Es ist ein kühler Donnerstagvormittag im August. Die Sonne scheint auf den Gehsteig vor der Bäckerei Lutze in der Weender Straße und draußen ist viel Betrieb. In der Bäckerei von Annette Lutze ist es warm und der Tresen ist gefüllt mit Torten, Zwetschgenkuchen und Croissants. Seit drei Jahren verschenkt sie jeden Mittwochabend vor Ladenschluss Brötchen und Brot an die Nachbarschaftsküche, denn „es soll nichts weggeschmissen werden“ sagt sie. Die Bäckerei Lutze ist so seit Jahren wichtigen Bestandteil vom internationalen Mittwochskochen im Forum Waageplatz-Viertel. Nachdem wir bei einem Treffen der AG Geschichte auf ein Foto der Weender Straße aus den 70er Jahren gestoßen waren, auf welchem auch die Bäckerei Lutze zu sehen war, wurden wir neugierig, auf die Geschichte des Familienbetriebs. Seit 46 Jahren arbeitet Frau Lutze in der Bäckerei, erzählt sie. Jeden Morgen um 4:00 Uhr oder um 4:30 Uhr wird der Laden bestückt und um 6:30 Uhr geöffnet. Bis Abends steht sie dann hinter dem Tresen. Sie erzählt, dass die Bäckerei im April 1963 in der Weender Straße 88 eröffnet wurde. Hier war auch vorher schon eine andere Bäckerei drin. Die Ausübung des Bäckereihandwerks liegt in der Familie, schon ihr Großvater hatte in Grone eine Bäckerei geführt. Ihr Vater hatte dann in Hann. Münden eine Ausbildung als Bäcker- und Konditormeister gemacht. Es zog ihn aber zurück in die größere Stadt und er eröffnete den Familienbetrieb in der Weender Straße. Lange wurde dieser vom Großvater und Vater in der Bäckerstube und der Mutter im Verkauf geleitet. 1980 entschied sich Annette Lutze eine Ausbildung im elterlichen Betrieb zu machen. Auch für die Botanik hatte sie sich interessiert.

Im Laden gibt es eine große Auswahl an Gebäck. Die Backwaren werden von ihrem Bruder, der Bäckermeister ist und einem Konditor, mit welchem sie schon lange zusammenarbeiten gebacken.
Es gibt Rumkugeln, Heidesand, Croissants, Apfelballen und Zimtwecken, Schweineohren, Zuckerkuchen und Johannisbeerkuchen. Dainter an der Wand liegen Roggen- und Körnerbrote und Brötchen. Die verschiedenen Körnerbrote kamen erst in den 80er Jahren auf, davor gab es vor allem Roggen und Weizenbrot aber auch die Rosinenstuten und Sesam- und Mohnbrötchen. Die kleinen dreieckigen Roggenbrötchen taufte ihre Mutter Pflastersteine, aber nur wegen der Form, versichert sie lächelnd, sie sind ganz weich. Dies war in den 80er Jahren als es in Göttingen eine starke linksautonome Protestbewegung gegen Aufrüstung und Rechtsextremismus und eine starke Hausbesetzer*innenszene gab. Ihre Mutter hat immer viel gearbeitet und sich gleichzeitig um die 4 Kinder gekümmert.
Auf die Frage hin, was sie am meisten schätzt an ihrem Beruf, antwortet sie lachend, den Kontakt mit den Kunden. Die Arbeit, die „muss man mit Herz machen“ sagt sie, denn es ist immer sehr viel zu tun, freie Tage hat sie kaum. Manchmal kommen noch Kund*innen vorbei. die sie seit den Anfangsjahren kennt. Einige haben nun schon Kinder und Enkelkinder. Von vielen die regelmäßig bei ihr einkaufen, kennt sie die Namen, aber nicht alle könne sie sich merken, erzählt sie lachend. Die Stimmung ist herzlich im Laden. In der Zeit, in welcher wir das Gespräch führen, kommen viele unterschiedliche Menschen herein. Die meisten kennt sie. Es wird gelacht und kurz geschnackt, über die vielen Wespen und das saftige Brot und Grüße an Bekannte ausgerichtet. Aber „es könnte aber auch noch mehr Betrieb sein“ sagt sie. Eine gute Nachbarschaft ist zentral für sie und lebt mit der Bäckerei einen Nachbarschaftlichen und herzlichen Umgang. „In der Nachbarschaft hilft man sich“, antwortet sie auf die Frage hin, was eine gute Nachbarschaft für sie ausmacht, und es ist wichtig sich kennenzulernen. So werden auch an ihre Nachbarläden Werkzeug und Leitern verliehen und auch mal ihr Schaufenster geputzt. Als einer der wenigen konstanten Geschäfte in der Weender Straße hat die Bäckerei das Viertel seit über 60 Jahre geprägt. Bald wird die Bäckerei Lutze schließen, doch die Herzlichkeit und Verbindungen welche im Geschäft entstanden, werden das Viertel noch lange prägen.
Mo Ario
Bildquelle:
Ario, Mo. Aus: Meinhardt, Günther und Höltken, Jürgen. Göttingen im 19. und 20. Jahrhundert. Städtische Sparkasse Göttingen.