Archiv der Kategorie: Ehemalige JVA

Was wird aus der ehemaligen JVA in der Oberen-Masch-Straße am Platz der Synagoge?

Soziales Zentrum in der ehem. JVA

Kurzkonzept, Stand: 17.10.2019

Das Ziel der Entwicklung der ehemaligen Justizvollzugsanstalt (JVA) in der Obere-Masch-Straße 9 zum Sozialen Zentrum ist es, den verschiedenen Interessen sowohl von Anwohner*Innen des Viertels, als auch Bewohner*Innen Göttingens und Besucher*Innen gerecht zu werden. Berücksichtigt werden dabei die herausragende Lage für das Waageplatz-Viertel, der Standort innerhalb des Stadtwalls sowie die Bahnhofsnähe und der nordwestliche Zugang zur Innenstadt. Die bauliche Realisierbarkeit der hier vorgestellten Pläne ist fachlich ausgewiesen, Barrierefreiheit wird soweit möglich hergestellt. Die ökonomische Realisierbarkeit wiederum ist durch das Programm „Soziale Stadt für die nördliche Innenstadt“ gegeben.

Räume – ein Entwurf

Raum für Nachbarschaft und Miteinander
Das Nachbarschaftszentrum soll Raum für Treffen, Cafés, Veranstaltungen und Selbstorganisation bieten. Herzstück ist dabei ein zentraler Veranstaltungsraum welcher durch Überdachung und Ausbau des südlichen Hofes entsteht. Zusätzlich ist die Angliederung einer kleinen Küche sowie auch Funktionsräumen vorgesehen. Diese lassen sich im Erdgeschoss des Südflügels unterbringen, wodurch das Nachbarschaftszentrum über einen separaten, barrierefreien Zugang vom Waageplatz aus erreichbar ist.
Der kleine Nachbarschaftsgarten im westlichen Hof lässt sich von allen Seiten zugänglich gestalten. Er bietet sich somit als verbindendes Element im Erdgeschoss an.

Raum für Beratung und Unterstützung
In räumlicher Nähe zum Nachbarschaftszentrum sollen für verschiedene Angebote der Sozialberatung und sozialen Unterstützung wie Hausaufgabenhilfe (u.ä.) Büroräume entstehen. Hierzu bieten sich die Räumlichkeiten im ersten Obergeschoss des Südflügels an.

Raum für Kreativität
Um zusätzliche Bereiche für kreatives Schaffen zu bieten, sind Ateliers, Arbeitsräume, kleine Werkstätten und ggf. Proberäume geplant. Hierzu sind die ehemaligen Zellen im ersten Obergeschoss des Mitteltrakts nutzbar.

Raum für Erinnerung und Begegnung
Der Bereich für Erinnerung und Begegnung soll eine Dauerausstellung mit Bezug zum Platz der Synagoge, u.a. zur Geschichte von Jüdinnen und Juden in und um Göttingen umfassen. Darüber hinaus sind Wechselausstellungen und Veranstaltungen z.B. zum Themenbereich Ausgrenzung/Solidarität geplant. Hierzu eignet sich das Erdgeschoss im Nordflügel. Der Bereich lässt sich durch eine kleine Teeküche ergänzen.
Die ehem. Zellen des Mitteltrakts bieten Raum für eine Dauerausstellung zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte der JVA Göttingen und deren Eingliederung in die allgemeine Gefängnisgeschichte.
Angegliedert an die Räume „Erinnerung und Begegnung“ sind Spezialbibliotheken und -archive mit Lokalbezug zu z.B. Shoa, Krieg/Frieden, Migration vorgesehen. Ein Raum soll dabei als Raum der Stille dienen, evtl. mit wechselnden Erinnerungsschwerpunkten. Das erste Obergeschoss des Nordflügels bietet hierzu geeignete Räume.

Raum für soziales Wohnen
Im zweiten Obergeschoss ist die Entstehung sozialverträglichen Wohnraums vorgesehen. Das darüber liegende Dachgeschoss bietet sich als zusätzlicher Lagerraum zur Nutzung durch Bewohner*Innen oder Initiativen an, da die JVA über keine Kellerräume verfügt.

Entwicklung

Es gibt bereits diverse Initiativen, wie u.a. das Queere Zentrum und das Gedenkbündnis „27. Januar“ an die Opfer des NS, die Interesse an Räumen im geplanten Sozialen Zentrum haben. Das bisherige Nutzungs- und Raumkonzept soll nun durch Interessierte und Aktive im Prozess angepasst und fortgeschrieben werden.

Begründung

Göttingen braucht ein Soziales Zentrum in der Innenstadt. Damit wird die Landschaft bereits etablierter Zentren mit dem Schwerpunkt Kultur wie z.B. KAZ und musa und dem Schwerpunkt Soziales wie z.B. Haus der Kulturen um eine wichtige Facette in der Innenstadt erweitert. Gezielt wird ein zentraler Ort nichtkommerzieller Nutzung geschaffen. Das Konzept bietet verlässliche Trägerstrukturen sowie Platz für Entfaltung und Aneignung. Das Soziale Zentrum ist ein wichtiger Beitrag, die Begegnung und das Miteinander im Viertel zu unterstützen sowie die Rolle des Viertels in der Stadt Göttingen zu stärken.

