakter bekam und nicht mehr ganz ernst genommen wurde. In der „Marestratsbeleidijung“ geht es um das lose Mundwerk eines Bürgers, der sich in einer Kneipe lautstark darüber beschwert, dass er seine Wagen nicht mehr auf dem Waageplatz parken kann, da ein Bauzaun beim Bau des Gerichtsgebäudes (1854-1856) die Stellplätze versperrte – Parkplatzsorgen Mitte des 19. Jahrhunderts! Die Vorladung, die der Bürger dann erhält, betraf jedoch ein Verkoppelungsverfahren, wie sie im 19. Jahrhundert nacheinander in allen Dörfern rings um Göttingen, um 1879-1888 auch für die Feldflur von Göttingen selbst durchgeführt wurden.

Der Bäckermeister Ernst Honig (1861-1930), dessen Haus in der Jüdenstraße steht, verfasste die Geschichten um 1896. Die pittoresken Masken einiger seiner Helden sind an seinem Haus zu entdecken. Den Bau des Obergerichts kannte Ernst Honig nur vom Hörensagen, während er die Auseinandersetzungen zwischen den Bürgerwehren und der „Freiwilligen Feuerwehr“, die 1856 gegründet wurde, wohl noch aus seinem aktuellen Erleben heraus schildert. Pumpspritzen, wie sie bei der „Sprützenprowe“ zu Einsatz kamen, waren Ende des 19. Jahrhunderts üblich. Erst ab 1906 wurde die Feuerwehr professionalisiert. Die Spritzentests sollten gewährleisten, dass die beweglichen Teile und die Schläuche der Spritzenwagen einsatzbereit waren, denn, wie Honig beschreibt, nisteten sich gerne Mäuse darin ein und nagten die Schläuche durch. Der Waageplatz bot sich als Testgelände an, da man hier das Wasser aus dem Leinekanal abpumpen konnte. Die „Freiwillige Feuerwehr“ schloss ihre Schläuche bereits an die neuen Hydranten an, die ihr Wasser aus der Hainberg-Druckleitung erhielten (gebaut ab 1872).

Thomas Küntzel

Spritzenwagen um 1883 (aus Brockhaus‘ Conversations-Lexikon, 6. Band, Leipzig 1883).

Die Geschichte von der „Marestratsbeleidijung“ ist bei Google Books nachzulesen:

https://books.google.de/books?id=cqPycvoRhzYC&pg=PA99&lpg=PA99&dq=schorse+szültenbürger+marestratsbeleidijung&source=bl&ots=KM9E3JDBQu&sig=ACfU3U2nsgPQ_vdTlCCG5PVY44P23zGvzQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwij-4SUg4KAAxWO7qQKHVF_C2QQ6AF6BAgiEAM#v=onepage&q=schorse%20szültenbürger%20marestratsbeleidijung&f=false