{"id":1571,"date":"2026-11-04T09:05:55","date_gmt":"2026-11-04T08:05:55","guid":{"rendered":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=1571"},"modified":"2026-11-04T09:24:36","modified_gmt":"2026-11-04T08:24:36","slug":"louise-sebode-hebamme-in-der-unteren-masch-strasse-26","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2026\/11\/04\/louise-sebode-hebamme-in-der-unteren-masch-strasse-26\/","title":{"rendered":"Louise Sebode &#8211; Hebamme in der Unteren-Masch-Stra\u00dfe 26"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die aus Gro\u00df Schneen stammende freie Hebamme Henriette Louise Sebode geb. Feuerriegel (1881-1938) war sowohl in der Stadt, als auch in den D\u00f6rfern rund um G\u00f6ttingen t\u00e4tig. Bei ihren Fahrten zu Schwangeren, Geb\u00e4renden und W\u00f6chnerinnen war sie nicht etwa auf ein Fuhrwerk angewiesen. Sie besa\u00df bereits in den 1920er Jahren ein eigenes \u201eAutomobil\u201c. Als eine selbst\u00e4ndige Frau mit medizinisch-pflegerischem Wissen und Erfahrung in allen weiblichen Umst\u00e4nden war sie wohl in vielen H\u00e4usern bekannt. Louise Sebode zog zusammen mit ihrem Ehemann, dem Mechaniker Friedrich Philipp August Sebode (Jg. 1876), drei Kinder auf; zwei davon, Louise (1901) und Carl (1903), erreichten das Erwachsenenalter. Die Familie wohnte im eigenen Haus in der Unteren-Masch-Stra\u00dfe 26, in der sich auch mehrere Mietparteien befanden, darunter die Wohnung des Vertreters Wilhelm Kreutz. Zur Nachbarschaft z\u00e4hlten Dr. Margarete Corinth, Eigent\u00fcmerin der Oberen Masch-Stra\u00dfe 22, die erste Frauen\u00e4rztin der Stadt, sowie Wilhelm Stieg, der in derselben Stra\u00dfe Nr. 8 die Gastwirtschaft \u201eZur deutschen Eiche\u201c betrieb. <\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"758\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-758x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1573\" style=\"aspect-ratio:0.7402294844983157;width:379px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-758x1024.jpg 758w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-222x300.jpg 222w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-768x1038.jpg 768w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-1136x1536.jpg 1136w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-1515x2048.jpg 1515w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-624x843.jpg 624w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/Um26-Sebode-2-1-scaled.jpg 1894w\" sizes=\"auto, (max-width: 758px) 100vw, 758px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Untere-Masch-Stra\u00dfe 26. (Foto: Mo Ario)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Viele Frauen wussten, dass Hebamme Sebode auch bei ungewollten Schwangerschaften half, trotz \u00a7 218, der Schwangerschaftsabbr\u00fcche unter Strafe stellte. Ihre kompetente Hilfe konnte von existentieller Bedeutung sein, zumal bei ihr nach keinem einzigen verbotenen Eingriff eine Sch\u00e4digung der Gesundheit bekannt geworden war. Frau Sebode sa\u00df zwar 1928 wegen Vergehens gegen den \u00a7 218 auf der Anklagebank, musste jedoch von der Gro\u00dfen Strafkammer des Landgerichts G\u00f6ttingen aus Mangel an Beweisen freigesprochen werden. \u00dcber ihre \u201eKundinnen\u201c schwieg sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Frauen in Not und der \u00a7 218<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allzu oft sahen sich zu dieser Zeit Frauen in ihrer Not gezwungen, sogenannte \u201eweise Frauen\u201c oder \u201eerfahrene M\u00e4nner\u201c aufzusuchen, die gewerbsm\u00e4\u00dfig Abtreibungen vornahmen, nicht selten unter teuren, unw\u00fcrdigen, gesundheitssch\u00e4digenden und sogar lebensgef\u00e4hrlichen Bedingungen. Das G\u00f6ttinger \u201eVolksblatt\u201c, die t\u00e4glich erscheinende sozialdemokratische Lokalzeitung, brachte das Dilemma mit dem \u00a7 218 an die \u00d6ffentlichkeit. Es stellte mit Zahlen aus der Statistik die rhetorische Frage: Was geschieht bei uns in Deutschland im Zeitraum weniger Minuten? Und gab selbst die Antwort: \u201eJede halbe Minute sucht sich ein verzweifeltes Weib durch Abtreibung von einem werdenden Kinde zu befreien. Weil die Not keinen Raum und kein Brot f\u00fcr alle Kinder l\u00e4\u00dft und der sinnvolle wissenschaftliche Eingriff verboten. Und darum stirbt alle 12 Minuten eine bedauernswerte Frau an den Folgen der Abtreibung\u201c (VB, 24.09.1929).