{"id":1576,"date":"2026-11-04T09:17:44","date_gmt":"2026-11-04T08:17:44","guid":{"rendered":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=1576"},"modified":"2026-11-04T09:25:10","modified_gmt":"2026-11-04T08:25:10","slug":"gemeinde-diakonisse-minna-siebrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2026\/11\/04\/gemeinde-diakonisse-minna-siebrecht\/","title":{"rendered":"Gemeinde-Diakonisse Minna Siebrecht"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"204\" height=\"320\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Minna-Siebrecht-Weber-Reich.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1577\" style=\"aspect-ratio:0.6374894400634299;width:309px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Minna-Siebrecht-Weber-Reich.jpeg 204w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Minna-Siebrecht-Weber-Reich-191x300.jpeg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 204px) 100vw, 204px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Minna Siebrecht (Foto: Dr. Traudel Weber-Reich)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Krankenschwester in der Johannisgemeinde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Minna Siebrecht (1898-1990), Diakonisse des Diakonissen-Mutterhauses Henriettenstift in Hannover, war seit 1. Oktober 1941 als Gemeindeschwester in der G\u00f6ttinger Johannisgemeinde t\u00e4tig und wohnte in der Paulinerstra\u00dfe 2, direkt neben der Kirche. In G\u00f6ttingen habe man \u201eimmer gut zu tun\u201c, schrieb sie in ihrem Jahresbericht von 1943 ans Henriettenstift. 4703 Krankenbesuche hatte sie in diesem Jahr abgestattet, dazu 462 F\u00fcrsorgebesuche und 15 Nachtwachen. 165 Kranke hatte sie gepflegt, davon waren 141 Frauen, 15 M\u00e4nner und neun Kinder. Diese Angaben best\u00e4tigen die allgemeine Beobachtung, dass sich die karitative Gemeindepflege seit dem 19. Jahrhundert zu einer umfassenden Familienpflege entwickelt hatte, die sich \u00fcber die eigentliche Krankenpflege hinaus auf Bereiche der Kinder- und Erwachsenenf\u00fcrsorge erstreckte. Demzufolge konnten Gemeindeschwestern einen gro\u00dfen Einfluss auf Gemeindemitglieder aus\u00fcben. Dies war auch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt klar. Deshalb sollten Pflegerinnen von christlichen Schwesternschaften durch NS-Gemeindeschwestern ersetzt werden, die bestrebt seien, \u201emit der pflegerischen Versorgung nationalsozialistisches Gedankengut bis in das letzte Haus in Deutschland [zu] tragen\u201c. In den evangelischen Gemeinden der Stadt versahen jedoch Diakonissen weiterhin und sogar mit verst\u00e4rktem Einsatz ihren Dienst. Von ihrer Zentrale Alt-Bethlehem aus waren vier selbst\u00e4ndige Gemeindepflegen entstanden: Neben Schwester Minna arbeiteten Berta Scheidereiter (Jg. 1895, Albanigemeinde), Else Reime (Jg. 1881, Jacobigemeinde) und Auguste Kipker (Jg. 1885, Mariengemeinde).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gefangene im Gef\u00e4ngnis Obere-Masch-Stra\u00dfe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schwester Minna war 46 Jahre alt und in ihrem 17. Dienstjahr, als sie miterlebte, wie am 23. und 24. November 1944 die ersten Bomben auf die G\u00f6ttinger Innenstadt fielen, die 10 Menschen t\u00f6teten und zahlreiche Geb\u00e4ude besch\u00e4digten, darunter auch in der Unteren- und Oberen-Masch-Stra\u00dfe und an der Johanniskirche. Danach z\u00e4hlte auch sie zu den \u201eAusgebombten\u201c. Das Stift Alt-Bethlehem konnte die Mitschwester wegen Platzmangels nicht aufnehmen. So nahm sie eine Unterkunft in der Wohnung von Else Grisail, einer fr\u00fcheren Patientin, in der Roten Stra\u00dfe 28 an. Bald nach ihrem Einzug wurden beide Frauen verhaftet. Was war geschehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei dem Luftangriff war auch das Gef\u00e4ngnis getroffen worden und einige H\u00e4ftlinge konnten entkommen, wie Albert Hampe, promovierter Agrarwissenschaftler aus J\u00fchnde. Als NS-Gegner war er bespitzelt worden und schlie\u00dflich wegen \u201eH\u00f6rens eines englischen Senders\u201c und \u201eWehrkraftzersetzung\u201c in Untersuchungshaft geraten. Hampe fl\u00fcchtete in die Wohnung von Frau Grisail, mit deren Mann er fr\u00fcher befreundet gewesen war. Zur weiteren Flucht brauchte er Kleidung und Proviant. Entschlossen