{"id":874,"date":"2023-11-30T18:13:01","date_gmt":"2023-11-30T17:13:01","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=874"},"modified":"2023-12-10T18:43:18","modified_gmt":"2023-12-10T17:43:18","slug":"gefaengnisseelsorge-in-der-alten-jva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/11\/30\/gefaengnisseelsorge-in-der-alten-jva\/","title":{"rendered":"Gef\u00e4ngnisseelsorge in der alten JVA"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_875\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-875\" class=\"wp-image-875 size-medium\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b-281x300.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b-281x300.jpg 281w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b-768x820.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b-959x1024.jpg 959w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b-624x666.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090925b.jpg 1738w\" sizes=\"auto, (max-width: 281px) 100vw, 281px\" \/><p id=\"caption-attachment-875\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Justitia&#8220;, Kapitell am Portal des fr\u00fcheren Obergerichtsgeb\u00e4udes.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Schon im 18. Jahrhundert, als die ersten gro\u00dfen Gef\u00e4ngnisse entstanden, erkannte man, dass H\u00e4ftlinge in Gef\u00e4ngnissen nicht nur von der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Vielmehr sei es geboten, sich nicht nur im Rahmen der \u201echristlichen Liebest\u00e4tigkeit\u201c, sondern auch mit dem Blick auf ihre sp\u00e4tere Freilassung darum zu bem\u00fchen, ihnen eine Lebensperspektive zu bieten (z.B. John Howard und Elizabeth Fry in England, vgl. Brandt 1985, S. 21ff.). Theodor Fliedner begann im Rheinland 1825 damit, regelm\u00e4\u00dfig Gottesdienste in Gef\u00e4ngnissen abzuhalten. Er bemerkte dabei, dass viele Gefangene gro\u00dfe Defizite in ihrer Schulbildung besa\u00dfen, und den Tag bei Karten- und W\u00fcrfelspiel zubrachten. Er forderte, die Gefangenenh\u00e4user sollten, statt \u201emoralische Pestanstalten\u201c zu sein, der Besserung und Ausbildung der H\u00e4ftlinge dienen, um sie vor dem R\u00fcckfall in die Kriminalit\u00e4t zu bewahren. Der Arzt Nikolaus Heinrich Julius aus Hamburg versuchte, die Ursachen der Kriminalit\u00e4t empirisch zu ergr\u00fcnden. Er sah in der industriellen Revolution die Gefahr, dass die famili\u00e4ren Strukturen, die den Menschen Halt gegeben hatten, durch den Fortschritt zerbrachen, und r\u00fccksichtsloses Profitstreben das Handeln bestimmte. Unter seiner Federf\u00fchrung wurden ab 1840 f\u00fcr Preu\u00dfen die ersten Richtlinien f\u00fcr eine Gef\u00e4ngnisreform und die Gefangenenseelsorge entworfen. Auch im K\u00f6nigreich Hannover wurde die Seelsorge in den \u201eGefangenh\u00e4usern\u201c 1842 durch ein Gesetz geregelt (Kirchenkreisarchiv G\u00f6ttingen, Stadtsuperintendentur, Akte A 341 II). Die Gerichte sollten demnach mit einem Geistlichen vereinbaren, dass dieser alle 14 Tage eine \u201eErbauungsstunde\u201c abh\u00e4lt, oder einzelne Gefangene auf Wunsch unabh\u00e4ngig davon aufsucht. Die \u201egeistliche Pflege der Gefangenen\u201c sollte in ihnen eine \u201ereligi\u00f6se und moralisch gute Stimmung, Reue, Bu\u00dfe und Bekehrung\u201c hervorrufen und st\u00e4rken, durfte sich aber nicht speziell auf den Verfahrensinhalt beziehen, au\u00dfer, die Gefangenen gestanden ihnen wichtige Details. Die Priester sollten zudem \u201eErbauungsb\u00fccher\u201c organisieren, die die Gefangenen lesen konnten. Nach Bedarf konnte auch Unterricht in der \u201echristlichen Religion und Sittenlehre\u201c erteilt werden. 1857 wurde die \u201eInstruction, die christliche Seelsorge bei den in Gefangenh\u00e4usern verhafteten Personen betreffend\u201c noch einmal erneuert, auf <\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">die geltenden Gesetze abgestimmt und \u201ethunlichst\u201c eine geistliche Pflege der Betroffenen eingefordert.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_876\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-876\" class=\"size-full wp-image-876\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"1136\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie.jpg 900w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie-238x300.jpg 238w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie-768x969.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie-811x1024.jpg 811w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_154438-Kopie-624x788.