Gemeinde-Diakonisse Minna Siebrecht

Minna Siebrecht (Foto: Dr. Traudel Weber-Reich)

Krankenschwester in der Johannisgemeinde

Minna Siebrecht (1898-1990), Diakonisse des Diakonissen-Mutterhauses Henriettenstift in Hannover, war seit 1. Oktober 1941 als Gemeindeschwester in der Göttinger Johannisgemeinde tätig und wohnte in der Paulinerstraße 2, direkt neben der Kirche. In Göttingen habe man „immer gut zu tun“, schrieb sie in ihrem Jahresbericht von 1943 ans Henriettenstift. 4703 Krankenbesuche hatte sie in diesem Jahr abgestattet, dazu 462 Fürsorgebesuche und 15 Nachtwachen. 165 Kranke hatte sie gepflegt, davon waren 141 Frauen, 15 Männer und neun Kinder. Diese Angaben bestätigen die allgemeine Beobachtung, dass sich die karitative Gemeindepflege seit dem 19. Jahrhundert zu einer umfassenden Familienpflege entwickelt hatte, die sich über die eigentliche Krankenpflege hinaus auf Bereiche der Kinder- und Erwachsenenfürsorge erstreckte. Demzufolge konnten Gemeindeschwestern einen großen Einfluss auf Gemeindemitglieder ausüben. Dies war auch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt klar. Deshalb sollten Pflegerinnen von christlichen Schwesternschaften durch NS-Gemeindeschwestern ersetzt werden, die bestrebt seien, „mit der pflegerischen Versorgung nationalsozialistisches Gedankengut bis in das letzte Haus in Deutschland [zu] tragen“. In den evangelischen Gemeinden der Stadt versahen jedoch Diakonissen weiterhin und sogar mit verstärktem Einsatz ihren Dienst. Von ihrer Zentrale Alt-Bethlehem aus waren vier selbständige Gemeindepflegen entstanden: Neben Schwester Minna arbeiteten Berta Scheidereiter (Jg. 1895, Albanigemeinde), Else Reime (Jg. 1881, Jacobigemeinde) und Auguste Kipker (Jg. 1885, Mariengemeinde).

Gefangene im Gefängnis Obere-Masch-Straße

Schwester Minna war 46 Jahre alt und in ihrem 17. Dienstjahr, als sie miterlebte, wie am 23. und 24. November 1944 die ersten Bomben auf die Göttinger Innenstadt fielen, die 10 Menschen töteten und zahlreiche Gebäude beschädigten, darunter auch in der Unteren- und Oberen-Masch-Straße und an der Johanniskirche. Danach zählte auch sie zu den „Ausgebombten“. Das Stift Alt-Bethlehem konnte die Mitschwester wegen Platzmangels nicht aufnehmen. So nahm sie eine Unterkunft in der Wohnung von Else Grisail, einer früheren Patientin, in der Roten Straße 28 an. Bald nach ihrem Einzug wurden beide Frauen verhaftet. Was war geschehen?

Bei dem Luftangriff war auch das Gefängnis getroffen worden und einige Häftlinge konnten entkommen, wie Albert Hampe, promovierter Agrarwissenschaftler aus Jühnde. Als NS-Gegner war er bespitzelt worden und schließlich wegen „Hörens eines englischen Senders“ und „Wehrkraftzersetzung“ in Untersuchungshaft geraten. Hampe flüchtete in die Wohnung von Frau Grisail, mit deren Mann er früher befreundet gewesen war. Zur weiteren Flucht brauchte er Kleidung und Proviant. Entschlossen holte Minna Siebrecht alles per Fahrrad aus dem 13 km entfernten Jühnde herbei, woraufhin Hampe verschwand. Mitbewohner des Hauses hatten dennoch diesbezügliche Vorgänge wahrgenommen und sogleich Anzeige erstattet. Frau Grisail, die ohnehin im Verdacht stand, illegal Abtreibungen vorgenommen zu haben (vermutlich, so der Vorwurf, gemeinsam mit Schwester Minna), wurde sofort verhaftet. Schwester Minna wurde verhört und einige Tage danach, am 13. Dezember 1944, festgenommen. Beide Frauen wurden ins Gefängnis (1972 in JVA umbenannt) gebracht.

