{"id":619,"date":"2023-03-09T18:14:58","date_gmt":"2023-03-09T17:14:58","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=619"},"modified":"2023-03-10T17:39:19","modified_gmt":"2023-03-10T16:39:19","slug":"wenn-die-synagoge-wieder-auftaucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/03\/09\/wenn-die-synagoge-wieder-auftaucht\/","title":{"rendered":"Wenn die Synagoge wieder auftaucht"},"content":{"rendered":"<p>Die Synagoge war neben der Staatsanwaltschaft bis 1938 das beherrschende Geb\u00e4ude im Maschviertel: Zum Synagogenplatz pr\u00e4sentierte sich eine hohe Backsteinwand mit gro\u00dfen Rundbogenfenstern und lisenengegliederter Fl\u00e4che, w\u00e4hrend zur Oberen Masch zwei schlanke, fast 20 Meter hohe, oben achteckige T\u00fcrme aufragten. Zur Unteren Masch Stra\u00dfe hin wirkte das Geb\u00e4ude bescheidener, eher wie ein \u201enormales\u201c Wohnhaus. Man mag zun\u00e4chst denken, die Synagoge habe direkt auf dem Platz gestanden, also an der Stelle des Mahnmals, aber sie erhob sich s\u00fcdlich davon, im Bereich des Hauses Obere Masch Stra\u00dfe 10 und dem Eckhaus zur Unteren Masch Stra\u00dfe. Bei Kanalbauarbeiten kamen Anfang Juli 2019 vor dem Eingang zum Eckhaus (Nr. 13) \u00fcberraschend alte Mauerreste zum Vorschein, die mit der Synagoge in Verbindung zu bringen sind. In einem Stichgraben f\u00fcr einen Hausanschluss der Abwasserleitung, der 4-6 m von der Stra\u00dfe entfernt die Fassade erreichte, war eine schmale Mauer aus Kalkbruchsteinen mit weichem M\u00f6rtel zu sehen. Sie verlief 0,65-0,85 m von der Hauswand entfernt in Ost-West-Richtung und war knapp 0,5 m breit. Zur Synagoge selbst wird sie kaum geh\u00f6rt haben; vielmehr d\u00fcrfte es sich um das Fundament der Gartenmauer um das Synagogengrundst\u00fcck handeln.<\/p>\n<div id=\"attachment_620\" style=\"width: 929px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-620\" class=\"wp-image-620 size-full\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/20190709_113943_Synagoge-Kopie.jpg\" alt=\"\" width=\"919\" height=\"722\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/20190709_113943_Synagoge-Kopie.jpg 919w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/20190709_113943_Synagoge-Kopie-300x236.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/20190709_113943_Synagoge-Kopie-768x603.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/20190709_113943_Synagoge-Kopie-624x490.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 919px) 100vw, 919px\" \/><p id=\"caption-attachment-620\" class=\"wp-caption-text\">Hinter der Baggerschaufel werden die Fundamente der Synagogenmauer sichtbar<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_621\" style=\"width: 635px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-621\" class=\"wp-image-621 size-large\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil-1024x620.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"378\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil-1024x620.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil-300x182.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil-768x465.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil-624x378.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Synagogen-Mahnmal_1974_S-04_Abb_Pfeil.jpg 1031w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><p id=\"caption-attachment-621\" class=\"wp-caption-text\">Ansicht der Synagoge vor der Zerst\u00f6rung von Nordosten; der rote Pfeil zeigt die Stelle des Fundaments an, das 2019 zum Vorschein kam.