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><p id=\"caption-attachment-876\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Instruction&#8220; zur Seelsorge in den Gef\u00e4ngnissen des K\u00f6nigreichs Hannover von 1857. Quelle: Kirchenkreisarchiv G\u00f6ttingen, Stadtsup., A 341 II (Seelsorge 1817-1924).<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">In G\u00f6ttingen wurde nunmehr der Hilfspfarrer Carl Wilhelm Haenell von St. Marien mit der Seelsorge betraut. Die Akten, die sich im Kreiskirchenarchiv dazu erhalten haben, bieten neben wertvollen Informationen zur allgemeinen sozialen Lage auch einen Einblick in den Alltag im \u201eGefangenenhaus\u201c am Waageplatz (KKA, Stadtsup., A 341 II). In dem Konvolut befinden sich auch \u00e4ltere Briefe an den Pfarrer von St. Marien, in denen er z.B. nach dem Lebenswandel von Angeklagten befragt wurde, vor allem aber nach Geburts- und Taufzeugnissen ausw\u00e4rtiger Personen, die w\u00e4hrend der 1820er\/30er Jahre als uneheliche Kinder im G\u00f6ttinger \u201eEntbindungshaus\u201c, dem sogenannten Accouchierhaus, zur Welt gekommen waren (vgl. zu \u00e4hnlichen F\u00e4llen Schlumbohm 2018, S. 163ff.). Gelegentlich finden sich Angaben zum Beruf der Betroffenen oder ihrer Eltern: Es handelte sich demnach um Tagel\u00f6hner, Landarbeiter und Hausknechte. Ihr Alter lag um 20-30 Jahre, teilweise aber auch nur bei 14-17 Jahren. Die Angeklagten waren in Weende, Bremke, Reckershausen, Northeim, Beienrode, Eschershausen, Moringen, Bishausen und Osterode ans\u00e4ssig, was den weiten Zust\u00e4ndigkeitsbereich des Gef\u00e4ngnisses (und der Geburtsklinik) illustriert. Prediger wurden auch damit beauftragt, \u201eReinigungseide\u201c von Angeklagten entgegenzunehmen, etwa 1845 von zwei Husaren aus Osnabr\u00fcck, die der K\u00f6rperverletzung beschuldigt wurden. Hierf\u00fcr waren allerdings die Garnisons-Prediger zust\u00e4ndig. <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_880\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-880\" class=\"wp-image-880 size-medium\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_153821_Kreiskirchenarchiv-Kopie-300x254.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_153821_Kreiskirchenarchiv-Kopie-300x254.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_153821_Kreiskirchenarchiv-Kopie-768x651.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_153821_Kreiskirchenarchiv-Kopie-1024x868.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_153821_Kreiskirchenarchiv-Kopie-624x529.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-880\" class=\"wp-caption-text\">Das Briefsiegel der Staatsanwaltschaft des Obergerichts G\u00f6ttingen, von einem Brief der Kronanwaltschaft an den Superintendenten Rocholl vom 18.10.1875, KKA G\u00f6ttingen, Stadtsup., A 341 II (Seelsorge 1817-1924).<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Handelte es sich hierbei meist um Bitten um eine Auskunft oder Amtshilfe, so kamen die Pastoren auch schon vor 1857 in engeren pers\u00f6nlichen Kontakt mit straff\u00e4lligen Personen. 1855 wurde beispielsweise ein \u201eKnabe\u201c Wilhelm F. aus Reifenhausen der besonderen F\u00fcrsorge des Predigers anempfohlen. Er war wegen Diebstahl zu einer zweimonatigen Haft verurteilt worden, die sogar \u201edurch Einsamkeit versch\u00e4rft\u201c sein sollte. Die alternative Unterbringung in einem \u201eRettungshause\u201c hatte sich wegen der Weigerung der Eltern zerschlagen, eine daf\u00fcr notwendige Erkl\u00e4rung abzugeben. Die \u201eRettungsh\u00e4user\u201c waren sozialp\u00e4dagogische Einrichtungen zur F\u00f6rderung \u201everwahrloster\u201c Kinder, die in einer pietistischen Tradition Anfang des 19. Jahrhunderts gegr\u00fcndet wurden, etwa von Johannes Daniel Falk und Johann Heinrich Wichern. Das Schicksal des G\u00f6ttinger Jungen muss man sich jedoch aus diesen d\u00fcrren Zeilen zusammenreimen. Weitere Details zu jugendlichen H\u00e4ftlingen erf\u00e4hrt man im ersten Bericht des Hilfspfarrers Haenell zur Amtsf\u00fchrung als Gef\u00e4ngnisseelsorger in den Jahren 1857\/58. Damals waren zwei Jungen im Alter von 13 und 16 Jahren im Gef\u00e4ngnis inhaftiert, die noch nicht konfirmiert waren. Der Dreizehnj\u00e4hrige war schon zum zweiten Mal bestraft. Nach Einsch\u00e4tzung des Geistlichen \u201efehlte es ihm nicht an religi\u00f6ser Erkenntnis\u201c, aber er sei \u201eganz verdorben\u201c. Er lie\u00df ihn die ersten beiden Abschnitte des Katechismus auswendig lernen: \u00fcber die zehn Gebote und den Glauben. Ob er den Jungen damit auf Dauer von einer Gef\u00e4ngniskarriere abhalten konnte, sei dahingestellt. Der Sechszehnj\u00e4hrige, der wegen Diebstahls verurteilt worden war, konnte nicht lesen und \u201ewar ohne alle Religionserkenntnis\u201c. Haenell stellte daher den Antrag, ihm Unterricht erteilen zu lassen. