{"id":411,"date":"2022-11-28T21:29:30","date_gmt":"2022-11-28T20:29:30","guid":{"rendered":"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=411"},"modified":"2023-01-26T16:06:03","modified_gmt":"2023-01-26T15:06:03","slug":"jva-gefaengniszeitschrift-die-mauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2022\/11\/28\/jva-gefaengniszeitschrift-die-mauer\/","title":{"rendered":"JVA Gef\u00e4ngniszeitschrift: Die Mauer"},"content":{"rendered":"<p>Die Mauer war eine Gef\u00e4ngniszeitschrift, die von Mai 1985 bis April 1986 in sieben Ausgaben erschien. Die Zeitschrift war kostenlos f\u00fcr die H\u00e4ftlinge verf\u00fcgbar und hatte eine Auflage von 350 St\u00fcck. Herausgegeben wurde sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern, dem Sozialdienst und Pastoi. Und stie\u00df auf gro\u00dfe Initiative bei den Gefangenen. So hei\u00dft es: \u201eEs soll eine Zeitung von Gefangenen f\u00fcr Gefangene werden, in der aber auch Platz ist f\u00fcr Beitr\u00e4ge von Familienangeh\u00f6rigen und Interessierten.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/ztkd7tbl-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"295\" height=\"524\" \/><\/p>\n<p><em>\u201eWir brauchen Hilfe, sollten aber auch jede M\u00f6glichkeit wahrnehmen, uns selbst zu helfen. Eine Zeitung k\u00f6nnte Sprachrohr f\u00fcr uns sein, kann \u00fcber unsere hochkomplizierte und polemische Situation berichten. Wir k\u00f6nnten aus unserer totalen Isolation heraus die Menschen dort drau\u00dfen erreichen, uns mitteilen. Noch leben wir.\u201c <\/em>(Aus \u201eDie Mauer&#8220; Nr. 1, Mai 1985)<\/p>\n<p>In den Zeitungen werden Briefe, Berichte, Probleme und Verbesserungsvorschl\u00e4ge aufgenommen. Auch gibt es Zeichnungen, R\u00e4tsel und Gedichte. In der ersten Ausgabe werden auch Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ein besseres Miteinander formuliert. Wie z.B keine Kippen aus dem Fenster zu werfen, den Hof sauber zu halten und auf die Mith\u00e4ftlinge zu achten und regelm\u00e4\u00dfig zum Gruppensport zu gehen. F\u00fcr die in U-Haft sitzenden gibt es keine Freizeitbesch\u00e4ftigungsangebote, auch das soll ge\u00e4ndert werden. Z.b durch Filmvorstellungen. Eine Zelle (ca 6m lang, 2.5 , breit, 3,5 m hoch) wird sich von zwei Menschen geteilt. In der Zelle gibt es zwei Betten, zwei Schr\u00e4nke, ein Tisch und zwei St\u00fchle. Eine Toilette und ein Waschbecken. In der Zelle findet alles statt. Sie ist Schlaf-, Ess-, Wohn- und Waschraum. So berichten H\u00e4ftlinge aus ihrem Alltag: <!--more--><\/p>\n<h3><em>Unser Alltag in der JVA<\/em><\/h3>\n<p><em>\u201eUm 6:20 Uhr ert\u00f6nt die Klingel zum Wecken, wir stehen auf und machen unsere Morgentoilette, mit kaltem Wasser (Sommer wie Winter) \u2013 da ja kein warmes vorhanden ist?<br \/>\n<\/em><em>Um 6:50 Uhr holen wir unser Fr\u00fchst\u00fcck vom Gang \u2013 Knast-Kaffee (Muckefuck), 3 Scheiben Brot, 1 stck. Margarine und Marmelade. Nach dem Fr\u00fchst\u00fcck findet der Zellenputz statt. Erst wird die Zelle gefegt, danach feucht aufgewischt, wie jeden Morgen.<br \/>\nUm 7:30 Uhr verlassen wir die Zelle und begeben uns in den Arbeitsraum. Unsere Arbeit besteht aus dem Zerkleinern von Telefonen zur Rohstoffzur\u00fcckgewinnung. Das Plastik wird von den Teilen aus anderen Grundstoffen getrennt. Wir bekommen die S\u00e4cke mit den alten Telefonen, die die Post tags zuvor angeliefert hat. Mit einer Stange werden die Schrauben aus dem Unterteil des Telefons herausgeschlagen. Im n\u00e4chsten Arbeitsgang werden mit einem Stechbeitel die Etiketten entfernt, damit ist die Arbeit an den Unterteilen beendet.