{"id":461,"date":"2023-01-03T12:17:52","date_gmt":"2023-01-03T11:17:52","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=461"},"modified":"2023-10-31T11:07:18","modified_gmt":"2023-10-31T10:07:18","slug":"universitaetswaisenhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2023\/01\/03\/universitaetswaisenhaus\/","title":{"rendered":"Universit\u00e4tswaisenhaus"},"content":{"rendered":"<p align=\"LEFT\">F\u00fcr 187 Jahre von 1751 bis 1938 gab es das Universit\u00e4tswaisenhaus in der Unteren-Masch-str. 3. Es sollen mehr als 750 Kinder in dieser Zeit hier gro\u00df geworden sein. Die Anwesenheit so vieler Kinder muss die Stra\u00dfe und das ganze Viertel mit ihrer Lebendigkeit sehr gepr\u00e4gt haben. Aber wie hat das Leben der Kinder dort ausgesehen? Auf welche Art und Weise hat das Waisenhaus die Stra\u00dfe gepr\u00e4gt? Und wie war die Beziehung zu der Nachbarschaft?<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-463 aligncenter\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898-300x198.jpg\" alt=\"\" width=\"352\" height=\"232\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898-300x198.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898-768x506.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898-1024x675.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898-624x411.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Foto-Waisenhaus-um-1898.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 352px) 100vw, 352px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"LEFT\"><em>Universit\u00e4tswaisenhaus um 1898 <\/em><em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Das Geb\u00e4ude in der Unteren-Masch-str. 3 wurde 1750 erworben und ein Jahr sp\u00e4ter lebten 22 Kinder in dem neuen Waisenhaus. Dieses war der theologischen Fakult\u00e4t unterstellt, die aber wenig Einfluss aus\u00fcbte und wenig finanzielle Hilfe leistete. In den folgenden Jahren trug sich das Waisenhaus durch eigen erwirtschaftetes weitgehend selbst. Nach der \u00dcbernahme von Teilen des Hauses durch NS-Stellen wurde der Betrieb als Waisenhaus 1938 beendet. <!--more--><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Als Waise galten auch Kinder, die ein Elternteil verloren hatten. Vaterlosigkeit f\u00fchrte dabei h\u00e4ufiger zu Aufnahme im Waisenhaus. Allerdings gab es feste Regeln, welche Kinder aufgenommen werden durften und welche nicht. So durfte fast ausschlie\u00dflich evangelische B\u00fcrgerkinder aufgenommen werden. Katholische Kinder wurden erst ab 1840\/41 akzeptiert. Ausgeschlossen waren alle Kinder, die nicht von G\u00f6ttinger B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern abstammten, uneheliche Kinder und kranke. Das Mindestalter war acht Jahre. In anderen Waisenh\u00e4usern lag die Grenze meist bei sechs oder sieben Jahren. Der Tagesablauf war streng geregelt. Dabei wurden Ordnung, Sauberkeit und Flei\u00df als besonders wichtig empfunden. Aus dem 18. Jahrhundert relativ fr\u00fch nach der Gr\u00fcndung des Waisenhauses, ist ein detaillierter Tagesablauf erhalten. Dieser beginnt um 5:00 Uhr mit dem Aufstehen. Alle Kinder mussten zusammen beten und anschlie\u00dfend an die Arbeit gehen. Diese bestand aus der Spinnerei. Dabei durfte gesungen werden und ein Kapitel aus der Bibel vorgelesen werden. Anschlie\u00dfend wurden die Kinder zu diesem Kapitel abgefragt, um ihr Wissen zu pr\u00fcfen. Von 8:00 Uhr bis um 11:00 Uhr fand Schulunterricht statt. Anschlie\u00dfend gibt es Mittagessen und w\u00e4hrenddessen wurden Geschichten von \u201echristlichen und gutartigen Kindern\u201c vorgelesen. Danach hatten die Kinder eine Stunde freie Zeit zum Spielen. Den