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Nach der Einsch\u00e4tzung des Hilfspfarrers war allerdings \u201edie Mehrzahl der Gefangenen\u201c, also auch die \u00c4lteren, \u201edes Unterrichts bed\u00fcrftig\u201c. Die Geschichten und Personen der Bibel waren ihnen oft nicht n\u00e4her bekannt. So antwortete einer auf die Frage, warum Christus gekreuzigt worden sei, \u201eweil er den Apfel gegessen habe\u201c. Da Haenell nicht alleine diesem Defizit beisteuern konnte, schlug er vor, einen Lehrer f\u00fcr die Gefangenen anzustellen, der ihn auch als Vors\u00e4nger in den Betstunden unterst\u00fctzen k\u00f6nne. Nach l\u00e4ngeren Bem\u00fchungen wurde im Oktober 1862 dem Lehrer Bartels eine Verg\u00fctung von 40 Reichsthalern gew\u00e4hrt. Soweit die Gefangenen lesen konnten, gab der Hilfspfarrer Haenell ihnen Texte zum Auswendiglernen und Studieren vor, damit sie die Zeit in den \u201eCojen\u201c sinnvoll verbringen konnten. Etliche nahmen diese Anregung auch dankbar an. Andere spielten in \u00fcberzogener Weise Demut vor, indem sie laut seufzten und beteten, so dass die W\u00e4rter auf sie aufmerksam wurden. Unter dem Deckmantel der Reue begingen sie erneut \u201eSchlechtigkeiten\u201c und wurden von Haenell \u201eentsetzlicher L\u00fcgen\u201c \u00fcberf\u00fchrt. Worum es sich genau handelte, berichtet er leider nicht, aber seine Entt\u00e4uschung war gro\u00df. W\u00e4hrend der ein bis zwei Jahre, in denen Hilfspfarrer Haenell damals schon im Gef\u00e4ngnis Andachten veranstaltete und die H\u00e4ftlinge betreute, hatte er immerhin erkannt, dass die abgebr\u00fchten Mehrfach-Verurteilten weitgehend unempf\u00e4nglich f\u00fcr \u201egeistliche Einwirkung\u201c waren. Desillusioniert wurde er auch durch den Umstand, dass, falls Gefangene bei ihm um Rat nachsuchten, es oft \u201eweltliche Dinge\u201c waren, die sie besch\u00e4ftigten, worauf er nur selten einging.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_877\" style=\"width: 294px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-877\" class=\"wp-image-877 size-medium\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090933c-284x300.jpg\" alt=\"\" width=\"284\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090933c-284x300.jpg 284w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090933c-768x812.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090933c-624x659.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20230501_090933c.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 284px) 100vw, 284px\" \/><p id=\"caption-attachment-877\" class=\"wp-caption-text\">&#8222;Ecclesia&#8220;, Kapitell am Portal des Obergerichtsgeb\u00e4udes.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Der Hilfspfarrer Haenell hielt ein Mal in der Woche eine Betstunde ab, die im Zeugenzimmer des Schwurgerichts stattfand: im Sommer Montag nachmittags um 16 Uhr, im Winter Dienstag morgens um 9 Uhr. Nach seiner Einsch\u00e4tzung herrschte dabei \u201eAufmerksamkeit und Andacht\u201c, allerdings litten die Bibeln und die Gesangb\u00fccher durch die ruppige Behandlung. Au\u00dferdem traf er die H\u00e4ftlinge zwei bis drei Mal w\u00e4hrend ihres Aufenthaltes zu einer pers\u00f6nlichen \u201eVermahnung\u201c: einmal bald nach dem Haftantritt, bei Untersuchungsgefangenen direkt vor der Urteilsverk\u00fcndung und dann vor ihrer Entlassung. In einem \u201eMonatsbuch\u201c (das er sp\u00e4ter an die Staatsanwaltschaft aush\u00e4ndigen musste) notierte er sich, was er bei den Treffen mit jedem H\u00e4ftling besprochen hatte. Er wollte ihnen zu Beginn verdeutlichen, dass die Zeit im Gef\u00e4ngnis die M\u00f6glichkeit zur Reue und Bu\u00dfe vor Gott bietet, und sie am Ende davor warnen, r\u00fcckf\u00e4llig zu werden. Die Untersuchungsh\u00e4ftlinge ermahnte er zur Wahrhaftigkeit vor dem Richter, den er als Stellvertreter Gottes betrachtete. Hier wird deutlich, dass Haenell eine obrigkeitliche Theologie predigte, der aus Sicht der Zielgruppe etwas theoretisches anhaften musste. Ihm waren allerdings auch durch den gesetzlichen Rahmen sehr enge Grenzen im Umgang mit den Gefangenen gesteckt. Er war jederzeit auf die enge Kooperation mit der Gef\u00e4ngnisleitung und der Staatsanwaltschaft angewiesen, deren Bereitwilligkeit er zwar unterstrich, aber nat\u00fcrlich auch nicht aufs Spiel setzen wollte. So gab es Kritik an seiner Auswahl an \u201eErbauungsb\u00fcchern\u201c, weil der Staatsanwalt der Ansicht war, dass \u201egr\u00f6\u00dfere Predigten, oder Missionsb\u00fccher f\u00fcr \u00e4u\u00dfere Mission\u201c im Gef\u00e4ngnis nicht am \u201erechten Orte\u201c seien, \u201eweil die