holte Minna Siebrecht alles per Fahrrad aus dem 13 km entfernten J\u00fchnde herbei, woraufhin Hampe verschwand. Mitbewohner des Hauses hatten dennoch diesbez\u00fcgliche Vorg\u00e4nge wahrgenommen und sogleich Anzeige erstattet. Frau Grisail, die ohnehin im Verdacht stand, illegal Abtreibungen vorgenommen zu haben (vermutlich, so der Vorwurf, gemeinsam mit Schwester Minna), wurde sofort verhaftet. Schwester Minna wurde verh\u00f6rt und einige Tage danach, am 13. Dezember 1944, festgenommen. Beide Frauen wurden ins Gef\u00e4ngnis (1972 in JVA umbenannt) gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch Albert Hampe entkam seinen Verfolgern nicht. Wie erst nach dem Krieg bekannt wurde, hatten sich Rechtsanwalt Hermann F\u00f6ge und einige \u00c4rzte erfolgreich f\u00fcr ihn eingesetzt, so dass er \u201ealles [w\u00e4hrend der NS-Zeit] gut \u00fcberstanden\u201c habe. Die Autorin konnte Ende der 1990er Jahre \u00fcber Frau Alma Hampe, eine Verwandte, die Albert von Kindheit an kannte, erfahren, dass dieser sich als Kind durch einen Pferdetritt schwere Gesichtsverletzungen zugezogen hatte, die mehrere Operationen erforderlich machten, jedoch nicht ohne entstellende Narbenbildungen ausheilten. Aus dieser Zeit bestanden engere Kontakte zu Chirurgen, die ihm jetzt, in seiner lebensgef\u00e4hrlichen Situation, offenbar zu einem Gutachten mit der Diagnose \u201eSchizophrenie\u201c verhalfen. Ein Rettungsanker, der einen Prozess vor dem Volksgerichtshof abgewendet hatte. Schwester Minna und Frau Grisail blieben nur kurze Zeit im Gef\u00e4ngnis. Als Pastor K\u00f6dderitz, damals Gef\u00e4ngnisgeistlicher, sie dort aufsuchen wollte, waren sie bereits von der Gestapo in \u201eSchutzhaft\u201c genommen worden. \u00dcber das weitere Schicksal von Else Grisail ist leider nichts bekannt. Minna Siebrecht indes stand schon am 22. Dezember 1944 vor Gericht, wo sie ebenfalls von Rechtsanwalt F\u00f6ge vertreten wurde. Dieser sch\u00e4tzte ihre Lage f\u00fcr \u201esehr ernst\u201c ein, da es sich um den Vorwurf der \u201eBeg\u00fcnstigung eines politischen Verbrechens\u201c handelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mutterhausvorsteher Pastor Dr. Otto Meyer und die leibliche Schwester von Minna Siebrecht, Louise Goetze aus Boffzen im Kreis Holzminden, nahmen an der Verhandlung teil. Meyer trat als Leumundszeuge auf. Schwester Minna wurde eingehend vernommen, doch sollte die Urteilsverk\u00fcndung erst erfolgen, wenn Dr. Hampe abgeurteilt sei. Vorsteher Meyer hielt dazu in einer Aktennotiz fest: \u201eSchwester Minna war zu dem Termin entlassen, hatte lediglich die Auflage erhalten, sich sofort nach dem Termin wieder bei der Gestapo zu melden. So hatte ich die Gelegenheit, ausf\u00fchrlich vor und nach dem Termin mit Schwester Minna zu sprechen. Ich habe sie auf ihr Verschulden hingewiesen, auch auf die Not, die sie dem Mutterhaus bereitete, habe ihr selbstverst\u00e4ndlich auch innerlich zu helfen versucht. Ich war mir nicht ganz klar, ob sie wohl ihre Schuld wirklich in der Tiefe erkannte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mayer gab demzufolge der Diakonisse zu verstehen, dass sie schwere Schuld auf sich geladen und nicht im Sinne des Mutterhauses gehandelt habe, es sogar in Gefahr gebracht habe. Dem gegen\u00fcber war sich Minna Siebrecht keiner Schuld bewusst. Keinen Gedanken verlor sie, um das Mutterhaus oder gar sich selbst zu sch\u00fctzen. Vom Augenblick ihrer Entscheidung an handelte sie aus einer pers\u00f6nlichen christlichen \u00dcberzeugung heraus. Noch 1947 lie\u00df sie ihre Oberin Marie Fromme in Hannover wissen: \u201eIch habe nach Gottes Willen und meinem Gewissen getan, als ich dem Menschen half, der in Lebensgefahr war und hatte in der ganzen schweren Zeit ein gutes Gewissen und kann jederzeit u. mit jedermann dar\u00fcber sprechen. Im Stift meint man zwar immer noch, da\u00df ich \u201aunklug gehandelt\u2018 h\u00e4tte. Man versteht mich eben darin nicht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gefangene im \u201eArbeitserziehungslager\u201c der Gestapo in Hannover<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Gerichtsverhandlung war Minna Siebrecht auf Befehl der Hildesheimer Gestapo wieder inhaftiert worden. In Alt-Bethlehem tauchte sie nur noch kurz in Begleitung