Nachmittag \u00fcber wurde die Arbeit in der Spinnerei fortgesetzt und parallel fand Unterricht statt. Nach dem Abendessen wurde bis um 9:00 Uhr eine weitere Stunde gearbeitet. Hier sehen wir das k\u00f6rperliche Arbeit und Unterrichtung in der Bibel den Tag der Kinder bestimmt hat. F\u00fcr Spiel und Freizeit war nur eine Stunde vorgesehen. An den Sonntagen wurde zwar nicht gearbeitet, aber der Tag war mit Predigten, Gottesdienst, Lesung und Pr\u00fcfungen fast vollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Die viele k\u00f6rperliche Arbeit wurde als notwendiger Teil der Erziehung angesehen. Die Kinder sollten an harte Arbeit gew\u00f6hnt werden. Arbeit galt als Voraussetzung eines gottgef\u00e4lligen Lebens. Hauptziel war dabei die Eingliederung der Kinder in ihren \u201eStand\u201c. Viele der Kinder wurden so im Handwerk untergebracht, allerdings gab es hier auch Schwierigkeiten wegen Vorurteilen gegen\u00fcber den Waisen. Teil der Erziehung war auch ein Sittenregister f\u00fcr die Kinder. So wird die Geschichte eines kleinen Jungen erz\u00e4hlt, der ein Brot aus dem Vorratskeller des Waisenhauses gestohlen hatte, um sich aus dem Verkauf \u201eN\u00e4schereien und Spielsachen\u201c zu kaufen. Er wurde mit dem Verweis aus dem Waisenhaus bestraft.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">In G\u00f6ttingen versuchte das Waisenhaus Verbindungen zu den gro\u00dfen Textilfabrikanten herzustellen wie Gr\u00e4tzel und Funke. Dadurch sollten die Kinder die Spinnerei erlernen und ihnen eine Zukunft sichern. Zentral war jedoch das in erster Linie dadurch billige\/unbezahlte Arbeitskr\u00e4fte gewonnen wurden. Weil sich die Anstellung von Kindern f\u00fcr die Unternehmer aber nicht als rentabel genug erwies, wurde die Spinnerei wieder eingestellt. Bis 1774 gingen die Waisenkinder mit anderen armen Kindern aus der Stadt in die Armenschule, die im Waisenhaus untergebracht war. Im gleichen Jahr wurde diese geschlossen und die anderen Kinder auf Pfarrschulen verteilt, nur die Waisenkinder wurden weiterhin im Haus unterrichtet. Im 19. Jh. gingen die Arbeitsstunden zur\u00fcck und beschr\u00e4nkten sich auf drei Stunden am Tag. Die Arbeit wurde in Haus und Hof verrichtet. Wiederholt gab es Pflichtverletzungen durch das Personal. 1907 wurde die Waisenmutter Bosse wegen K\u00f6rperverletzung eines M\u00e4dchens angezeigt. Sie wurden zuerst zu einer Geld- bzw. Gef\u00e4ngnisstrafe verurteilt und dann aber freigesprochen. Die Kinder waren aufgrund ihrer blauen Uniform als Waisen zu erkennen. Sp\u00e4ter trugen sie wegen hoher Indigo preise eine graue Uniform mit einem roten W auf dem \u00c4rmel. Dies \u00e4nderte sich bis zur \u00dcbernahme durch die HJ nicht. Anfang der 1920er Jahre wurde am Kreuzbergring ein neues Geb\u00e4ude f\u00fcr das Waisenhaus gebaut. Das alte Geb\u00e4ude in der Unteren-Masch wurde im Januar 1921 an die Stadt verkauft, die es renovieren und in sechs Mietwohnungen aufteilen lie\u00df.<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-464 aligncenter\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1-300x214.png\" alt=\"\" width=\"391\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1-300x214.png 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1-768x548.png 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1-1024x731.png 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1-624x446.png 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/bild1.png 1175w\" sizes=\"auto, (max-width: 391px) 100vw, 391px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"LEFT\"><em>Universit\u00e4tswaisenhaus um 1900<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Zwei