Gefangenen derartige gr\u00f6\u00dfere Werke schwerlich lesen, und noch weniger verstehen w\u00fcrden\u201c. Zudem lie\u00df sich Haenell vom Gef\u00e4ngnisdirektor auch hinsichtlich seines Umgangs mit den Gefangenen beraten, denn dieser besa\u00df schon eine l\u00e4ngere \u201eBerufserfahrung\u201c. F\u00fcr die H\u00e4ftlinge bot die Gef\u00e4ngnisseelsorge sicher auch eine willkommene Abwechslung im eint\u00f6nigen Gef\u00e4ngnis-Alltag. Eine Stunde lang konnten sie ihre Zelle verlassen; der gemeinsame Gesang, so ungewohnt er den meisten auch war, wird sich positiv auf die Stimmung ausgewirkt haben. In den individuellen Gespr\u00e4chen mit dem Pastor erlebten sie, dass sich jemand ihnen zuwendete, nach ihrem Befinden fragte und sich sogar bem\u00fchte, ihnen Unterricht und eine geistige Anregung f\u00fcr die \u00fcbrigen Tage zu vermitteln. Je nachdem, welche Bibelpassagen Hilfspfarrer Haenell f\u00fcr seine Betstunde ausw\u00e4hlte \u2013 meist handelte es sich um Texte, die am Sonntag zuvor beim offiziellen Gottesdienst behandelt worden waren \u2013 bzw. wie er sie interpretierte, zogen etliche sicher innere Kraft und eine religi\u00f6se Erkenntnis daraus.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_878\" style=\"width: 910px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-878\" class=\"size-full wp-image-878\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_161657-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"900\" height=\"964\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_161657-Kopie.jpg 900w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_161657-Kopie-280x300.jpg 280w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_161657-Kopie-768x823.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231023_161657-Kopie-624x668.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><p id=\"caption-attachment-878\" class=\"wp-caption-text\">Titelseite des &#8222;Zweiten Berichts \u00fcber der Wirksamkeit des Vereins f\u00fcr entlassene Str\u00e4flinge in der Stadt G\u00f6ttingen\u201c, 1846\/47, Quelle:\u00a0Kirchenkreisarchiv G\u00f6ttingen, Stadtsup., A 364 (Gef\u00e4hrdetenf\u00fcrsorge).<\/p><\/div>\n<h2><strong><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Der \u201eVerein f\u00fcr Gefangenenf\u00fcrsorge in G\u00f6ttingen\u201c<\/span><\/em><\/strong><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Heute erscheinen uns viele Intentionen und Zielvorstellungen der damaligen Gef\u00e4ngnisseelsorge realit\u00e4tsfern, ber\u00fccksichtigt man die soziale Not und die raue Wirklichkeit, mit denen die Insassen des Gef\u00e4ngnisses, die meist aus armen Verh\u00e4ltnissen stammten, nach dem Ende ihrer Haft konfrontiert waren. Schon im Dezember 1844 war deshalb ein Verein gegr\u00fcndet worden, der sich um die Wiedereingliederung von H\u00e4ftlingen aus G\u00f6ttingen nach ihrer Freilassung bem\u00fchte (KKA, Stadtsup. A 354). Er hatte schon bald etwa hundert Mitglieder und k\u00fcmmerte sich im ersten Jahr um 15 H\u00e4ftlinge (elf M\u00e4nner und vier Frauen) aus \u201eKetten-Strafanstalten, Zuchth\u00e4usern und criminellen Arbeitsh\u00e4usern\u201c, bis 1847 dann um insgesamt 34 Personen. Zum Vergleich: 1857 waren im Gef\u00e4ngnis in G\u00f6ttingen 1587 Personen inhaftiert, 1856 sogar 1922, davon allerdings die Mehrzahl nur sehr kurz, und au\u00dferdem sind bei diesen Zahlen auch \u201eVagabunden\u201c mit eingerechnet, die \u201eauf dem Transport\u201c im Gef\u00e4ngnis untergebracht wurden. Die Zahl der Untersuchungsh\u00e4ftlinge belief sich 1856 auf 233 Personen, 1857 auf 155 Individuen. Die Werte lassen sich zwar schlecht vergleichen, da nur ein geringer Teil der H\u00e4ftlinge aus der Stadt G\u00f6ttingen selbst kam, und umgekehrt vom Verein viele H\u00e4ftlinge aus anderen Haftanstalten betreut wurden; zudem haben sich nur zwei Jahresberichte erhalten. Dennoch lassen sie die gro\u00dfe Aufgabe erahnen, die sich die Mitglieder gestellt hatten. Die Versammlungen des Vereins fanden im Saal des Waisenhauses statt, was sein Wirken im Kontext der fr\u00fchen Sozialf\u00fcrsorge verdeutlicht. Als Pr\u00e4sident stand dem Verein der Stadtsuperintendent Rettig vor; Vizepr\u00e4sident war Pastor Carl Heinrich Miede von der Marienkirche, der auch das Armen-Werkhaus und das Siechenhaus leitete (vgl. Hammann 2002, S. 567, 571). Als Schatzmeister wirkte der Bankier Benfey. Die \u201ePfleglinge\u201c wurden jeweils von dem zust\u00e4ndigen Pastor und einem weltlichen \u201ePfleger\u201c betreut, und zwar je nach Konfession durch unterschiedliche Mitglieder des Vereins. Der \u201eOeconom\u201c (Landwirt) Albert Quentin aus der Groner Tor-Stra\u00dfe war f\u00fcr ehemalige H\u00e4ftlinge in der Mariengemeinde zust\u00e4ndig.