Das Hauptgebäude der Landeskorrektionsanstalt und des Arbeitserziehungslagers Breitenau befand sich im Mittelschiff der einstigen Klosterkirche.

Exkursion der AG Geschichte des Viertels zur Gedenkstätte Breitenau


Am 21. Juni 2026 reiste die AG Geschichte zur Gedenkstätte Breitenau bei Guxhagen südlich von Kassel. Dort türmten sich zwar die Gewitterwolken, aber die Führung begann auch zunächst in einem Seminarraum in der alten Zehntscheune, die mit ihren hoch aufragenden Treppengiebeln schon von der Autobahn aus zu sehen ist. Der Historiker Marius Heidel erläuterte hier die Entwicklung der Institutionen in Breitenau vom preußischen Landesarbeitshaus über das nationalsozialistische KZ und Arbeitserziehungslager bis zum geschlossenen „Mädchenerziehungsheim“ für „schwer erziehbare“ junge Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde erst 1973 geschlossen, fast hundert Jahre nach dem Einzug der ersten „Korrigenden“ (1874) in das einstige Benediktinerkloster. Danach folgte ein Rundgang um und durch die Klosterkirche, die das Hauptgebäude der Anstalt bildete. Durch das Querhaus, das heute noch von der Gemeinde Guxhagen als Kirche genutzt wird, ging es in den Häftlingshof und dann in den Westbau der Kirche, in welchen 1874 ein massives Treppenhaus eingebaut wurde. Von hier aus gelangt man zu den Duschen, die in den 1920er Jahren im Erdgeschoss des Langhauses installiert wurden. Auf halber Treppe befindet sich seitlich die Isolierzelle und im ersten Obergeschoss ein Ausstellungsraum, wo gerade eine Wanderausstellung zu den frühen Konzentrationslagern besichtigt werden kann. Schließlich erhielten wir im Seminarraum Einblick in ausgewählte Häftlingsakten, die trotz des geringen Umfangs viel über den Umgang mit den Menschen, ihre Schicksale und die Hintergründe ihrer Verhaftung verraten. Im Obergeschoss befindet sich zudem eine Dauerausstellung mit einem Klostermodell und eindringlichen Kunstinstallationen, die an das Leid der Insassen erinnern sollen.


Bestraft für Armut

Die verschiedenen Einrichtungen in Breitenau haben große Ähnlichkeit zu einem Gefängnis, obwohl die wenigsten Insassen nach heutigem Verständnis etwas „verbrochen“ hatten, außer, dass sie arm waren und sich mit Bettelei am Leben hielten, als Vagabunden umherzogen oder auf andere Art und Weise nicht in das vorherrschende Ideal des ortsgebundenen, „werktätigen Menschen“ passten, der sich mit einem „ordentlichen“ Beruf seinen Lebensunterhalt verdiente. In Breitenau sollten diese Personen durch Zwangsarbeit und strengste Disziplin zu einer „geordneten“ Lebensführung „erzogen“ werden. Der Anstaltsalltag war durch Schikane, Demütigungen und Elend geprägt. Breitenau war gefürchtet wegen seiner ruppigen Aufseher, die darauf auch noch stolz waren. Die Zustände dort sind für die Geschichte des Maschviertels insofern von Interesse, weil sich im Gerichtsgefängnis (der späteren JVA) zunächst ebenfalls mehrere „Vagabunden-Zellen“ befanden. Über die Menschen, die dort eingesperrt worden sind, ist bisher aber nichts bekannt.


Die Räume haben sich teilweise noch im Originalzustand erhalten

Während die Gebäude des einstigen Arbeitshauses und KZ Moringen, die im November 2023 Ziel einer Exkursion der Geschichts-AG waren, auch heute noch für den Maßregelvollzug genutzt werden, steht das Hauptgebäude der Landeskorrektionsanstalt Breitenau weitgehend leer. Wie erwähnt, haben sich sogar noch die originalen Duschen erhalten. Was zunächst als eine Errungenschaft gelten konnte, wurde ab 1933 zur Schikane verkehrt: Statt warmem Wasser wie zuvor, kam nur noch kaltes Wasser aus der Leitung. Die Duschen wurden überdies zum Bestandteil eines entwürdigenden Begrüßungsrituals: Die Neuankömmlinge mussten sich entkleiden,wurden unter die kalte Dusche getrieben und dann mit Gummiknüppeln nackt ins Freie gejagt. Alle privaten Dinge nahm man ihnen vorher ab. So schuf man einen harten Einschnitt, der den Insassen ihre alte Persönlichkeit nahm und jeglichen Stolz und Widerstandsgeist brach.

Die Isolierzelle nebenan, ein enger, hoher Raum mit einer alten Toilette und einem hochgelegenen, vergitterten Fenster, erinnert an die Zellen in der ehemaligen JVA in Göttingen. An der Wand haben sich noch Graffiti erhalten, etwa die Skizze des Anstaltsleiters, der immer eine Melone trug und Zigarre rauchte, oder Linienbündel, mit denen die Häftlinge die Tage zählten. Allerdings saßen viele Insassen keine festen Strafzeiten ab, sondern ihre Aufenthaltsdauer lag willkürlich in der Hand der Anstaltsleitung. Meist kamen sie nicht vor einem oder zwei Jahren aus den Klostermauern hinaus, während des Dritten Reiches sogar zunehmend gar nicht mehr, denn für viele Häftlinge führte der Weg dann in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager.