<br \/>\n<\/em><em>Mit einer Vorrichtung entfernen wir die dann die H\u00f6rergabel vom Oberteil, anschlie\u00dfend wird die Plexiglasscheibe,die \u00fcber den Rufnummern liegt, herausgebrochen. So kann das Plastik f\u00fcr sich eingeschmolzen und wiederverwendet werden. Die Arbeitsleistung besteht aus Pensen, ein Pensum betr\u00e4gt 80 kg sortierten Telefonen. Pro Person schaffen wir ca. 1 Pensum am Tag, daf\u00fcr erhalten wir DM 6,04. Von diesem Betrag erhalten wir zum Einkauf ca. 4.- DM, der Restbetrag kommt zur R\u00fccklage, die wir zu unserer Entlassung dann ausgezahlt bekommen.<br \/>\n<\/em><em>Um 16 Uhr ist dann endlich Feierabend, danach haben wir die M\u00f6glichkeit zu duschen. Sehr oft passiert es aber, da\u00df keine Arbeit da ist. Dann sitzen wir entweder auf der Zelle oder im Gruppenraum rum.<br \/>\n<\/em><em>Um 16:30 Uhr gibt es Abendbrot in der Zelle, dann werden wir eingeschlossen. Z.Zt. hat niemand von uns einen Fernseher oder ein Radio auf der Zelle, soda\u00df wir fast ganz ausgeschlossen sind, von dem was au\u00dferhalb der Mauern passiert, denn Zeitungen und Zeitschriften gibt\u2019s auch kaum.<br \/>\n<\/em><em>Einmal in der Woche kommen am Montagabend f\u00fcr 2 Stunden die Ehrenamtlichen zu einer Gruppe, zweimal in der Woche kommt nachmittags f\u00fcr 2 Stunden der Lehrer und Mittwochsnachtmittags ist Gruppe mit der Sozialarbeiterin. <\/em><em>Am Wochenende d\u00fcrfen wir im Gruppenraum fernsehen.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Kurt G\u00f6ppel, Iwan Kamilska, Rolf Petzelt und Heiko Renklewski.<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-426 \" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"352\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung-300x169.jpg 300w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung-768x432.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung-624x351.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-Zeichnung.jpg 1930w\" sizes=\"auto, (max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/p>\n<p>In der Zeitung gibt es auch eine Seite der Initiative von Sozialp\u00e4dagoginnen, die Hilfe anbieten, um die soziale Isolation zu durchbrechen. So bieten sie Unterst\u00fctzung bei dem Gang von Beh\u00f6rden an, bei Beziehungs- und Erziehungsschwierigkeiten oder \u00d6konomischen Problemen. Zeitung macht auf Probleme und Missst\u00e4nde aufmerksam und stellt Forderungen an die Leitung. So gibt es eine Reihe von Forderungen zu den schlechten hygienischen Verh\u00e4ltnissen in der JVA. Etwa musste das Wischwasser f\u00fcr den ganzen Gang reichen. Gefordert wurde frisches Wasser f\u00fcr jede einzelne Zelle. Eine Fu\u00dfdesinfektion f\u00fcr die Duschen, mindestens zwei Schw\u00e4mme pro Zelle und nicht nur einen Schwamm f\u00fcr alles ( Geschirr, Toilette, Waschbecken) Sowie aufgrund der Gefahr von AIDS die Ausstellung von Rasierer f\u00fcr alle H\u00e4ftlinge, damit sich niemand die Rasierer teilt.<\/p>\n<h3>Einf\u00fchrung in die Knastsprache<\/h3>\n<ul>\n<li>Eine Bombe \u2013 200 g Kaffee<\/li>\n<li>Ein Buchblatt \u2013 50 Zigarettenbl\u00e4ttchen<\/li>\n<li>Radfahrer\/ Kratzer \u2013 Verr\u00e4ter ( Informant der Beamten)<\/li>\n<li>Schlie\u00dfer, Harro, Wachtel, Schl\u00fcsselknecht \u2013 Beamter<\/li>\n<li>Knastpraline \u2013 Bratklops<\/li>\n<li>Einmal um die Sonne, Rucksack \u2013 Lebensl\u00e4nglich<\/li>\n<li>Hast du eine neue Lampe brennen? &#8211; L\u00e4uft etwas gegen dich?