PM: Soziales Zentrum in der ehemaligen JVA – Kurzkonzept zur weiteren Entwicklung

Das Bürger*innenforum Waageplatz-Viertel (Anwohner*innen-Initiative) stellt für die kommende Entwicklung und Nutzung der ehemaligen JVA in der Obere-Masch-Straße 9 sein Konzept vor. In dem Gebäude und auf dem Gelände soll ein Soziales Zentrum entstehen. Vor dem Hintergrund des Programms „Soziale Stadt in der nördlichen Innenstadt“ engagiert sich das Bürger*innenforum bereits seit Jahren für eine transparente und beteiligungsorientierte Gestaltung der ehem. JVA sowie des gesamten Stadtteils.

In dem Konzept für ein Soziales Zentrum werden die herausragende Lage der ehem. JVA für das Waageplatz-Viertel, der Standort innerhalb des Stadtwalls sowie die Bahnhofsnähe und der nordwestliche Zugang zur Innenstadt berücksichtigt. Mit dem Sozialen Zentrum wird die Landschaft bereits etablierter Zentren mit Schwerpunkt Kultur wie z.B. KAZ und musa und Schwerpunkt Soziales wie z.B. Haus der Kulturen um eine wichtige Facette in der Innenstadt erweitert.

In dem Sozialen Zentrum soll Raum für Nachbarschaft und Miteinander, Erinnerung und Begegnung, Kreativität sowie Beratung und Unterstützung entstehen. Anteilig kann auch sozial leistbarer Wohnraum geschaffen werden. So sind im Erdgeschoss (Nordflügel) bspw. eine Dauerausstellung mit Bezug zum Platz der Synagoge sowie Wechselausstellungen und Veranstaltungen z.B. zum Themenbereich Ausgrenzung/Solidarität vorgesehen. Im Mitteltrakt des Erdgeschosses, den ehemaligen Zellen, kann sich eine Dauerausstellung zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte der JVA Göttingen und deren Eingliederung in allgemeine Gefängnisgeschichte anschließen. Im Südflügel inkl. Ausbau des südlichen Innenhofs könnte das Nachbarschaftszentrum entstehen.

Das Bürger*innenforum Waageplatz-Viertel sieht in seinem Konzept einen konkreten Diskussionsbeitrag zur Entwicklung der nördlichen Innenstadt im Rahmen des Programms Soziale Stadt. In öffentlicher Debatte, einem noch zu gründenden Unterausschuss und einer geplanten Machbarkeitsstudie sollen die Pläne für ein Soziales Zentrum weiter konkretisiert werden. Bzgl. der Nutzung der ehem. JVA ist das Bürger*innenforum Waageplatz-Viertel bereits mit Initiativen wie Gedenkbündnis „27. Januar“ an die Opfer des NS, Geschichtswerkstatt Göttingen e.V. oder Queeres Zentrum im Gespräch. Weitere Initiativen, die am Aufbau des Sozialen Zentrums Interesse haben und sich ggf. an einer Trägerstruktur beteiligen würden, sind weiterhin herzlich eingeladen, sich am Prozess zu beteiligen.

„Uns ist wichtig, dass die zukünftige Nutzung der ehem. JVA gemeinsam mit den verschiedenen Interessengruppen offen diskutiert und gestaltet wird. Planungen in Hinterzimmern helfen uns nicht weiter. Als Initiative von AnwohnerInnen sehen wir in einem Sozialen Zentrum die große Chance, Menschen mit ihren Möglichkeiten, Plänen und Wünschen zusammenzubringen. Auch wenn es vielleicht etwas absurd klingt, wenn wir an die ehem. JVA denken – aber einschließen statt ausschließen ist hier genau der richtige Ansatz,“ erklärt Cyrille Franke.

Wir über uns:
Das Bürger*innenforum Waageplatz-Viertel ist seit März 2017 eine Anwohner*innen-Initiative in der nordwestlichen Innenstadt rund um die Straßen Obere-Masch-Str., Untere-Masch-Str., Goetheallee, Reitstallstraße, Am Leinekanal, Mühlenstr. … Wir haben wöchentliche Treffen, beteiligen uns an der Gestaltung unseres Viertels, tauschen uns mit Nachbar*innen, Politik, Verwaltung aus, setzen uns für konsequente Verkehrsberuhigung ein, haben Spaß bei Straßenfesten und wehren uns gegen soziale Verdrängung durch z.B. steigende Mieten. Beim laufenden Programm „Soziale Stadt für die nördliche Innenstadt“ bringen wir uns von Beginn an mit unseren Ideen aktiv ein und wollen zur Umsetzung des Programms u.a. im Unterausschuss mitarbeiten.

