{"id":732,"date":"2023-06-30T16:46:18","date_gmt":"2023-06-30T14:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=732"},"modified":"2023-09-01T11:48:58","modified_gmt":"2023-09-01T09:48:58","slug":"von-der-senatorenvilla-zur-sackstopferei-das-gelaende-suedlich-des-waageplatzes-im-19-20-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/06\/30\/von-der-senatorenvilla-zur-sackstopferei-das-gelaende-suedlich-des-waageplatzes-im-19-20-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Von der Senatorenvilla zur Sackstopferei: Das Gel\u00e4nde s\u00fcdlich des Waageplatzes im 19.\/20. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #444444; font-size: 1rem;\">Das s\u00fcdliche Ende des Waageplatzes wirkt heute unspektakul\u00e4r: Parkpl\u00e4tze und das DKV-B\u00fcrohochhaus haben alle historischen Spuren verwischt. Das Hochhaus galt in den 1980er Jahren sogar als Negativbeispiel einer nicht an die Umgebung angepassten Bauweise (etwa im Planungsleitbild 1988, S. 249). Die Stadtverwaltung war damals stolz auf die \u00fcberarbeitete Gestaltungssatzung, die vorschrieb, wie ein Geb\u00e4ude in den Bestand einzuf\u00fcgen war, ohne das Stra\u00dfenbild zu st\u00f6ren, z.B. wie viele Stockwerke es haben durfte, wie es gegliedert sein sollte und wie das Dach gestaltet sein sollte. Heute mag man z.T. anders dar\u00fcber denken, gilt doch die Architektur der Moderne mittlerweile auch grunds\u00e4tzlich denkmalpflegerisch als erhaltenswert, und zumindest das DKV-Hochhaus ist sehr viel feiner gegliedert als z.B. das ehemalige Hertie-Kaufhaus (heute Carr\u00e9).<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_733\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-733\" class=\"size-full wp-image-733\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"862\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie.jpg 1200w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie-300x216.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie-768x552.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie-1024x736.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091540-Kopie-624x448.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-733\" class=\"wp-caption-text\">Entwurf f\u00fcr die Villa des Senators Hesse, 1883 (Stadtarchiv G\u00f6ttingen)<\/p><\/div>\n<p>Die Fotos und Pl\u00e4ne im Stadtarchiv geben Einblick, welches Geb\u00e4ude hier vor dem Bau des Hochhauses gestanden hat: Eine pr\u00e4chtige Villa im historistischen Stil, mit einem weitl\u00e4ufigen Garten. \u00dcber dem Leinekanal erhob sich ein Gartenpavillon. Die Villa wurde 1883 von dem M\u00fcllermeister Hermann Hesse errichtet, der sp\u00e4ter Senator beim Rat der Stadt wurde. Er kam aus einer M\u00fcller-Dynastie, die auch in der Gro\u00dfen M\u00fchle (Stockleffm\u00fchle) wirkte. Zw\u00f6lf Jahre sp\u00e4ter entstand ein Gartenpavillon.<\/p>\n<div id=\"attachment_734\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-734\" class=\"wp-image-734 size-medium\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie-300x272.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie-300x272.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie-768x696.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie-1024x928.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie-624x566.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_091735-Kopie.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-734\" class=\"wp-caption-text\">Entwurf zu einem Gartenpavillon auf dem Grundst\u00fcck Obere Masch Stra\u00dfe 8, 1895 (Stadtarchiv G\u00f6ttingen)<\/p><\/div>\n<p>Die Villa wurde im ausgedehnten Gartenbereich des Hauses Obere Masch Stra\u00dfe 8 gebaut, das urspr\u00fcnglich der Familie Hesse geh\u00f6rte. Eine Br\u00fccke f\u00fchrte direkt \u00fcber den Leinekanal zur M\u00fchle. Zwischen Waageplatz und dem Grundst\u00fcck Obere Masch Stra\u00dfe 8 floss damals noch der Maschbach. Er wurde sp\u00e4ter verrohrt und schlie\u00dflich eine Stra\u00dfe s\u00fcdlich am Gef\u00e4ngnis vorbei zum Waageplatz angelegt. Hierf\u00fcr wurde 1932 die Parzellengrenze zur\u00fcckverlegt. Damals befand sich auf dem Villengrundst\u00fcck die Autowerkstatt H. F\u00fctterer, in der auch aus Stahlrohren M\u00f6bel hergestellt wurden. In der Villa waren mehrere Mietswohnungen eingerichtet worden. Sogar der Keller war bewohnt, was jedoch baupolizeilich beanstandet wurde. 