Sonntägliche Konfrontation mit der „freien“ Gemeinde

Die Insassen des Arbeitshauses und des Arbeitserziehungslagers nahmen auch an den Gottesdiensten im östlichen Teil der einstigen Klosterkirche teil. Sie saßen im nördlichen Querhaus, in nächster Nachbarschaft zu den „freien“ Gemeindegliedern. Ähnlich wie im Zuchthaus Celle, kam es auch hier allwöchentlich zu einer direkten Konfrontation der ortsansässigen Bevölkerung mit den „Korrigenden“. Auch sonst gab es zahlreiche „Kontaktstellen“ zwischen der Anstalt und der Bevölkerung der umliegenden Orte – das Landesarbeitshaus war also keineswegs isoliert. Die zuletzt 38 Aufseher und Oberaufseher kamen aus den umliegenden Dörfern. In der Kasseler Presse wurde etwa 50 Mal die Einrichtung von Konzentrationslagern thematisiert; das Arbeitslager Breitenau wurde als beispielhaft vorgeführt und über eine „Weihnachtsfeier“ berichtet.


Umfangreiches Archivmaterial liefert erschreckende Einblicke

Die gründliche Aufarbeitung der Geschichte des NS-Arbeitserziehungslagers und des preußischen Arbeitshauses war möglich aufgrund archivalischer Glücksfälle, durch die sowohl eine Großteil der Fallakten als auch die Gefangenenaufnahmebücher erhalten blieben. Außerdem werden einzelne Schicksale auch durch andere Dokumente erhellt. Das Schicksal der jüdischen Ärztin Lilly Jahn aus Kassel wird durch hunderte Briefe lebendig, die sie aus der Haft an ihre Kinder schrieb (und diese ihr eifrig antworteten). Die Briefe sind der Hauptbestandteil eines Spiegel-Bestsellers, den einer ihrer Enkel, Martin Doerry, verfasste. Lilly Jahn sah die Freiheit nicht wieder, sondern starb im Konzentrationslager Auschwitz. Für das Gerichtsgefängnis Göttingen hat sich aus der Zeit des Nationalsozialismus nur das Gefangenenbuch von 1943/44 erhalten. Darin taucht der Name „Breitenau“ ebenfalls mehrmals auf: mindestens zwei weibliche Gefangene wurden dorthin abtransportiert – Emma W. aus Wiensen (Abtransport am 16. März 1944) und Lina R. aus Steinke (Abtransport am 20. April 1944). Was mit ihnen in Breitenau geschah, konnte noch nicht ermittelt werden, ebenso der Grund ihrer Verhaftung. Allerdings wurde damals nicht mehr besonders zwischen den Korrigenden des Arbeitshauses, den Häftlingen des Arbeitserziehungslagers und „strafgefangenen“, weiblichen Häftlingen unterschieden; sie nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein und schliefen gemischt (lediglich streng nach Geschlechtern getrennt). Ohnehin waren die Gebäude gegen Ende des Krieges völlig überbelegt, die Situation chaotisch.


Gedenkstättenarbeit ist bitter nötig

In der Gedenkstätte Breitenau wird seit vierzig Jahren nicht nur gründlich die Geschichte der Institutionen erforscht, sondern auch Schulklassen und anderen Besuchergruppen vorbildlich vermittelt. Dies ist umso nötiger, als in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das Verdrängen vorherrschte: Die Gräber der Insassen auf dem Anstaltsfriedhof wurden z.B. ohne das Wissen der Angehörigen auf die Burg Ludwigstein transloziert – dort waren sie „aus dem Blick“. Die Opfer einer Erschießungsaktion zum Ende des Krieges erhielten nur einen anonymen Gedenkstein ohne Hinweis auf die Tat selbst, der jetzt am Weg zur Klosterkirche aufgestellt wurde. Erschreckend: Im nahe gelegenen Ort Oberaula trafen sich noch 1984 Angehörige der Waffen-SS, Division Totenkopf, unter dem Decknamen „Urlaubergemeinschaft Ilmensee“. Ein Aktionsbündnis, das sich dagegen engagierte, stieß auf Widerstand in der örtlichen Bevölkerung, die sich mit den „alten Kameraden“ solidarisierte und dem antifaschistischen Bündnis aus DGB, Jusos, Grünen, der DKP und Verfolgten des Naziregimes (VVN) unterstellte, Terror zu befürworten. Die Arbeit der Gedenkstätte wird vom Hessischen Landeswohlfahrtsverband unterstützt, der als Inhaber der Liegenschaft dort weiterhin Wohngruppen mit psychisch kranken Menschen betreibt (die aber längst „offen“ sind). Derzeit werden die Gebäude teilweise renoviert.

Literaturhinweise

Wolfgang Ayaß, Das Arbeitshaus Breitenau. Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Zuhälter und Fürsorgeempfänger in der Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau (1874-1949) (Diss. Kassel 1992). – online: https://urn.fi/urn:nbn:de:hebis:34-2008101524505

Gunnar Richter, Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem (Diss. Kassel 2004). – online: https://d-nb.info/972184406

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