Bürger*innenforum Waageplatz-Viertel, 29. Oktober 2019

Anlage
Soziales Zentrum in der ehem. JVA – Konzept, 20191017

„Hier leben WIR!“

Worum geht’s?
Die Stadt Göttingen hat bei der EU einen Förderantrag gestellt. Sie wollen Geld haben, um das alte Gerichtsgefängnis zwischen Waageplatz und dem Platz der Synagoge zu renovieren. Die EU vergibt aber kein Geld, nur um langsam verfallende Gebäude umzubauen. Also hat man sich ein tolles Projekt zur „Aufwertung“ unseres Viertels überlegt und unseren Stadtteil zum Problemviertel erklärt. Der Waageplatz wird als „verwahrlost“ bezeichnet, und mit der Sanierung eines Gebäudes soll eine „Trinker- und Drogenszene“ verdrängt werden. Eine apokalyptische Sicht auf unser Viertel, die wir so gar nicht teilen können. Vielleicht geht aber dann doch auch eher um unsere „geringe Kaufkraft“, den hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in attraktiver Innenstadtlage und unmittelbarer Bahnhofsnähe, die für die Stadt ein Problem darstellen?

Integration? Ganz schön billig!
Damit der Antrag bei der EU eine Chance hat, will die Stadt das Projekt als Beitrag zur Integration von Geflüchteten präsentieren. Das wird konkret so aussehen, dass Geflüchtete für 80 Cent in der Stunde die ansonsten teuren Renovierungsarbeiten als „Fortbildungsmaßnahme“ übernehmen sollen. Für mehr reicht das Geld angeblich nicht. Dafür kann sich das Projekt aber 2,5 gut bezahlte Stellen für Öffentlichkeitsarbeit leisten. Wir sagen: Wer von Anfang an ein faires Projekt auf die Beine stellt, muss nicht so viele Ressourcen in die Selbstvermarktung stecken!

Mitbestimmung: Vorher oder Nachher?
Ein weiteres Kriterium, damit die EU überhaupt Kohle rausrückt, ist die Beteiligung der Menschen um das Projekt herum. Von der groß angekündigten Mitbestimmung ist bisher jedoch wenig zu spüren. Unsere Informationen müssen wir uns mühsam selbst zusammen suchen, unsere Mails bleiben unbeantwortet, über neuste Entwicklungen erfahren wir aus der Zeitung. Wir wollen aber mehr, als nur im Nachhinein die Farbe der Wände zu bestimmen! Wenn Beteiligung, dann doch bitte richtig.

Was heißt hier Aufwertung?
Das 100 Betten-Hostel, welches in der ehemaligen JVA entstehen soll, soll unser Viertel “revitalisieren“, sprich aufwerten. Klingt doch erst mal super, oder? Wir wollen schließlich alle, dass unser Viertel noch lebenswerter wird. Aufwertung im Sinne der Stadt heißt leider genau das Gegenteil: Der ökonomische Wert des Viertels soll steigen, die Fassaden hübscher werden, die Mieten werden sich erhöhen, das Leben im Viertel soll Platz machen für Profit. Eine Folge: Innenstädte werden für Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen immer unbewohnbarer, ganze Viertel werden zu Spekulationsobjekten. Wohnraum geht verloren, statt, wie eigentlich nötig, neu geschaffen zu werden. Also: Wissenschaftlich gesehen ist ein städtisch gefördertes Hostel -an dieser Stelle, zu dieser Zeit- das Paradebeispiel für staatlich geförderte Gentrifizierung. Wir sagen: Anstatt die Gentrifizierung unseres Viertels noch voranzutreiben, sollte die Stadt lieber an Möglichkeiten arbeiten, genau diese Tendenzen zu verhindern!

Unsere Vereinzelung ist unsere Stärke
Solange wir alleine in unseren Wohnungen sitzen, erscheinen uns die Entwicklungen um uns herum unveränderbar und übermächtig. Erst wenn wir im Viertel zusammen kommen, stellen wir fest, dass andere Menschen ganz ähnliche Probleme haben wie wir. Und wir merken auch, dass wir gemeinsam etwas verändern können. Nichts steht einer schleichenden sozialen Verdrängung mehr entgegen, als eine gut vernetzte und organisierte Nachbarschaft. Das hat sich in der Vergangenheit in Göttingen und anderswo immer wieder gezeigt.

Was kann ich tun?

  • 1. Informiere dich und rede über das Thema, mit deinen Freunden, deiner Familie, deinen Arbeitskolleg*innen und Politiker*innen. Wie die Stadt von morgen aussieht geht alle was an und muss besprochen werden!
  • 2. Vernetze dich mit deiner Nachbarschaft. Was ist EUCH wichtig? Lerne viele nette neue Leute kennen!
  • 3. Werde Mitglied in einem Mieter*innenverein. Nicht jede Mieterhöhung ist gerechtfertigt, manche kannst du mit genügend Know-How im Rücken anfechten!
  • 4. Dich interessiert genau die Entwicklung im Waageplatzviertel? du wohnst hier? Komm zu unserem Treffen jeden Dienstag um 18h in der OM10, oder schreib uns ´ne Mail an: kontakt (@) waageplatz-viertel.org

Alle Zitate sind der deutschsprachigen Version des UIA-Antrags zu Projekt „Canal Q“ entnommen.