mal im Jahr gab es Feiern. Die eine fand am Weihnachtsabend statt. Die zweite Feier, das \u201eWirthsfest\u201c, fand am 31. Juli statt. Anlass war der Geburtstag des 1839 verstorbenen Dr. Wirth der dem Waisenhaus fast sein gesamtes Verm\u00f6gen vermacht hatte. Aus diesem Anlass wurde die Untere-Masch-Str. 3 festlich geschm\u00fcckt. Die Feiern bestanden wohl vor allem aus Ansprachen und Andachten von Mitgliedern der theologischen Fakult\u00e4t. Das Wirthsfest fand Anfang der 1910er Jahre nicht mehr in der Unteren Masch statt, wie aus einem Leserbrief aus den G\u00f6ttinger Monatsbl\u00e4ttern (Ausgabe Oktober 1979) hervorgeht. Karl Wachsmund erinnert sich an seine Zeit im Waisenhaus zwischen 1909 und 1914. Hier ein Ausschnitt:<\/p>\n<p><em>Kleine Freuden der Jugend &#8211; damals<\/em><\/p>\n<p><em>&#8222;Kleine Freuden \u2013 wir steigen ein in die Gartetalbahn. Wir fahren bis zu der Station \u201eWaterloo\u201c. Im Waisenhaus Untere Masch 3 bleibt nur eine Magd zur\u00fcck, ein \u00e4lteres Fakotum, zur Versorgung der Schweine, K\u00fche und H\u00fchner. Alle Jahre wieder wird dort das Wirtz(s) \u2013 Fest gefeiert. Wesshalb es so hie\u00df? Der Historiker m\u00fcsste es wissen! &#8211; Am Ziel wird mit Kaffee, Lakritzenwasser und Brot der Magen gef\u00fcllt. Dann wird gespielt. Viele der damaligen Belustigungen sind heute vergessen, w\u00fcrden manche Kinder langweilen, wie z.B Stelzenlaufen, Topfschlagen, Knickerspiele. Das ist nicht mehr \u201ein\u201c. Damals gab es allerdings auch Kriegspiele auf dem \u201eKleinen Hagen\u201c, ein Stadtteil k\u00e4mpfte gegen den anderen.\u00a0 Solche Auseinandersetzungen k\u00e4men heute unter Umst\u00e4nden sogar vor das Jugendgericht, wie ich aus meiner eigenen Arbeit in der Jugendgerichtshilfe jetzt wei\u00df. Das bekannteste Spiel damals \u201eDreht euch nicht um, der Plumpsack geht um.\u201c Wieder eine Erinnerung aus der Zeit: Der W\u00e4chter vom Turm der Johanniskirche bl\u00e4st bereits um 8:15 Uhr und Enkel, der zw\u00f6lfj\u00e4hrige W. Grimme ist unser Freund und wir sind mit ihm zusammen stolz.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Einen interessanten Artikel zum Waisenhaus gibt es hier: <a href=\"https:\/\/goettingensozial.wordpress.com\/2013\/01\/08\/das-universitatswaisenhaus\/\">https:\/\/goettingensozial.wordpress.com\/2013\/01\/08\/das-universitatswaisenhaus\/<\/a><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Quellen:<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Meumann, Markus. Universit\u00e4t und Sozialf\u00fcrsorge zwischen Aufkl\u00e4rung und Nationalsozialismus. Das Waisenhaus der Theologischen Fakult\u00e4t in G\u00f6ttingen 1747\u20131938 (G\u00f6ttingen, 1997)<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Abb.1:\u00a0 St\u00e4dtisches Museum G\u00f6ttingen. Untere-Masch-Stra\u00dfe 3-5 um 1898 Nr. 3 Universit\u00e4ts Waisenhaus. Siehe Kreuzbergring 57. Bibl.Museum 4 S 91.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Abb.2: Klick, Larissa. (2013, 31.01). Das Universit\u00e4tswaisenhaus. Zwischen Aufkl\u00e4rung und Arbeitserziehung. <em>https:\/\/goettingensozial.wordpress.com\/2013\/01\/08\/das-universitatswaisenhaus\/ <\/em>(06.01.2023)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr 187 Jahre von 1751 bis 1938 gab es das Universit\u00e4tswaisenhaus in der Unteren-Masch-str. 3. Es sollen mehr als 750 Kinder in dieser Zeit hier gro\u00df geworden sein. Die Anwesenheit so vieler Kinder muss die Stra\u00dfe und das ganze Viertel mit ihrer Lebendigkeit sehr gepr\u00e4gt haben. Aber wie hat das Leben der Kinder dort ausgesehen? 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