{"id":684,"date":"2023-04-29T22:27:20","date_gmt":"2023-04-29T20:27:20","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=684"},"modified":"2023-09-01T11:49:58","modified_gmt":"2023-09-01T09:49:58","slug":"klein-versailles-im-hinterhof-der-stadt-wie-der-waageplatz-seinen-springbrunnen-bekam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/04\/29\/klein-versailles-im-hinterhof-der-stadt-wie-der-waageplatz-seinen-springbrunnen-bekam\/","title":{"rendered":"Klein Versailles im Hinterhof der Stadt? Wie der Waageplatz seinen Springbrunnen bekam"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Die Planungen zur Modernisierung der City sahen in G\u00f6ttingen seit den 1930er\/40er Jahren vor, die Stadt autofreundlich zu gestalten. Parkpl\u00e4tze und breite Zufahrtsstra\u00dfen sollten es Kunden erm\u00f6glichen, m\u00f6glichst bequem zu den Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen zu gelangen. Dies wurde zun\u00e4chst mit der Einrichtung der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone nicht anders, denn sie umfasste zu Beginn lediglich die zentralen Stra\u00dfen der Stadt: Die Weender Stra\u00dfe und die Groner Stra\u00dfe sowie angrenzende Winkel. Es war sogar geplant, das Johannisviertel f\u00fcr einen Busbahnhof abzurei\u00dfen. Der Waageplatz diente in diesem Szenario haupts\u00e4chlich dazu, die Zahl der Stellpl\u00e4tze f\u00fcr die Blechkutschen zu erh\u00f6hen. Auch viele Werkt\u00e4tige parkten hier, etwa Besch\u00e4ftigte des Landgerichts (und sp\u00e4ter der Staatsanwaltschaft).<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_687\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-687\" class=\"wp-image-687 size-large\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie-1024x525.png\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie-1024x525.png 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie-300x154.png 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie-768x394.png 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie-624x320.png 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Bildschirmfoto-2023-04-30-um-09.01.15-Kopie.png 1120w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><p id=\"caption-attachment-687\" class=\"wp-caption-text\">Orthofoto des Maschviertels von 1971 auf https:\/\/stadtplan.goettingen.de. Die &#8222;Parkplatzmeile&#8220;: Synagogenplatz, Waageplatz, ehemaliges Reitstall-Gel\u00e4nde.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Durch den Bau von Parkh\u00e4usern am Groner Tor und in der Hospitalstra\u00dfe entspannte sich die Situation etwas. Durch den Erfolg der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und das wachsende Bewusstsein f\u00fcr die Bedeutung der Innenstadt innerhalb des Walles als gewachsene st\u00e4dtebauliche Einheit in ihrer Gesamtheit r\u00fcckten nun die peripheren Pl\u00e4tze in das Bewusstsein der Stadtplaner: Der Wilhelmsplatz und der Waageplatz, die 1978 bzw. 1979 in \u201eSchmuckpl\u00e4tze\u201c und \u201egr\u00fcne Oasen\u201c umgewandelt wurden. Der Wilhelmsplatz diente wie der Waageplatz haupts\u00e4chlich als Parkplatz, obwohl sich hier mit der Aula der Universit\u00e4t eines der repr\u00e4sentativsten historischen Geb\u00e4ude der Stadt erhob. Das Gerichtsgeb\u00e4ude am Waageplatz wirkt mit seiner romanisierenden Fassade nicht weniger imposant. So entschloss man sich, die Freifl\u00e4chen in neue, attraktive Freizeitr\u00e4ume zu verwandeln: Parks statt Parkpl\u00e4tze, hie\u00df nun die Devise. Die Planungskonzepte der sp\u00e4ten 1980er Jahre betonen, dass damit die Anziehungskraft der Stadt auf Konsumenten gest\u00e4rkt werden sollte. Ein wichtiges Ziel war also die Bindung der Kaufkraft, wobei G\u00f6ttingen namentlich mit Kassel konkurriere, das f\u00fcr seine barocken Parkanlagen ber\u00fchmt ist (Karlsaue, Bergpark). Im Planungsleitbild 1988 wurden