{"id":413,"date":"2022-11-28T21:19:44","date_gmt":"2022-11-28T20:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=413"},"modified":"2023-01-26T16:06:37","modified_gmt":"2023-01-26T15:06:37","slug":"volksheim-der-ursprung-des-gewerkschaftshauses-in-der-om10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2022\/11\/28\/volksheim-der-ursprung-des-gewerkschaftshauses-in-der-om10\/","title":{"rendered":"Volksheim, der Ursprung des Gewerkschaftshauses in der OM10"},"content":{"rendered":"<p><span lang=\"de-DE\">Unsere Nachbarin und <\/span><span lang=\"de-DE\">Gespr\u00e4chpartnerin <\/span><span lang=\"de-DE\">f\u00fcr ein Zeitzeuginnen Gespr\u00e4ch war Gewerkschaftlerin<\/span><span lang=\"de-DE\"> und erw\u00e4hnte den einen oder anderen Besuch im Gewerkschaftshaus Obere-Marsch-Str. 10. F\u00fcr mich blieb die Frage offen, ob das Haus eine Bedeutung f\u00fcr unsere Nachbarschaft hatte. <\/span> Um dem auf die Spur zu gehen, hatten wir bei unserem Besuch im Stadtarchiv auch nach Quellen zur OM10 gebeten. <span lang=\"de-DE\">In einem anderen Gespr\u00e4ch erw\u00e4hnte ein Nachbar das \u201eVolksheim\u201c, in dessen Nachfolge <\/span><span lang=\"de-DE\">das Gewerkschaftshaus st<\/span><span lang=\"de-DE\">and<\/span><span lang=\"de-DE\">. So war ich hoch erfreut, als ich in dem Buch \u201eG\u00f6ttingen ohne G\u00e4nseliesel \u2013 Texte und Bilder zur Stadtgeschichte\u201c auf einen ausf\u00fchrlichen<\/span><span lang=\"de-DE\"> Artikel zur Geschichte des Volksheims stie\u00df:<\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-420 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB-1024x707.jpeg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"432\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB-1024x707.jpeg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB-300x207.jpeg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB-768x530.jpeg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB-624x431.jpeg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Rentnerarbeitskreis-DGB.jpeg 2016w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Gewerkschaftsbewegung in G\u00f6ttingen hatte keine guten Voraussetzungen. Wie heute war G\u00f6ttingen auch im 19ten Jahrhundert eine Universit\u00e4tsstadt ohne gro\u00dfe Industrie. Unter den Angestellten und Beamten waren Gewerkschaftsmitglieder zu Beginn des Jahrhunderts selten, und somit waren auch die finanziellen Mittel begrenzt. Um sich zu treffen, waren die Arbeitenden auf die Gunst der Wirte angewiesen. In den Kneipen wurden Lesungen und eine eigene Bibliothek organisiert, es wurde sich politisch gestritten und Feste wurden gefeiert. Das Anmieten der \u201cKaiserhalle\u201d, die heutige \u201cAlte Mensa\u201d am Wilhemlsplatz, wurde als Gl\u00fccksfall gesehen. Neben der Nutzung des Saals konnten dort auch einige B\u00fcror\u00e4ume eingerichtet werden. Doch f\u00fcr die ca. 20 verschiedenen freien Gewerkschaften war der Platz nicht ausreichend. Der Traum von einem eigenen Haus entstand. Nach dem ersten Weltkrieg und den mehr oder weniger erfolgreichen Revolutionen stieg die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder auf ein dreifaches. Sowohl um sich zu treffen als auch, um diese Organisationen zu verwalten und sich gegenseitig zu schulen, wurde es notwendig, ein eigenes Geb\u00e4ude zu haben, wenn m\u00f6glich, eines zu kaufen. <!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Um diesen Wunsch umzusetzen, wurde im Mai 1921 der Verein \u201cSolidarit\u00e4t e.V. G\u00f6ttingen\u201d gegr\u00fcndet. Zum einen, um vor dem Gesetz ein Geb\u00e4ude kaufen zu k\u00f6nnen, als auch, um das n\u00f6tige Geld zu sammeln. Entgegen den Erwartungen konnte das Ziel in wenigen Monaten erreicht werden. Das Lokal \u201cB\u00fcrgerpark\u201d im Maschm\u00fchlenweg wurde mit Mitgliedsbeitr\u00e4gen, Spenden und einem Kredit gekauft und beherbergte ab September das \u201cVolksheim\u201d. Nach einigen baulichen Ver\u00e4nderungen gab es dort neben B\u00fcros und Lagerr\u00e4umen eine Bibliothek, eine Kneipe mit Kegelbahn und mehrere S\u00e4le, die sowohl f\u00fcr Vortr\u00e4ge und Versammlungen wie auch als Treffpunkt der Arbeitenden diente. Es gab t\u00e4glich Mittagessen zu erschwinglichen Preisen, und um den zu kleinen Wohnungen zu entfliehen, wurde sich auch nach Feierabend hier aufgehalten. Die Betriebsr\u00e4te verschiedener Unternehmen aus Stadt und Umland kamen hier zum Stammtisch zusammen, und das Volksheim wurde zum Vereinsheim verschiedener Arbeitersport- und Arbeitergesangsvereine. Die freien Gewerkschaften waren ab sofort unabh\u00e4ngig von Einzelpersonen, die ihnen R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellten. Dieses Haus gab den Arbeitenden die M\u00f6glichkeit, Geselligkeit und politische Arbeit zu verkn\u00fcpfen und sich kulturell zu entfalten. Sowohl die Zusammenf\u00fchrung der verschiedenen Gewerkschaften in einem Haus, als auch die Lage dessen in N\u00e4he der Innenstadt und des Bahnhofs st\u00e4rkte die Bewegung in den \u201820er Jahren.