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Landgerichtsbezirk G\u00f6ttingen wurden in den Jahren 1929 bis 1931 etwa 20 Prozesse wegen Vergehens gegen den \u00a7 218 durchgef\u00fchrt. Sachverst\u00e4ndige sch\u00e4tzten, dass m\u00f6glicherweise nur ein Prozent aller F\u00e4lle aufgedeckt wurde. Der \u00a7 218 zeigte demnach keine abschreckende Wirkung. Vor dem Schwurgericht hatten sich wegen Abtreibung und versuchter Abtreibung ausschlie\u00dflich mittellose Frauen zu verantworten. Die meisten waren unverheiratet, zwischen 16 und 28 Jahre alt und als Haust\u00f6chter, Hausangestellte, Dienstm\u00e4dchen oder Wirtschafterinnnen t\u00e4tig. Auch Handwerker- und Arbeiterfrauen mittleren Alters, die bereits viele Kinder hatten, sa\u00dfen auf der Anklagebank. Diese Frauen wurden nicht nur als T\u00e4terinnen, sondern mehr noch als Opfer von Unwissenheit, Verf\u00fchrung oder Vergewaltigung erkannt, weshalb ihnen vom Gericht \u201ebis zu einem gewissen Grade Mitgef\u00fchl nicht versagt\u201c werden konnte, wie die G\u00f6ttinger Zeitung betonte (GZ, 18.03.1931). Dennoch forderte der \u00a7 218 ihre Bestrafung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hebamme Sebode vor Gericht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gro\u00dfes Aufsehen erregte eine erneute Verhaftung von Frau Sebode am 14. September 1929. Diesmal wegen des Verdachts gewerbsm\u00e4\u00dfiger Abtreibungen und Versto\u00dfes gegen den \u00a7 218. Das G\u00f6ttinger Tageblatt \u00fcbernahm die Prozessberichterstattung. Diese Sekund\u00e4rquelle wird im Folgenden zitiert. Anzeige hatte Sebodes Untermieter Kreutz erstattet, der mit ihr bereits wegen Mietstreitigkeiten verfeindet war. Einige Tage sp\u00e4ter wurde auch Gastwirt Stieg festgenommen wegen Verdachts der Beihilfe. Ihm wurde vorgeworfen, er habe in seinem Gasthaus Kundinnen von Frau Sebode Unterkunft gew\u00e4hrt. Vom Zweck der Unterkunft soll er gewusst haben. F\u00fcr besonders dreist hielt man diese Sache, weil Stiegs Gasthaus unmittelbar neben dem Gerichtsgef\u00e4ngnis und nur wenige Schritte vom Dienstgeb\u00e4ude der Staatsanwaltschaft entfernt lag. Da es jedoch an Beweisen fehlte, musste Stieg bald freigelassen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Gerichtsverhandlung trat Kreutz als Hauptbelastungszeuge auf: Er habe Hebamme Sebode l\u00e4ngere Zeit beobachtet und dabei festgestellt, dass sie \u201eh\u00e4ufig Besuch von Frauen, die sich in N\u00f6ten bef\u00e4nden, empfange und auf diese Weise viel Geld verdiene\u201c. Die 16j\u00e4hrige Haustochter Sophie Hagemann aus Seeburg sei mehrmals zu ihr gekommen. Ihr sei er nach dem letzten Besuch mit dem Fahrrad bis nach Seeburg gefolgt, wo er Name und Hausnummer feststellen konnte. Die unverheiratete Frau Hagemann wurde der einfachen Abtreibung verd\u00e4chtigt. Sie gab an, \u201eda\u00df sie mit einem jungen Mann aus Seeburg in intimen Beziehungen gestanden h\u00e4tte, die schlie\u00dflich nicht ohne Folgen geblieben seien. In ihrer Verzweifllung h\u00e4tte sie sich an Frau Sebode gewandt und ihr 60 Mark gegeben. Frau Sebode habe daraufhin einen Eingriff vorgenommen\u201c. Dieses Gest\u00e4ndnis widerrief die Angeklagte sp\u00e4ter. Der angebliche Schw\u00e4ngerer wurde nicht strafrechtlich verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hebamme Sebode, der gewerbsm\u00e4\u00dfigen Abtreibung in mehreren F\u00e4llen verd\u00e4chtigt, bestritt \u201emit aller Bestimmtheit\u201c die gegen sie vorgebrachten Anschuldigungen. \u201eSie will wohl nach ihrem ersten Proze\u00df viel Besuch von jungen Frauen und M\u00e4dchen gehabt haben, sie habe sich aber immer geweigert, ihren W\u00fcnschen nachzukommen\u201c. Zur Beweisaufnahme wurden 20 Zeugen vernommen, drei Sachverst\u00e4ndige geh\u00f6rt und die Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse