{"id":590,"date":"2023-02-06T14:04:56","date_gmt":"2023-02-06T13:04:56","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=590"},"modified":"2023-02-07T12:55:36","modified_gmt":"2023-02-07T11:55:36","slug":"blumentag-auch-im-maschvierte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/02\/06\/blumentag-auch-im-maschvierte\/","title":{"rendered":"Blumentag \u2013 auch im Maschviertel"},"content":{"rendered":"<p>Die historische Aufnahme von der Goetheallee beim Graetzelhaus, auf der ein Karussell bei der Br\u00fccke \u00fcber den Leinekanal zu sehen ist, entstand am sogenannten \u201eMargeritentag\u201c, dem 9. Juli 1911.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-591\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"604\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke-300x225.jpeg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke-768x576.jpeg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke-1024x768.jpeg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke-624x468.jpeg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/295913341_1711771439192474_2752518664964713808_n_Margeritentag-1911_Lothar-Karsubke.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/p>\n<p>Foto: Stadtarchiv G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>An diesem Tag war die Stadt festlich mit Blumengirlanden geschm\u00fcckt, es gab einen Umzug durch die Stra\u00dfen der Stadt, in denen sich tausende Menschen dr\u00e4ngelten. Der Abend wurde mit einem Konzert und Tanz im \u201eStadtpark\u201c abgeschlossen; dazu gab es ein Feuerwerk. W\u00e4hrend des ganzen Tages liefen zweihundert bis dreihundert \u201eBlumenm\u00e4dchen\u201c durch die Stadt und verteilten gegen eine Spende k\u00fcnstliche Margeriten sowie Postkarten. Der Erl\u00f6s sollte der \u201eKinderwohlfahrt\u201c zugute kommen, also Kinderpflegevereinen, Ferienkolonien und Walderholungsst\u00e4tten sowie ganz besonders Kinderkliniken. Die K\u00e4ufer der Blumen steckten sich diese in die Knopfl\u00f6cher oder zwischen die Schn\u00fcrsenkel, so dass alle B\u00fcrger der Stadt an diesem Tag mit Blumen geschm\u00fcckt waren. Die Blumenm\u00e4dchen kamen aus den b\u00fcrgerlichen Familien und zogen sich zur Feier des Tages die sch\u00f6nsten Kleider an.<!--more--><\/p>\n<p>Solche \u201eBlumentage\u201c gab es nicht nur in G\u00f6ttingen, sondern um 1910 auch in vielen anderen St\u00e4dten im Kaiserreich. Die Idee zu dem Wohlt\u00e4tigkeitsfest kam aus Schweden, und urspr\u00fcnglich wurden echte Blumen verkauft \u2013 neben Margeriten auch Kornblumen und andere Sorten. Die Margerite galt damals in besonderem Ma\u00dfe als \u201eBlume der Barmherzigkeit\u201c. Kaiserin Auguste Viktoria \u00fcbernahm die Schirmherrschaft \u00fcber diese Tage.<\/p>\n<p>Die Vorbereitung der Feier verlief allerdings nicht ganz ohne Hemmnisse. Der urspr\u00fcnglich geplante \u201eBlumenwagenkorso\u201c der studentischen Korps wurde wegen eines Trauerfalls abgesagt; statt dessen wurde am Nachmittag ein Kinder- Sport- und Puppenwagenkorso mit \u00fcber zweihundert unterschiedlichsten Vehikeln veranstaltet, darunter Wagen, die von Ziegenb\u00f6cken und Hunden gezogen wurden, Bierwagen der st\u00e4dtischen Brauerei, Reitern und Radfahrern des Vereins \u201eM\u00f6ve\u201c. Das Karussell in der Goetheallee war von der Verbindung \u201eLuneburgia\u201c organisiert worden. Von einem Wagen mit der Aufschrift \u201eZum Akademischen Viertel\u201c, der durch die Stadt fuhr, verkauften andere Studenten \u201eMargaretenmilch f\u00fcr alle St\u00e4nde und Fakult\u00e4ten\u201c.<\/p>\n<p>Insgesamt wurden an diesem Tag ca. 120.000 Kunstblumen unters Volk gebracht. Allerdings erbrachten die Blumen \u201enur\u201c ein Spendengewinn von gut 10.000 Reichsmark, w\u00e4hrend die Veranstalter mit dem dreifachen Betrag gerechnet hatten. Einem Bericht im G\u00f6ttinger Tageblatt vom 16. Juli 1911 zufolge war der Erfolg des Tages durch universit\u00e4ren D\u00fcnkel und einen regelrechten Boykott von Seiten der Kaufleute beeintr\u00e4chtigt gewesen: Die Absage des Blumenkorsos durch die Korps sei nur vorgeblich wegen eines Todesfalls erfolgt; tats\u00e4chlich habe man die Teilnahme der Kaufleute, Handwerker und anderen Gewerbetreibenden der Stadt abgelehnt, die sich daraufhin br\u00fcskiert weigerten, ihre Gesch\u00e4fte an dem Feiertag zu schm\u00fccken. Selbst unter den Professoren reisten viele an diesem Wochenende aus G\u00f6ttingen weg, wie eine Nachfrage unter den B\u00e4ckereien ergab, bei denen sie ihre t\u00e4glichen Br\u00f6tchenlieferungen storniert hatten. Noch grunds\u00e4tzlichere Kritik gab es an der Beschaffung der Blumen: Es handelte sich um Erzeugnisse aus Heimarbeit, die zu Dumpingl\u00f6hnen in Th\u00fcringen erworben worden waren. Der Preis von einem halben Pfennig pro Blume wurde als \u201eSchundpreis\u201c kritisiert, und an den Blumen klebten die \u201eTr\u00e4nen der Kinderchen der armen Th\u00fcringer Heimarbeiterinnen\u201c, da der gr\u00f6\u00dfte Teil des Betrages auch noch den H\u00e4ndlern und Fabrikanten zufloss. Die Heimarbeiterinnen erhielten nur sieben Pfennig pro Stunde als Lohn. Andererseits boten solche T\u00e4tigkeiten in vielen Regionen, in denen die Menschen z.B. durch den Niedergang des Bergbaus oder der Handweberei verarmt waren, wenigstens eine geringe Einkommensquelle. Dennoch waren die Kritik und die Konflikte um die Organisation des Margeritentages in G\u00f6ttingen so gravierend, dass es bei diesem einen Tag blieb.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-592\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149-203x300.jpg 203w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149-768x1134.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149-694x1024.jpg 694w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149-624x921.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Brinkmann-1991_S-149.jpg 853w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/p>\n<p>Grafik: Brinkmann 1991, S. 149.<\/p>\n<p><i>Literatur<\/i><\/p>\n<p>Jens-Uwe Brinkmann, B\u00fcrgerliche Wohlt\u00e4tigkeit und \u201eJahrmarkt der Eitelkeiten\u201c. Der G\u00f6ttinger Blumentag am 9. Juli 1911. In: Jahresbl\u00e4tter f\u00fcr G\u00f6ttingen und das Eichsfeld 14, 1991, S. 144-152.<\/p>\n<p>Stichwort \u201eBlumentag\u201c bei Wikipedia, 4.2.2023.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die historische Aufnahme von der Goetheallee beim Graetzelhaus, auf der ein Karussell bei der Br\u00fccke \u00fcber den Leinekanal zu sehen ist, entstand am sogenannten \u201eMargeritentag\u201c, dem 9. Juli 1911. 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