der Gestapo auf, um Zivilkleidung zu holen und sich umzukleiden. Auch Vorsteher Meyer sah sie hier vorerst ein letztes Mal und bemerkte: \u201eSie war sehr aufgeregt, fast zerbrochen. Es wurde ihr jetzt wohl erst der ganze Ernst der Situation klar\u201c. Pflichtgem\u00e4\u00df setzte er sich weiter f\u00fcr die Diakonisse ein und fuhr am 23. Dezember zur Gestapo nach Hildesheim, um eine Haftentlassung zu erwirken. Dort gelangte er zu der Auffassung, dass jeder Versuch, ihr zu helfen, aussichtslos sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gestapo brachte Minna Siebrecht nach Hannover in das Verpackungswerk G\u00fcnter Wagner, Hansastra\u00dfe 4, als Pelikan-Werk bekannt, das Blechfarbk\u00e4sten herstellte und von der Gestapo als \u201eArbeitserziehungslager\u201c f\u00fcr Frauen genutzt wurde. Zu diesem geh\u00f6rten auch eine \u201eW\u00f6chnerinnenbaracke\u201c f\u00fcr Zwangsarbeiterinnen aus ganz Europa sowie eine Baracke f\u00fcr S\u00e4uglinge. Es herrschten verheerende, unmenschliche Verh\u00e4ltnisse in diesem Lager; die \u00dcberlebensquote f\u00fcr S\u00e4uglinge lag bei kaum 50 %, weil es an allem fehlte, vor allem an Nahrung, Kleidung und Hygiene (vgl. Janet von Stillfried, 2015). Minna Siebrecht, so schreibt die Lageraufseherin Margarete Knochenhauer ans Stift, sei, \u201eweil sie zu schade f\u00fcr den Fabrikbetrieb gewesen sei, in die Kinderarbeit hineingenommen, d. h. in die Betreuung der ausl\u00e4ndischen [Zwangs-]Arbeiterkinder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Familienangeh\u00f6rige k\u00e4mpften um ihre Freilassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrenddessen setzte sich Louise G\u00f6tze unerm\u00fcdlich f\u00fcr die Freilassung ihrer Schwester ein. Dies gelang ihr tats\u00e4chlich im Februar 1945 \u00fcber den B\u00fcrgermeister von Boffzen, Friedrich Wilhelm Korte. Er sei, so Frau Goetze, \u201ezwar ein alter, ganz alter PG [Parteigenosse], aber seit langem nicht mehr deren Mann\u201c. Korte fuhr sogleich nach Hildesheim zur Gestapo und erwirkte ihre Entlassung. Mitten in der Nacht transportierte man Minna Siebrecht nach Boffzen zum elterlichen Haus und lie\u00df sie frei. Was sie jedoch im Arbeitslager der Gestapo erlebt und miterlebt, erlitten und miterlitten hatte, lie\u00df sich nicht wie eine gew\u00f6hnliche Episode vergessen oder wie eine Grippe kurieren. Aus ihren Briefen an das Mutterhaus ist fast bis zu ihrem Lebensende ein Verlangen nach intensiver Anteilnahme erkennbar, um die durch Gewalteinwirkung verursachten seelischen Qualen, die schwere k\u00f6rperliche Krankheiten nach sich zogen \u2013 heute w\u00fcrden Fachleute von einem Trauma sprechen \u2013 verarbeiten zu k\u00f6nnen. Ihre Bitten um Geh\u00f6r fielen tragischer Weise vielfach auf Unverst\u00e4ndnis oder Ablehnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Dr. Traudel Weber-Reich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literaturhinweis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Beitrag mit allen Quellen- und Literaturnachweisen ist in voller L\u00e4nge abgedruckt in:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traudel Weber-Reich: Pflegen und Heilen in G\u00f6ttingen. Die Diakonissenanstalt Bethlehem von 1866 bis 1966 (= Studien zur Geschichte der Stadt G\u00f6ttingen, Bd. 22) G\u00f6ttingen Vandenhoeck &amp; Ruprecht 1999.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum erw\u00e4hnten Arbeitserziehungslager siehe:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Janet von Stillfried: Zwangsarbeiter und Arbeitserziehungslager der GWV. In dies:; Das Sachsenross unterm Hakenkreuz. Reisef\u00fchrer durch Hannover und Umgebung 1933-1945. G\u00f6ttingen, MatrixMedia-Verlag 2015, S. 228-231.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abbildungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kontakt Dr. Traudel Weber-Reich, G\u00f6ttingen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krankenschwester in der Johannisgemeinde Minna Siebrecht (1898-1990), Diakonisse des Diakonissen-Mutterhauses Henriettenstift in Hannover, war seit 1. Oktober 1941 als Gemeindeschwester in der G\u00f6ttinger Johannisgemeinde t\u00e4tig und wohnte in der Paulinerstra\u00dfe 2, direkt neben der Kirche. 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