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_879\" style=\"width: 236px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-879\" class=\"wp-image-879 size-medium\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede-226x300.jpg 226w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede-768x1021.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede-771x1024.jpg 771w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede-624x829.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/20231112_120303b_Karl-Heinrich-Miede.jpg 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><p id=\"caption-attachment-879\" class=\"wp-caption-text\">Pastor Carl Heinrich Miede (1788-1851). Bild in der Sakristei der Marienkirche.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Die H\u00e4ftlinge, die vom Verein im ersten Jahr betreut wurden, hatten in Hameln, Peine und Celle, also in ausw\u00e4rtigen Gef\u00e4ngnissen eingesessen. F\u00fcnf der H\u00e4ftlinge wurden entweder von Verwandten betreut, wurden gleich wieder straff\u00e4llig, oder s\u00e4mtliche Versuche zur \u201eBesserung\u201c scheiterten, weshalb sie im Bericht als \u201esittlich verdorbenes Subject\u201c und hilfloser Fall gewertet wurden. Drei jugendlichen H\u00e4ftlingen wurde die Ausreise nach Holland oder Amerika finanziert, wo sie sich \u201ezu besseren Menschen bilden sollten\u201c oder zum Milit\u00e4r gingen; einer von ihnen kehrte zur\u00fcck und wurde wieder straff\u00e4llig. Den verbliebenen sieben ehemaligen H\u00e4ftlingen organisierte der Verein Arbeit und gab ihnen \u201edie n\u00f6thige Anleitung zu einem bessern Leben\u201c, um die \u201egefallenen Br\u00fcder\u201c auf die \u201everlassene Bahn des Heiles\u201c zur\u00fcckzubringen. Die einstigen H\u00e4ftlinge wurden f\u00fcr ihre bereitwillige Mitarbeit gelobt, aber auch betont, dass es von Vorteil war, dass sich der Verein sofort um ihre elementaren Bed\u00fcrfnisse k\u00fcmmerte, weshalb sie nicht wieder gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt durch Diebstahl zu bestreiten. Die Ausgaben hierf\u00fcr waren im ersten Jahr mit 26 Thalern, 4 Gutengroschen und 4 Pfennigen trotzdem nur doppelt so hoch wie die Kosten f\u00fcr den Druck des Jahresberichtes und andere Formalia, die 13 Thaler und 18 Gutegroschen kosteten; f\u00fcr die Auswanderung nach Amerika wurden 40 Thaler und 4 Gutegroschen verausgabt). Dem Bericht der Jahre 1846 und 1847 ist zu entnehmen, dass einige ehemalige H\u00e4ftlinge im \u201eArmen-Arbeitshaus\u201c in der Angerstra\u00dfe 2 t\u00e4tig waren, das von 1818 bis 1911 bestand. Es wurde zeitweise von Pastor Miede geleitet. Andere waren trotz einer mittlerweile aufgenommenen T\u00e4tigkeit weiter auf die Unterst\u00fctzung durch den Verein angewiesen. Mehrere ehemalige H\u00e4ftlinge hatten sich gar nicht mehr gemeldet oder der Hilfe des Vereins entzogen, wo man sich durchaus der Schwierigkeit bewusst war, \u201eeingerostete b\u00f6se Gewohnheiten und Leidenschaften zu \u00e4ndern und zu bessern\u201c, und sich freute, wenn \u201eauch nur eine Seele vom Verderben\u201c errettet werden konnte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Aus den 1870er Jahren sind einige Informationsb\u00f6gen zu weiblichen Insassen des Zuchthauses in Lingen erhalten geblieben, die aus G\u00f6ttingen stammten. Sie geben Einblick in ihre traurigen Schicksale. So wird Friederike Caroline Elisabeth D., die drei Jahre wegen Meineid im Zuchthaus eingesessen hatte, mit 67 Jahren als \u201ealt und schw\u00e4chlich\u201c beschrieben. Sie war auf einem Auge blind und daher auf Unterst\u00fctzung angewiesen. Sie lebte von ihrem Ehemann getrennt und besa\u00df schon ein l\u00e4ngeres Strafregister (meist wegen Diebstahl). Sie hoffte, sich mit Spinnerei \u00fcber Wasser halten zu k\u00f6nnen, was angesichts der zunehmenden Mechanisierung allenfalls in einem Armen-Werkhaus eine \u201esinnvolle\u201c Besch\u00e4ftigung sein konnte. Im Zuchthaus galt sie als uneinsichtige Querulantin, ben\u00f6tigte in G\u00f6ttingen aber ein Obdach und wendete sich deshalb an den Verein. Die Witwe Elise N., die kaum weniger auf dem Kerbholz hatte, besch\u00e4ftigte sich w\u00e4hrend ihrer Zeit im Zuchthaus mit \u201eGeldb\u00f6rsensticken\u201c. Die 18-j\u00e4hrige Lisette B., die 6 Monate wegen Betrug und Diebstahl eingesessen hatte, beabsichtigte, sich nach der R\u00fcckkehr aus der Haft zun\u00e4chst mit \u201eB\u00fcrsten einziehen\u201c zu ern\u00e4hren und dann einen Dienst zu finden. Ihre Mutter hatte neun Kinder, und der Vater war weggelaufen. Rosine Sophie M. war wegen Widerstand gegen den