Auch Albert Hampe entkam seinen Verfolgern nicht. Wie erst nach dem Krieg bekannt wurde, hatten sich Rechtsanwalt Hermann Föge und einige Ärzte erfolgreich für ihn eingesetzt, so dass er „alles [während der NS-Zeit] gut überstanden“ habe. Die Autorin konnte Ende der 1990er Jahre über Frau Alma Hampe, eine Verwandte, die Albert von Kindheit an kannte, erfahren, dass dieser sich als Kind durch einen Pferdetritt schwere Gesichtsverletzungen zugezogen hatte, die mehrere Operationen erforderlich machten, jedoch nicht ohne entstellende Narbenbildungen ausheilten. Aus dieser Zeit bestanden engere Kontakte zu Chirurgen, die ihm jetzt, in seiner lebensgefährlichen Situation, offenbar zu einem Gutachten mit der Diagnose „Schizophrenie“ verhalfen. Ein Rettungsanker, der einen Prozess vor dem Volksgerichtshof abgewendet hatte. Schwester Minna und Frau Grisail blieben nur kurze Zeit im Gefängnis. Als Pastor Ködderitz, damals Gefängnisgeistlicher, sie dort aufsuchen wollte, waren sie bereits von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen worden. Über das weitere Schicksal von Else Grisail ist leider nichts bekannt. Minna Siebrecht indes stand schon am 22. Dezember 1944 vor Gericht, wo sie ebenfalls von Rechtsanwalt Föge vertreten wurde. Dieser schätzte ihre Lage für „sehr ernst“ ein, da es sich um den Vorwurf der „Begünstigung eines politischen Verbrechens“ handelte.

Mutterhausvorsteher Pastor Dr. Otto Meyer und die leibliche Schwester von Minna Siebrecht, Louise Goetze aus Boffzen im Kreis Holzminden, nahmen an der Verhandlung teil. Meyer trat als Leumundszeuge auf. Schwester Minna wurde eingehend vernommen, doch sollte die Urteilsverkündung erst erfolgen, wenn Dr. Hampe abgeurteilt sei. Vorsteher Meyer hielt dazu in einer Aktennotiz fest: „Schwester Minna war zu dem Termin entlassen, hatte lediglich die Auflage erhalten, sich sofort nach dem Termin wieder bei der Gestapo zu melden. So hatte ich die Gelegenheit, ausführlich vor und nach dem Termin mit Schwester Minna zu sprechen. Ich habe sie auf ihr Verschulden hingewiesen, auch auf die Not, die sie dem Mutterhaus bereitete, habe ihr selbstverständlich auch innerlich zu helfen versucht. Ich war mir nicht ganz klar, ob sie wohl ihre Schuld wirklich in der Tiefe erkannte“.

Mayer gab demzufolge der Diakonisse zu verstehen, dass sie schwere Schuld auf sich geladen und nicht im Sinne des Mutterhauses gehandelt habe, es sogar in Gefahr gebracht habe. Dem gegenüber war sich Minna Siebrecht keiner Schuld bewusst. Keinen Gedanken verlor sie, um das Mutterhaus oder gar sich selbst zu schützen. Vom Augenblick ihrer Entscheidung an handelte sie aus einer persönlichen christlichen Überzeugung heraus. Noch 1947 ließ sie ihre Oberin Marie Fromme in Hannover wissen: „Ich habe nach Gottes Willen und meinem Gewissen getan, als ich dem Menschen half, der in Lebensgefahr war und hatte in der ganzen schweren Zeit ein gutes Gewissen und kann jederzeit u. mit jedermann darüber sprechen. Im Stift meint man zwar immer noch, daß ich ‚unklug gehandelt‘ hätte. Man versteht mich eben darin nicht“.