die Grunds\u00e4tze f\u00fcr die Baupolitik folgenderma\u00dfen formuliert: Es solle alles erhalten, angesiedelt und gef\u00f6rdert werden, was zur Lebendigkeit der Stadt beitrage (S. 10). Dies bedeute \u201eVielfalt in jeder Beziehung, Unterbringung aller denkbaren Nutzungen und T\u00e4tigkeiten\u201c sowie \u201egr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Erlebnisdichte\u201c, um zu verhindern, dass die Attraktivit\u00e4t der Innenstadt f\u00fcr ihre Bewohner und den Fremdenverkehr sinke. <\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">W\u00e4hrend der Wilhelmsplatz mit dem Denkmal f\u00fcr K\u00f6nig Wilhelm IV. (1837) bereits einen historischen Mittelpunkt besa\u00df, war der Waageplatz bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zu schmal und zu eng f\u00fcr solche \u201ePlatzm\u00f6bel\u201c. Man verfiel daher auf den Bau eines Brunnens, der aus 20 Font\u00e4nen bestand, die sich in der Mitte treffen. Ringsum begrenzen Betonw\u00fcrfel das Brunnenbecken und laden zum Hinsetzen ein. Beide Pl\u00e4tze wurden streng geometrisch in jeweils vier bzw. drei Rasenfl\u00e4chen aufgeteilt, die durch Wege getrennt sind. B\u00e4ume sorgen im Sommer f\u00fcr etwas Schatten (durften aber nicht zu gro\u00df werden, um Rasen und Blumen nicht zu schaden). Die in der Mitte halbrund ausgeschnittenen Rasenfl\u00e4chen auf dem Waageplatz wirken barock (mehr noch auf dem Wilhelmsplatz: hier sind sie auch an den Wegen halbrund ausgeschnitten, sowie an den Seiten halbrund ausgebaucht; die Bepflanzung mit Blumen verst\u00e4rkt den barocken Eindruck). Der moderne Brunnen auf dem Waageplatz wirkt nur auf den ersten Blick fremd in dieser Szenerie: Die sich in der Mitte treffenden Font\u00e4nen erinnern ein wenig an den Latona-Brunnen in Versailles, der im Mittelpunkt der Gartenanlagen des Schlosses liegt. Zwar erhebt sich dort im Zentrum eine Pyramide aus mehreren Etagen mit kleineren Font\u00e4nen (die auch zu den Seiten gerichtet sind), aber die Fr\u00f6sche, die die Font\u00e4nen ausspucken, bem\u00fchen sich doch, die G\u00f6ttin auf der Spitze der Pyramide zu treffen. Auf dem Waageplatz lie\u00df man die Figuren weg und motivierte die Besucher, sich selbst als Brunnenfigur zu \u00fcben. Der Brunnen ist sogar genau so gro\u00df wie die Froschpyramide in Versailles (bezogen auf den kurzen Durchmesser, denn der Brunnen ist oval). Der \u00e4u\u00dfere Umriss der Font\u00e4ne erinnert entfernt an das benachbarte Synagogen-Mahnmal, was den Waageplatz nicht nur symbolisch zu einem Gegenst\u00fcck des Platzes am Gewerkschaftshaus macht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Dazu passt, dass die Fassade des Oberlandesgerichts mit Renaissance-Palazzi der Florentiner Fr\u00fchrenaissance in Verbindung gebracht wird (Freigang 2002, S. 810). Das Geb\u00e4ude wurde 1854-56 von Friedrich Doeltz errichtet, der im Anschluss daran das Auditorium am Weender Tor baute. Er war durch die Hannoversche Schule beeinflusst, die um 1835-1865 den \u201eRundbogenstil\u201c favorisierte, in Abkehr vom Klassizismus, der z.B. noch die Aula am Wilhelmsplatz pr\u00e4gt (errichtet 1835-37 von Otto Pra\u00ebl). Wichtige Vertreter dieser Architekturschule waren Christian Heinrich Tramm (1819-1861), der ab 1857 das Welfenschloss erbaute (heute Technische Hochschule), und August Heinrich Andreae (1804-1846), der 1844 den Gerichtsfl\u00fcgel am Alten Rathaus in Hannover entwarf. Die Kapitelle und andere Detailformen am Oberlandesgericht in G\u00f6ttingen wirken dementsprechend eher sp\u00e4tromanisch als florentinisch. Rundbogenfenster finden sich jedoch auch am Schloss in Versailles!