Gerichtsvogt, falscher Anschuldigung und Beleidigung zu 9 Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt worden und wurde als eine \u201eheftige, zu Gewaltth\u00e4tigkeit geneigte Person bezeichnet\u201c. Sie betrachtete sich jedoch als Opfer der Justiz, habe zwischenzeitlich fast den Glauben aufgegeben und bitte nun Tag und Nacht um Vergebung. Sie habe schwache Nerven und galt zeitweise als \u201egeistesgest\u00f6rt\u201c. Die Dokumente verdeutlichen, mit welchen Schicksalen die engagierten Mitglieder des Gefangenen-Hilfsvereins konfrontiert wurden. Die \u201ePfleger\u201c, die sich pers\u00f6nlich um sie k\u00fcmmerten, ben\u00f6tigten viel Geduld, Menschenkenntnis und eine gute Hand bei der Wiedereingliederung in die st\u00e4dtische Gesellschaft. Es wird sich jedesmal herumgesprochen haben, wer da aus Lingen zur\u00fcckkam, denn in der kleinen Stadt an der Leine, die damals noch nicht \u00fcber den Wall hinausgewachsen war, kannte (fast) jeder jeden. Der raue Ton im Umgang miteinander wird an den Anekdoten deutlich, die um die Altwarenh\u00e4ndlerin Biene Gassmann \u00fcberliefert sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Die Notlage im ersten Weltkrieg und die Inflation lie\u00dfen die Arbeit des Vereins zum Erliegen kommen, weshalb er danach noch einmal neu begr\u00fcndet wurde. Mit der Sozialgesetzgebung war Ende des 19. Jahrhunderts zugleich der Grundstein zu einer staatlichen F\u00fcrsorge f\u00fcr die ehemaligen H\u00e4ftlinge gelegt worden. Das \u201esoziale Netz\u201c, das hierdurch gespannt wurde, war freilich anfangs noch sehr l\u00fcckenhaft, die finanzielle und praktische Hilfeleistung unzureichend. Seit 1925 f\u00fchrt das &#8222;Schwarze Kreuz e.V.&#8220; die Arbeit der Gefangenenhilfe ehrenamtlich fort. J\u00e4hrlich werden z.B. zu Weihnachten Pakete f\u00fcr die H\u00e4ftlinge gepackt, Brieffreundschaften angeregt oder Inhaftierte besucht.<\/span><\/p>\n<h2><strong><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Sophie Kunert-Benfey, die erste weibliche Gef\u00e4ngnisseelsorgerin<\/span><\/em><\/strong><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Die Mariengemeinde blieb im 20. Jahrhundert ein sozialer Brennpunkt, weshalb sich auch Pastor Bruno Benfey, der seit 1927 die 2. Pastorenstelle in der Nachfolge des Hilfspfarrers Haenell versah, schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Seelsorge von Arbeitern, armen Handwerkern, Kleingewerbetreibenden und anderen Angeh\u00f6rigen der Unterschichten konfrontiert war. Die Gefangenenseelsorge verrichtete er nebenamtlich. Das Gef\u00e4ngnis am Waageplatz befand sich mittlerweile im Gemeindebezirk der Marienkirche (im 19. Jahrhundert geh\u00f6rte es noch zur Jacobikirche). Seine zweite Frau, Sophie Kunert-Benfey, die er am 2. Januar 1934 heiratete, hatte ebenfalls praktische Erfahrungen in der Gef\u00e4ngnisseelsorge, denn sie war als erste eingesegnete, examinierte Theologin im Frauengef\u00e4ngnis in Hamburg-Fuhlsb\u00fcttel angestellt gewesen, und hatte dort eine Dissertation zur Straff\u00e4lligkeit von Frauen verfasst. M\u00f6glicherweise blieben die Charakterb\u00f6gen f\u00fcr die H\u00e4ftlinge aus Lingen deshalb in der G\u00f6ttinger Akte zur Gef\u00e4ngnisseelsorge erhalten, weil sie damals aufgehoben wurden, w\u00e4hrend andere Unterlagen des Gefangenen-Hilfs-Vereins vernichtet wurden. Dies w\u00fcrde erkl\u00e4ren, weshalb nur noch die B\u00f6gen von Frauen existieren: Sie standen im Fokus der Arbeit von Sophie Kunert-Benfey (die ihren Dienst aber schon vor der Heirat wegen Streitigkeiten und dem allgemeinen Berufsverbot f\u00fcr beamtete Frauen quittiert hatte). Ihre Dissertation wurde von dem Psychologen William Stern betreut, der Ende Oktober 1933 als \u201eNichtarier\u201c entlassen wurde. Sein Institut wurde zun\u00e4chst noch von seiner Mitarbeiterin Martha Muchow geleitet, die aber als \u201emarxistisch eingestellte Demokratin\u201c denunziert und ebenfalls ihre T\u00e4tigkeit aufgeben musste. Sie nahm sich daraufhin das Leben. William Stern, der die Formel f\u00fcr den Intelligenzquotienten erfand, emigrierte in die USA, starb aber schon 1938 (vgl. zu ihren Biographien <a href=\"https:\/\/zumfeindgemacht.de\/fall\/martha-muchow\/\">https:\/\/zumfeindgemacht.de\/fall\/martha-muchow\/<\/a>). Er vertrat den \u201ePersonalismus\u201c als psychologische Theorie, bei der \u201ePerson\u201c und \u201eWelt\u201c als zwei Faktoren betrachtet wurden, die in ihrem Zusammentreffen die Bedingungen einer Situation bestimmen. Sophie Kunert-Benfey sah in den Gefangenen nicht Verbrecher, sondern arme Menschen, die selbst Mitleid verdient hatten. Nicht antisoziale Energie, die diesen Menschen