<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit dem 14. Jahrhundert gab es an wechselnden Standorten in der Stadt verschiedene Synagogen: w\u00e4hrend des Mittelalters in der J\u00fcdenstra\u00dfe und in der Speckstra\u00dfe, dann ab dem 18. Jahrhundert in der \u201eBuchstra\u00dfe\u201c (Prinzenstra\u00dfe, gegen\u00fcber der Commerzbank). Von der Inneneinrichtung dieser Synagoge hat sich nur ein 2,13 m langer Toravorhang von 1762\/63 erhalten. Nachdem das Vorderhaus der Synagoge (sie stand in einem Hinterhof) abgebrochen worden war, suchte man einen neuen Platz, um einen repr\u00e4sentativeren Neubau zu errichten. Anfangs wollte die Stadt keine Genehmigung erteilen, aber schlie\u00dflich entstand dann doch ab 1869 die neue Synagoge in den Maschstra\u00dfen. Das uns bekannte Aussehen erhielt sie in mehreren Bauphasen. Zun\u00e4chst erbaute man bis 1872 einen kleinen Saal mit einem Vorbau auf dem Eckgrundst\u00fcck zur Unteren Masch Stra\u00dfe. Die Fassade wurde im Stil der hannoverschen, von England beeinflussten Neoromanik gestaltet, mit polygonalen Eckt\u00fcrmchen und Kuppelfenstern. Der Vorbau enthielt Wohn- und Amtsr\u00e4ume der Gemeinde. Um 1895 wurde die Synagoge durch den Architekten Hans Breymann erweitert: Sie erhielt ein Querhaus sowie die beiden T\u00fcrme, und reichte nun fast bis zur Oberen Masch Stra\u00dfe. Die neoromanische Verkleidung wurde zugunsten einer einheitlichen, gelben Backsteinhaut entfernt, die gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit zu den noch erhaltenen Geb\u00e4uden der Universit\u00e4tsklinik in der Humboldtallee besa\u00df, die z.T. ebenfalls von Hans Breymann errichtet wurden. Charakteristisch sind die gro\u00dfen Rundbogenfenster, deren oberer Abschluss im Querhaus durch runde Okuli begleitet wird. Die Grundfl\u00e4che des urspr\u00fcnglich 18 x 12 Meter gro\u00dfen Saales wurde durch das Querhaus von 19 x 8 Meter Gr\u00f6\u00dfe fast verdoppelt. In den T\u00fcrmen, die Treppen zu den Emporen enthielten, \u00f6ffneten sich oben Vierpassfenster; die Zeltd\u00e4cher aus Sandstein liefen in je eine Kreuzblume aus. Zwischen den T\u00fcrmen befand sich der Toraschrein, und dahinter eine Orgelempore. Der Toraschrein war von einem Hufeisenbogen \u00fcberspannt, was einen orientalisch-hispanischen Eindruck erweckt. Das \u00f6stliche Fenster im Giebel zwischen den T\u00fcrmen zeigte einen Achtstern. Interessanterweise trat der Querraum im Inneren kaum in Erscheinung, weil seitlich durchlaufende Emporen bis zu den T\u00fcrmen durchgezogen worden waren.<\/p>\n<div id=\"attachment_622\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-622\" class=\"wp-image-622 size-full\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Goettingen_DGK_Maschgemeinde-Synagoge_txt.jpg\" alt=\"\" width=\"520\" height=\"378\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Goettingen_DGK_Maschgemeinde-Synagoge_txt.jpg 520w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/03\/Goettingen_DGK_Maschgemeinde-Synagoge_txt-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><p id=\"caption-attachment-622\" class=\"wp-caption-text\">Stadtplan mit dem Standort der ehemaligen Synagoge, A: urspr\u00fcnglicher Bau, B: Erweiterungsbau, C: Fundamentrest von 2019; rot: Grundst\u00fccke, die zur Maschgemeinde geh\u00f6rten.