<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_702\" style=\"width: 770px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-702\" class=\"wp-image-702 size-full\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Waageplatz-gesamt-020_mit-Herrenchiemsee_Postkarte.jpg\" alt=\"\" width=\"760\" height=\"1018\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Waageplatz-gesamt-020_mit-Herrenchiemsee_Postkarte.jpg 760w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Waageplatz-gesamt-020_mit-Herrenchiemsee_Postkarte-224x300.jpg 224w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/Waageplatz-gesamt-020_mit-Herrenchiemsee_Postkarte-624x836.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 760px) 100vw, 760px\" \/><p id=\"caption-attachment-702\" class=\"wp-caption-text\">Der Brunnen auf dem Waageplatz, verglichen mit dem Latona-Brunnen im Park von Schloss Herrenchiemsee. Quelle: Stadtarchiv G\u00f6ttingen (Foto: U. Kaiser 1999) und Postkarte bei oldthing.de.<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">Aber wie kam der Bauplan des Brunnens nach G\u00f6ttingen? In der \u00e4lteren Literatur zum Garten von Versailles findet sich nirgends ein Plan des Brunnens. M\u00f6glicherweise erfolgte die Rezeption deshalb indirekt \u00fcber dessen Nachbau im Park von Herrenchiemsee: Dort lie\u00df K\u00f6nig Ludwig II. 1881-85 Teile des Schlossgartens von Versailles imitieren, wenn auch nicht ganz exakt. Nach seinem Tod wurden die Installationen demontiert; erst 1970-72 rekonstruierte man den Latonabrunnen. Das Becken ist etwas kleiner als das des ber\u00fchmten Vorbildes: w\u00e4hrend das Original ca. 29 x 40 m misst, besitzt die Umfassung des Brunnens in Herrenchiemsee eine Gr\u00f6\u00dfe von 24,2 x 36,3 m (gemessen an den Au\u00dfenkanten; Thiele 1978); die Pyramide mit den Figuren ist genau halb so gro\u00df wie der innere Beckendurchmesser (ca. 11 m). Der Brunnen auf dem Waageplatz hat einen \u00e4u\u00dferen Durchmesser von 12 m. Sein Ma\u00df bezieht sich also eher auf den Brunnen von Herrenchiemsee als den von Versailles.<\/span><\/p>\n<p align=\"RIGHT\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\">(Thomas K\u00fcntzel)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><i>Literatur:<\/i><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Klaus Boie, Die Entwicklung der G\u00f6ttinger Innenstadt: Planungsleitbild 1988 (G\u00f6ttingen 1989).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Christian Freigang, Architektur und St\u00e4dtebau von der Mitte dees 17. Jahrhunderts bis 1866. In: Ernst B\u00f6hme\/ Dietrich Denecke (Hg.), G\u00f6ttingen. Geschichte einer Universit\u00e4tsstadt, Band 2: Vom Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg bis zum Anschluss an Preu\u00dfen. Der Wiederaufstieg als Universit\u00e4tsstadt (1648-1866) (G\u00f6ttingen 2002), S. 765-812.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ilse R\u00fcttgerodt-Riechmann, Denkmaltopographie Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen, 5.1: Stadt G\u00f6ttingen (Braunschweig\/Wiesbaden 1982), S. 54f.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">J. Schreiber, Schloss Versailles (private Homepage). Parterre de Latone \u2013 Bassin de Latone, online: <a href=\"https:\/\/chateau-versailles.hpage.com\/1-3-1-1-2-1-latonabassin.html\">https:\/\/chateau-versailles.hpage.com\/1-3-1-1-2-1-latonabassin.html<\/a> (29.4.2023). <\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Times New Roman, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ulrich Thiele, Die Wiederherstellung der Wasserspiele in Herrenchiemsee. In: 100 Jahre Herrenchiemsee. Bavaria Foto-Band (M\u00fcnchen 1978), S. 44-45.<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Planungen zur Modernisierung der City sahen in G\u00f6ttingen seit den 1930er\/40er Jahren vor, die Stadt autofreundlich zu gestalten. Parkpl\u00e4tze und breite Zufahrtsstra\u00dfen sollten es Kunden erm\u00f6glichen, m\u00f6glichst bequem zu den Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen zu gelangen. 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