innewohnte, sondern Unselbst\u00e4ndigkeit, Verlusterfahrungen und Entt\u00e4uschungen betrachtete sie als Ursache f\u00fcr die Straff\u00e4lligkeit. Unter \u201eihren\u201c Verbrecherinnen fand sie vor allem \u201eabh\u00e4ngige Menschen\u201c, die sich nicht selbst verwirklichen konnten, sondern sich beschr\u00e4nkten und \u201eeinklammerten\u201c (Kunert-Benfey 1933, S. 3). Sie waren \u201everbogen\u201c, und der Faktor Welt stand ihnen \u201e\u00fcberm\u00e4chtig\u201c gegen\u00fcber, so dass ihre personale Struktur in Gefahr geriet, \u201eaufgelockert\u201c zu werden, ohne unbedingt pathologisch zu sein. Die Tendenz, sich in Abh\u00e4ngigkeiten zu begeben (gelegentlich sogar freiwillig), f\u00fchrte bei einigen zur Bindung an sektiererische Gruppen und einer unduldsamen Haltung, w\u00e4hrend andere in fatalistischer Weise zu magischen und okkulten Handlungen neigten (Kunert-Benfey 1933, S. 169-171).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Die Berichte zu Sophie Kunerts Examenspredigt in Fuhlsb\u00fcttel sind aufschlussreich zur Wirkung der seelsorgerischen T\u00e4tigkeit auf die Gefangenen, auch wenn es sich ausschlie\u00dflich um weibliche Gefangene handelte, und dem Pastor in G\u00f6ttingen vermutlich in der Mehrzahl m\u00e4nnliche Insassen in der Betstunde lauschten. Der Hamburger Pfarrer Wilhelm Theodor L\u00fcder schildert die \u201evon innerer Ergriffenheit zeugende lautlose Stille der Gefangenen\u201c, w\u00e4hrend sie Sophie Kunerts lauschten (zitiert nach Hering 1997, S. 25). Eine Beamtin des Gef\u00e4ngnisses, Aloysia Marie Helene Batsche, war beeindruckt von ihren einfachen, aber warmen, klaren und aufmunternden Worte voll dem\u00fctiger Fr\u00f6mmigkeit. \u201egebannt und \u00fcberw\u00e4ltigt\u201c seien alle gewesen, als sie ihre Pflegebefohlenen \u201edas rechte Beten lehrte\u201c. Die Gesichter der \u201esonst so unruhigen Frauen\u201c waren gefesselt, und selbst diejenigen, die lange nicht gebetet hatten, falteten die H\u00e4nde. Dennoch erhielt Sophie Kunert erst nach l\u00e4ngerem Kampf das Recht, auch das Abendmahl auszuteilen. Sie verstand den Gottesdienst als Erziehungsarbeit, denn kriminelles Verhalten resultierte ihrer Ansicht nach aus der Entfremdung von der Kirche und damit dem Verlust sittlicher Ma\u00dfst\u00e4be (so Hering 1997, S. 39). Doch selbst ihr fiel es oft schwer, die Herzen der misstrauischen Frauen zu gewinnen, die oft schwere Erlebnisse hinter sich hatten, um sie zu Gott zur\u00fcckzuf\u00fchren, zu tr\u00f6sten und zu st\u00e4rken. Dabei ma\u00df sie dem Singen eine wichtige Rolle bei, denn heilige, sakrale Musik k\u00f6nne mehr wie das Wort \u201edem ge\u00f6ffneten und gewohnten Ohr die sendende Wellen\u00fcbertragung in ein Reich nicht von dieser Welt erm\u00f6glichen\u201c (Zitat nach Hering 1997, S. 42). Zugleich aber versuchte sie, durch \u201epsychotechnische \u00dcbungen\u201c die \u201ebeeintr\u00e4chtigte Mentalit\u00e4t\u201c von Langzeitgefangenen positiv zu beeinflussen (Hering 1997, S. 44). Ihrer Beobachtung nach gerieten sie durch die Einsamkeit und Erlebnisleere in der Anstalt h\u00e4ufig in Zust\u00e4nde des mechanischen Gr\u00fcbelns, die sie nicht von sich aus \u00fcberwinden konnten (Kunert-Benfey 1933, S. 9f.). Bei diesem, oft reflexierenden Nachdenken besch\u00e4ftigten sie \u201eletzte Lebensfragen\u201c wie Schicksal und Schuld, Gerechtigkeit und N\u00e4chstenliebe, schlie\u00dflich ein Leben nach dem Tod, ein m\u00f6gliches \u201eletztes Gericht\u201c und Gott. Die psychologische \u00dcbung bestand darin, dass die Person zu einem vorgegebenen Wort oder einem Text Assoziationen \u00e4u\u00dferen sollte. Hierdurch wird eine Selbstbeurteilung provoziert, die z.T. eine regelrechte \u201eseelische Ersch\u00fctterung\u201c herbeif\u00fchrte. Dagegen stand Sophie Kunert der zwangsweisen Einf\u00fchrung der anthroposophischen Eurythmie, die die Hamburger Anstaltsleiterin Elisabeth Ellering durchsetzte, kritisch gegen\u00fcber (Hering 1997, S. 48).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">An den Beispielen zeigt sich, dass die Gefangenenseelsorge und die F\u00fcrsorge f\u00fcr die H\u00e4ftlinge in der Oberen Masch, aber auch aus weit entfernten Zuchtanstalten eine wichtige Rolle im karitativen Leben der Stadt im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert spielte. Heute sind die H\u00e4ftlinge hingegen in der JVA Rosdorf weitgehend den Blicken der Stadtbewohner entzogen, und es gibt kaum noch Kontaktm\u00f6glichkeiten. Die Reintegration ehemaliger Gef\u00e4ngnisinsassen in die Gesellschaft ist Aufgabe staatlicher Institutionen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"> Thomas K\u00fcntzel<\/span><\/em><\/p>\n<h2><em><strong><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Archivalien und Literatur:<\/span><\/strong><\/em><\/h2>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Kirchenkreisarchiv G\u00f6ttingen, Stadtsuperintendentur, Akte A 341.II: Gefangenenseelsorge, Seelsorge 1817-1924).