<\/p><\/div>\n<p>Die Synagoge wurde schon am 28. M\u00e4rz 1933 zum Ziel von antisemitischem Terror der G\u00f6ttinger SA. Nachdem auf einem Zug durch die Innenstadt Schaufenster j\u00fcdischer Kaufleute zerst\u00f6rt worden waren, rissen die Uniformierten den Zaun um die Synagoge teilweise nieder, warfen Fenstern ein und verw\u00fcsteten den Innenraum. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde die Synagoge in Brand gesteckt, und zwar unter ma\u00dfgeblicher Beteiligung des Oberbrandmeisters Wilhelm Rodenwaldt, der, in R\u00e4uberzivil gekleidet, eigenh\u00e4ndig in einem Feuerwehr-PKW die Benzinkanister zum Tatort fuhr. L\u00f6schversuche wurden unterbunden, Fotografien verboten. Die Bewohner des Gemeindehauses, der Kantor Heinz (James Isidor) Junger und der Synagogendiener Julius Asser mit ihren Familien, kamen mit dem nackten Leben davon. Am Tag darauf wurde der westliche Teil der Ruine gesprengt, wobei auch umliegende Fensterscheiben zu Bruch gingen. Eine hebr\u00e4ische Inschrifttafel wurde heruntergerissen. Das G\u00f6ttinger Tageblatt meldete triumphierend, der \u201egelbe Tempel des rachs\u00fcchtigen Judengottes\u201c sei in Flammen aufgegangen. Der \u00f6stliche Teil der Ruine mit den T\u00fcrmen wurde im Laufe des folgenden Jahres abgetragen.<\/p>\n<p>Dreieinhalb Jahrzehnte sp\u00e4ter entstand auf eine Initiative der Vorsitzenden der Gesellschaft f\u00fcr christlich-j\u00fcdische Zusammenarbeit, Hannah Vogt, das Mahnmal auf dem heutigen Platz der Synagoge. Es wurde von dem italienischen K\u00fcnstler Corrado Cagli entworfen und am 9. November 1973 eingeweiht. Die knapp sechs Meter hohe Konstruktion besteht aus Stahlrohren, die jeweils gleichseitige Dreiecke formen, deren Gr\u00f6\u00dfe nach oben gleichm\u00e4\u00dfig abnimmt. Sie sind zueinander verdreht und formen so eine Flamme, die an die Brandnacht vom 9. November 1938 erinnert. Die Pyramide ruht auf einem Stahlger\u00fcst aus T-Tr\u00e4gern, das, von unten betrachtet, einen Davidstern nachzeichnet. \u00dcber Treppen gelangt man in den Gedenkraum darunter, an dessen W\u00e4nden Tafeln mit den Namen der j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger angebracht sind, die w\u00e4hrend der Nationalsozialistischen Diktatur vertrieben und ermordet wurden. Durch die Pflasterung ringsum mit hellen und dunklen Platten greift die geometrische Form des Davidsternes auf den Platz aus.<\/p>\n<p>Fotos: Thomas K\u00fcntzel; Dokumentation zur Einweihung des Mahnmals, 1974, S. 4.<\/p>\n<p><i>Literatur<\/i><\/p>\n<p>Einweihung des Mahnmals am Platz der ehemaligen Synagoge in G\u00f6ttingen, Untere Maschstra\u00dfe am 9. November 1973 und Begleitveranstaltungen. Dokumentation (G\u00f6ttingen 1974).<\/p>\n<p>Peter Kriedte, Nach Reinhausen und nicht nach Buchenwald. Der Novemberpogrom in G\u00f6ttingen, in: G\u00f6ttinger Jahrbuch 68, 2020, S. 127-174.<\/p>\n<p>Berndt Schaller, Synagogen in G\u00f6ttingen. Aufbr\u00fcche und Abbr\u00fcche j\u00fcdischen Lebens (G\u00f6ttingen 2017).<\/p>\n<p>Cordula Tollmien, Nationalsozialismus in G\u00f6ttingen (1933-1945) (Diss. G\u00f6ttingen 1998).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Synagoge war neben der Staatsanwaltschaft bis 1938 das beherrschende Geb\u00e4ude im Maschviertel: Zum Synagogenplatz pr\u00e4sentierte sich eine hohe Backsteinwand mit gro\u00dfen Rundbogenfenstern und lisenengegliederter Fl\u00e4che, w\u00e4hrend zur Oberen Masch zwei schlanke, fast 20 Meter hohe, oben achteckige T\u00fcrme aufragten. Zur Unteren Masch Stra\u00dfe hin wirkte das Geb\u00e4ude bescheidener, eher wie ein \u201enormales\u201c Wohnhaus. 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