1951 sollte das Grundst\u00fcck von einer Erbengemeinschaft verkauft werden. Die Fl\u00e4che wurde auf 2379 m<sup>2<\/sup> veranschlagt. In den einstigen St\u00e4llen war eine Sackstopferei untergebracht, deren Verkaufsgesch\u00e4ft sich in der Weender Stra\u00dfe beim Nabel befand. Es war damals geplant, 40 Garagen zu errichten. 1958 wurde die Villa abgerissen, weil sie bauf\u00e4llig war: Die Balken waren wurmstichig und vom Schwamm befallen, die Decke zum 1. Obergeschoss nicht mehr tragf\u00e4hig. An ihrem Platz wurde nun das DKV-Hochhaus errichtet, was damit zu einem der \u00e4ltesten Hochh\u00e4user der Stadt wurde (gemeinsam mit dem Geb\u00e4ude der Sparkasse am Groner Tor und dem Opel-Hochhaus).<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_735\" style=\"width: 1211px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-735\" class=\"size-full wp-image-735\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"1201\" height=\"523\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie.jpg 1201w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie-300x131.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie-768x334.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie-1024x446.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/20230309_092621b-Kopie-624x272.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 1201px) 100vw, 1201px\" \/><p id=\"caption-attachment-735\" class=\"wp-caption-text\">Briefkopf der Sackstopferei von 1951 (Stadtarchiv G\u00f6ttingen)<\/p><\/div>\n<p>Die Sackstopferei, die zeitweise in den Nebengeb\u00e4uden der Villa betrieben wurde, erinnert an ein altes Gewerbe, das in unserer Wegwerfgesellschaft l\u00e4ngst ausgestorben ist. S\u00e4cke waren in der Vormoderne so allgegenw\u00e4rtig wie heute die Paletten. Alle Sch\u00fcttg\u00fcter wurden irgendwann auf ihrem Weg zum Verbraucher oder zur Weiterverarbeitung in einem Sack transportiert. Es gab daher S\u00e4cke in unterschiedlichsten Gr\u00f6\u00dfen und Textilqualit\u00e4ten: in grober Jute und feinem Leinen, je nach Art des Sch\u00fcttgutes. Heute widmet sich z.B. das Sackmuseum in Nieheim diesem einstigen Alltagsgegenstand. Zum Flicken wurden N\u00e4hmaschinen verwendet, die f\u00fcr unterschiedlich starke Gewebe eingestellt werden konnten. Diese Arbeit wurde meist von Frauen ausge\u00fcbt. In Hildesheim errichtete die Gemeinn\u00fctzige Baugesellschaft AG z.B. 1908 eine Sackstopferei neben einem Kindergarten, damit die M\u00fctter, w\u00e4hrend ihre Kinder dort betreut wurden, ein wenig Geld verdienen konnten (Stadtarchiv Hildesheim, Arcinsys.niedersachsen.de). Am Waageplatz d\u00fcrften vor allem die \u00e4rmeren Frauen aus dem Maschviertel in der Sackstopferei gearbeitet haben. Die \u00e4rmlichen Arbeitsbedingungen gehen aus einem Brief hervor, der verfasst wurde, nachdem die Feuerwehr einen fehlenden Schornstein bem\u00e4ngelt hatte. Der Betreiber sah sich au\u00dferstande, den geforderten Schornstein zu errichten. Zus\u00e4tzlich zur Reparatur der S\u00e4cke wurde allerdings auch die Erneuerung von textilen Innenauskleidungen von Autos und Waggons angeboten. Hiermit deutet sich ein neuer Erwerbszweig an, w\u00e4hrend die S\u00e4cke als Transportmittel schon bald verschwinden sollten.<\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><em>Thomas K\u00fcntzel<\/em><\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>Stadtarchiv G\u00f6ttingen, Baupolizei XXB Fach 112 Nr. 485<\/p>\n<p>Ilka G\u00f6bel, Die M\u00fchle in der Stadt. M\u00fcllerhandwerk in G\u00f6ttingen, Hameln und Hildesheimvom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Ver\u00f6ffentlichungen des Instituts f\u00fcr Historische Landesforschung der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen 31 (Bielefeld 1993).<\/p>\n<p>Allgemeines Adressbuch f\u00fcr G\u00f6ttingen (G\u00f6ttingen 1857ff.), online: <a href=\"https:\/\/gdz.sub.uni-goettingen.de\/id\/PPN722273703\">https:\/\/gdz.sub.uni-goettingen.de\/id\/PPN722273703<\/a><\/p>\n<p>Klaus Boie, Die Entwicklung der G\u00f6ttinger Innenstadt. Planungsleitbild 1988 (G\u00f6ttingen 1989).<\/p>\n<p>Sackmuseum Nieheim: <a href=\"https:\/\/www.sackmuseum.de\">https:\/\/www.sackmuseum.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das s\u00fcdliche Ende des Waageplatzes wirkt heute unspektakul\u00e4r: Parkpl\u00e4tze und das DKV-B\u00fcrohochhaus haben alle historischen Spuren verwischt. Das Hochhaus galt in den 1980er Jahren sogar als Negativbeispiel einer nicht an die Umgebung angepassten Bauweise (etwa im Planungsleitbild 1988, S. 249). 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