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Kirchenkreisarchiv G\u00f6ttingen, Stadtsuperintendentur, Akte A 364: Gef\u00e4hrdetenf\u00fcrsorge.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Peter Brandt, Die evangelische Gefangenenseelsorge. Geschichte \u2013 Theorie \u2013 Praxis (G\u00f6ttingen 1985).<\/span><\/span><\/p>\n<p>Konrad Hammann, Geschichte der evangelischen Kirche in G\u00f6ttingen (ca. 1650-1866)<span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">. In: <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Ernst B\u00f6hme\/ Dietrich Denecke (Hg.),<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\"> Geschichte der Stadt G\u00f6ttingen, Band 2: <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg bis zum Anschluss an Preu\u00dfen. Der Wiederaufstieg als Universit\u00e4tsstadt (1648-1866)<\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">(G\u00f6ttingen 2002), S. 525-586.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Rainer Hering, Die Theologinnen Sophie Kunert, Margarete Braun, Margarete Schuster. Hamburgische Lebensbilder 12 (Hamburg 1997).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Sophie Kunert(-Benfey), Straff\u00e4lligkeit bei Frauen: ihre Entstehung und Beschaffenheit (Diss. Leipzig 1933; Hamburger Untersuchungen zur Jugend- und Sozialpsychologie 5).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Fee Lautenschl\u00e4ger, Das Armen-Arbeitshaus. Auf: G\u00f6ttingen.Sozial. Eine Topografie zur G\u00f6ttinger Sozialgeschichte vom 18 bis ins fr\u00fche 20. Jahrhundert, online: <a href=\"https:\/\/goettingensozial.wordpress.com\/2013\/01\/16\/das-armen-arbeitshaus\/\">https:\/\/goettingensozial.wordpress.com\/2013\/01\/16\/das-armen-arbeitshaus\/<\/a><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">Philipp Meyer, Die Pastoren der Landeskirche Hannovers und Schaumburg-Lippes seit der Reformation (G\u00f6ttingen 1953).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><span style=\"font-size: medium\">J\u00fcrgen Schallmann, Arme und Armut in G\u00f6ttingen 1860-1914. Studien zur Geschichte der Stadt G\u00f6ttingen 25 (G\u00f6ttingen 2014).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">J\u00fcrgen Schlumbohm, Verbotene Liebe, verborgene Kinder. Das Geheime Buch des G\u00f6ttinger Geburtshospitals 1794-1857 (G\u00f6ttingen 2018).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Kerstin S\u00f6derblom, Sophie Kunert-Benfey. In: Traudel Weber-Reich, \u201eDes Kennenlernens werth\u201c. Bedeutende Frauen G\u00f6ttingens (1993), S. 276-288.<\/span><\/p>\n<p>Kerstin S\u00f6derblom, 500 Jahre Reformation &#8211; von Frauen gestaltet. Sophie Benfey-Kunert. Dreifacher Einsatz, online:\u00a0http:\/\/frauen-und-reformation.de\/?s=bio&amp;id=35<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Hans Wiesenfeld, Aus der Geschichte der Mariengemeinde 1930-1970 (Teil 1). Gemeindebrief St. Marien 15, Heft 1, Januar\/Februar 1978, S. 15-16.<\/span><\/p>\n<p>Sophie Benfey-Kunert ist als Nr. 22465 in der &#8222;Holocaust survivors and victums database&#8220; des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) eingetragen:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ushmm.org\/online\/hsv\/show_doc_person.php?start_doc=22465\">Benfey, Sophie geb. Kunert<\/a><\/p>\n<p>Schwarzes Kreuz. Christliche Straff\u00e4lligenhilfe e.V.:\u00a0https:\/\/naechstenliebe-befreit.de\/informieren\/unser-thema\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon im 18. Jahrhundert, als die ersten gro\u00dfen Gef\u00e4ngnisse entstanden, erkannte man, dass H\u00e4ftlinge in Gef\u00e4ngnissen nicht nur von der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollten. Vielmehr sei es geboten, sich nicht nur im Rahmen der \u201echristlichen Liebest\u00e4tigkeit\u201c, sondern auch mit dem Blick auf ihre sp\u00e4tere Freilassung darum zu bem\u00fchen, ihnen eine Lebensperspektive zu bieten (z.B. John [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-874","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=874"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/874\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":891,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/874\/revisions\/891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=874"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}