Gefangene im „Arbeitserziehungslager“ der Gestapo in Hannover

Nach der Gerichtsverhandlung war Minna Siebrecht auf Befehl der Hildesheimer Gestapo wieder inhaftiert worden. In Alt-Bethlehem tauchte sie nur noch kurz in Begleitung der Gestapo auf, um Zivilkleidung zu holen und sich umzukleiden. Auch Vorsteher Meyer sah sie hier vorerst ein letztes Mal und bemerkte: „Sie war sehr aufgeregt, fast zerbrochen. Es wurde ihr jetzt wohl erst der ganze Ernst der Situation klar“. Pflichtgemäß setzte er sich weiter für die Diakonisse ein und fuhr am 23. Dezember zur Gestapo nach Hildesheim, um eine Haftentlassung zu erwirken. Dort gelangte er zu der Auffassung, dass jeder Versuch, ihr zu helfen, aussichtslos sei.

Die Gestapo brachte Minna Siebrecht nach Hannover in das Verpackungswerk Günter Wagner, Hansastraße 4, als Pelikan-Werk bekannt, das Blechfarbkästen herstellte und von der Gestapo als „Arbeitserziehungslager“ für Frauen genutzt wurde. Zu diesem gehörten auch eine „Wöchnerinnenbaracke“ für Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa sowie eine Baracke für Säuglinge. Es herrschten verheerende, unmenschliche Verhältnisse in diesem Lager; die Überlebensquote für Säuglinge lag bei kaum 50 %, weil es an allem fehlte, vor allem an Nahrung, Kleidung und Hygiene (vgl. Janet von Stillfried, 2015). Minna Siebrecht, so schreibt die Lageraufseherin Margarete Knochenhauer ans Stift, sei, „weil sie zu schade für den Fabrikbetrieb gewesen sei, in die Kinderarbeit hineingenommen, d. h. in die Betreuung der ausländischen [Zwangs-]Arbeiterkinder.“

Familienangehörige kämpften um ihre Freilassung

Währenddessen setzte sich Louise Götze unermüdlich für die Freilassung ihrer Schwester ein. Dies gelang ihr tatsächlich im Februar 1945 über den Bürgermeister von Boffzen, Friedrich Wilhelm Korte. Er sei, so Frau Goetze, „zwar ein alter, ganz alter PG [Parteigenosse], aber seit langem nicht mehr deren Mann“. Korte fuhr sogleich nach Hildesheim zur Gestapo und erwirkte ihre Entlassung. Mitten in der Nacht transportierte man Minna Siebrecht nach Boffzen zum elterlichen Haus und ließ sie frei. Was sie jedoch im Arbeitslager der Gestapo erlebt und miterlebt, erlitten und miterlitten hatte, ließ sich nicht wie eine gewöhnliche Episode vergessen oder wie eine Grippe kurieren. Aus ihren Briefen an das Mutterhaus ist fast bis zu ihrem Lebensende ein Verlangen nach intensiver Anteilnahme erkennbar, um die durch Gewalteinwirkung verursachten seelischen Qualen, die schwere körperliche Krankheiten nach sich zogen – heute würden Fachleute von einem Trauma sprechen – verarbeiten zu können. Ihre Bitten um Gehör fielen tragischer Weise vielfach auf Unverständnis oder Ablehnung.

Dr. Traudel Weber-Reich

Literaturhinweis:

Dieser Beitrag mit allen Quellen- und Literaturnachweisen ist in voller Länge abgedruckt in:

Traudel Weber-Reich: Pflegen und Heilen in Göttingen. Die Diakonissenanstalt Bethlehem von 1866 bis 1966 (= Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen, Bd. 22) Göttingen Vandenhoeck & Ruprecht 1999.

Zum erwähnten Arbeitserziehungslager siehe:

Janet von Stillfried: Zwangsarbeiter und Arbeitserziehungslager der GWV. In dies:; Das Sachsenross unterm Hakenkreuz. Reiseführer durch Hannover und Umgebung 1933-1945. Göttingen, MatrixMedia-Verlag 2015, S. 228-231.

Abbildungen:

Kontakt Dr. Traudel Weber-Reich, Göttingen