untersucht. Staatsanwalt Dr. Fritz stellte zusammenfassend fest: dass die Hebamme Sebolde auf \u201egro\u00dfem Fu\u00df\u201c lebe und dass sie \u201edazu aus dunklen Quellen Geld bezogen habe\u2026 [Es] k\u00f6nne kein Zweifel bestehen, da\u00df sie seit langer Zeit gewerbsm\u00e4\u00dfige Abtreibung betrieben habe\u201c. Doch konnte wiederum kein einziger Fall aus der Vergangenheit aufgedeckt werden. Dr. Fritz \u201ebeantragte gegen sie 2 Jahre Zuchthaus und 5 Jahre Ehrverlust\u201c und gegen die Mitangeklagte Sophie Hagemann \u201ewegen einfacher Abtreibung 3 Monate Gef\u00e4ngnis\u201c. Ihre Verteidiger jedoch, die Rechtsanw\u00e4lte Justizrat Konrad Gummert, Walter Proskauer (Jude, geb. 1890, 1943 deportiert nach Auschwitz) und Dr. Heinz Barsdorf \u201epl\u00e4dierten in l\u00e4ngeren Ausf\u00fchrungen auf Freisprechung ihrer Mandanten\u201c. W\u00e4hrend ihrer Pl\u00e4doyers weinte Frau Sebode fortw\u00e4hrend. Der Proze\u00df endete erst um 03:00 Uhr nachts mit der Urteilsverk\u00fcndung durch Landgerichtsrat Walter Meyerhoff: Hebamme Louise Sebode wurde wegen einfacher Fruchtabtreibung zu einem Jahr und zwei Monaten Gef\u00e4ngnis verurteilt. Der Nachweis der gewerbsm\u00e4\u00dfigen Abtreibung konnte nicht erbracht werden. Die Mitangeklagte Sophie Hagemann erhielt \u201eunter Zubilligung von mildernden Umst\u00e4nden\u201c wegen des gleichen Vergehens eine Strafe von drei Monaten Gef\u00e4ngnis mit dreij\u00e4hriger Strafaussetzung. Eine \u201egro\u00dfe Menschenmenge\u201c hatte sich vor dem Gerichtssaal versammelt, um den Sebode-Prozess bis zum Ende mitverfolgen zu k\u00f6nnen (GT, 03.12.1929). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der \u00a7 218 war ein Werk von M\u00e4nnern. Es musste der Bev\u00f6lkerung klar gewesen sein, dass dieser Paragraph Frauen in die Kriminalisierung trieb. Andererseits bezichtigte man unverheiratete M\u00fctter leicht der Unzucht. Und nicht genug damit: Sie und ihre unehelich geborenen Kinder wurden lebenslang schwerer gesellschaftlicher Diskriminierung schutzlos ausgeliefert. Unter den schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verh\u00e4ltnissen der Weimarer Republik war der Frauenalltag weithin gepr\u00e4gt von geringer Bildung und Ausbildung, Billigl\u00f6hnen, Unterordnung, Schwangerschaften, Kinderf\u00fcrsorge, Hauswirtschaft, physischer und psychischer \u00dcberlastung sowie der Sorge um ungewollte Schwangerschaften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine generell verbesserte Sexualaufkl\u00e4rung und Schwangerschaftsverh\u00fctung kam erst in den 1960er Jahren mit der Einf\u00fchrung der \u201eAntibabypille\u201c in Gang, w\u00e4hrend diverse Fraueninitiativen und Parteien f\u00fcr eine Abschaffung oder zumindest f\u00fcr eine Reform des \u00a7 218 in vielen St\u00e4dten auf die Stra\u00dfe gingen, so auch in G\u00f6ttingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right wp-block-paragraph\"><em>Dr. Traudel Weber-Reich<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literaturhinweis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberarbeitete und erg\u00e4nzte Fassung von: Weber-Reich, Traudel: Frauen in Not \u2013 G\u00f6ttingen um 1930. In: Eine Frauensache. Alltagsleben und Geburtenpolitik 1919-1933\u2026 bis in unsere Tage. 25 Jahre Pro Familia G\u00f6ttingen. Ausstellungskatalog 1996, S. 42-71. Hier mit vollst\u00e4ndigen Quellen- und Literaturnachweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stadtarchiv G\u00f6ttingen: Einwohnermeldekarte August Sebode. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebd.: Sterbeurkunde Henriette Louise Sebode, geb. Feuerriegel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abbildungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kontakt Dr. Traudel Weber-Reich, G\u00f6ttingen<\/p>\n\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die aus Gro\u00df Schneen stammende freie Hebamme Henriette Louise Sebode geb. Feuerriegel (1881-1938) war sowohl in der Stadt, als auch in den D\u00f6rfern rund um G\u00f6ttingen t\u00e4tig. 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