<\/li>\n<li>Shore \u2013 Lebensmittel<\/li>\n<li>Pendeln \u2013 Austausch der shore von Fenster zu Fenster<\/li>\n<li>2\/3 J\u00e4ger \u2013 Radfahrer<\/li>\n<li>Schoppie\/ Blubber \u2013 Eintopf<\/li>\n<li>Tempel\/ H\u00fctte \u2013 Haftraum<\/li>\n<li>den Tempel hochschlagen \u2013 Haftraum zertr\u00fcmmern<\/li>\n<\/ul>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-431 \" src=\"http:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Die-Mauer-zensur-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"569\" \/><\/p>\n<p>Eine Ausgabe der Zeitung wurde zensiert. So Verst\u00f6\u00dfe eine Zeichnung gegen \u201eSicherheit und Ordnung\u201c der Anstalt. Die Zensur mit f\u00fcnf \u00fcberklebten Seiten in der f\u00fcnften Ausgabe der Zeitung hat eine gr\u00f6\u00dfere Diskussion ausgel\u00f6st und war auch im G\u00f6ttinger Tageblatt.<\/p>\n<p>Nach 6 monatiger Pause erschien dann die sechste Ausgabe. In der siebten Ausgabe im April 1986 wurde der Redaktionsschluss aufgrund von fehlender Kraft der Herausgeber und fehlender Unterst\u00fctzung verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Zeitung zeigt, das es ein Versuch von Ehrenamtlichen gab in Initiative mit den Gefangenen, die Bedingungen innerhalb der JVA zu \u00e4ndern und versuchte das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu st\u00e4rken, wenn auch nur Forderungen nach Verbesserungen kamen und keine Grundlegende Forderung das Prinzip der Vollzugsanstalt zu \u00fcberwinden. Sie gibt einen Einblick in den Alltag und die Missst\u00e4nde in der JVA. Die Zeitung stellte eine M\u00f6glichkeit dar, dass sich die H\u00e4ftlinge aktiv an einem Projekt beteiligen konnten und dort ihre eigenen Gedanken, Themen und W\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern konnten. Die Zensur durch die Leitung zeigt allerdings auch, dass dies nur in einem Rahmen geschehen konnte, dem die Leitung zustimmte.<\/p>\n<h3>M\u00f6gliche weiterf\u00fchrende Fragen:<\/h3>\n<ul>\n<li>Was zeigt uns die Geschichte der JVA und die Verh\u00e4ltnisse wie dort H\u00e4ftlinge behandelt wurden?<\/li>\n<li>Was k\u00f6nnen wir daraus mitnehmen f\u00fcr das Viertel?<\/li>\n<li>Was bedeutet das f\u00fcr den Umgang mit dem Geb\u00e4ude? (Z.B Erhalt von Zellenkunst? Gedichten, Infotafeln zum Gef\u00e4ngnisalltag usw.)<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnte eine geschichtliche Aufarbeitung aussehen?<\/li>\n<li>Rechtsextreme und sexistische Zeichnungen in den Zellen \u2192 Zusammenhang von Isolation, Gewalt und Handlungsunf\u00e4higkeit mit Faschismus. Welche Rolle hat die JVA darin? Zeitzeug:innenberichte: Gibt es Kontakte zu ehem. H\u00e4ftlingen? Mitarbeiter:innen? Ehrenamtlichen oder Sozialarbeiter:innen?<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mauer war eine Gef\u00e4ngniszeitschrift, die von Mai 1985 bis April 1986 in sieben Ausgaben erschien. Die Zeitschrift war kostenlos f\u00fcr die H\u00e4ftlinge verf\u00fcgbar und hatte eine Auflage von 350 St\u00fcck. Herausgegeben wurde sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern, dem Sozialdienst und Pastoi. Und stie\u00df auf gro\u00dfe Initiative bei den Gefangenen. 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