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-419 size-large\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim-1024x758.jpeg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim-1024x758.jpeg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim-300x222.jpeg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim-768x569.jpeg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim-624x462.jpeg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Volksheim.jpeg 1848w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Mit dem Erstaken der Nationalsozialisten wurde das Volksheim aufgrund seiner symbolischen Bedeutung zur Zielscheibe. Es gab mehrere Angriffe auf das Haus und gegen Arbeiter*innen auf dem Heimweg. Der Wahlsieg der NSDAP 1932 in G\u00f6ttingen mit 51% der Stimmen zeigt, mit was f\u00fcr Herrausforderungen der Gewerkschaftskampf hier zu tun hatte. Nach dem Verbot der SPD 1933 wurde auch auf dem Volksheim die Hakenkreuzfahne gehisst. Die Gastwirtschaft hatte unter neuer Leitung noch bis 1940 Bestand, aber die fr\u00fcheren Nutzer*innen blieben fern. Vom \u201cpulsierenden Leben\u201d im Volksheim blieb nichts \u00fcbrig, und schlussendlich wurde es 1944 bei einer der wenigen Bombardierungen der Stadt zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Nach dem Krieg suchten die sich im Wiederaufbau befindenen Gewerkschaften neu nach einem Haus. Aus Mangel finanzieller M\u00f6glichkeiten zum Wiederaufbau der Synagoge entschied die j\u00fcdische Gemeinde das Grundst\u00fcck an den neu gegr\u00fcndeten Deutschen Gewerkschaftsbund, also eine andere Opfergruppe der Nationalsozialisten, zu verkaufen. Dort wurde 1952-55 ein neues Gewerkschaftshaus errichtet, welches bis heute in unserem Viertel steht. Eine neue Zeit brach an, mit einem neuen Gewerkschaftsverst\u00e4ndnis. Es gab nun keine Gastwirtschaft mehr und nur einen kleinen Saal, daf\u00fcr ein funktionales Verwaltungsgeb\u00e4ude voller B\u00fcros, wo die verschiedenen Gewerkschaften Platz fanden. Arbeiter*innen betraten dieses nun um die Dienstleistungen der Gewerkschaften in Anspruch zu nehmen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><span lang=\"de-DE\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-428 size-large\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283-740x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"865\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283-740x1024.jpeg 740w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283-217x300.jpeg 217w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283-768x1063.jpeg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283-624x863.jpeg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/DGB-Haus-e1669666462283.jpeg 1480w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/span>\u00dcber die folgenden 54 Jahre wissen wir bisher kaum etwas. Wie wurde das Haus von Arbeitenden und Nachbar*innen wahrgenommen? Wer ging hier ein und aus? Wenn das Volksheim als Treffpunkt so notwendig war, wo findet in der Folge der Austausch zwischen Arbeitenden untereinander und mit den Gewerkschaftler*innen statt? Gab es andere offene R\u00e4ume? Ist die Arbeiter*innenkultur anderswo wiederbelebt worden? Wurde sich wieder in den verschiedenen Kneipen der Stadt getroffen? Wo wurde nun gekegelt? Bis 2009 wurde in der OM10 anscheinend verwaltet. Nach vers\u00e4umter Sanierung suchten sich die Gewerkschaften einen neuen Standort und das Haus stand leer. 2015 wurde das Geb\u00e4ude besetzt und in den folgenden Jahren gekauft, saniert und umfunktioniert.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Geschichte vom Volksheim ist f\u00fcr mich ein Bespiel, wie die Menschen sich zusammenschlie\u00dfen, sich ihrer M\u00f6glichkeiten, ihrer politischen St\u00e4rke bewusst wurden und sich die R\u00e4ume geschaffen haben, die sie brauchten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Quelle: \u201cG\u00f6ttingen ohne G\u00e4nseliesel\u201d ISBN 3-925277-26-9<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Nachbarin und Gespr\u00e4chpartnerin f\u00fcr ein Zeitzeuginnen Gespr\u00e4ch war Gewerkschaftlerin und erw\u00e4hnte den einen oder anderen Besuch im Gewerkschaftshaus Obere-Marsch-Str. 10. F\u00fcr mich blieb die Frage offen, ob das Haus eine Bedeutung f\u00fcr unsere Nachbarschaft hatte. 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