{"id":1457,"date":"2026-06-27T09:56:38","date_gmt":"2026-06-27T07:56:38","guid":{"rendered":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=1457"},"modified":"2026-06-27T09:56:39","modified_gmt":"2026-06-27T07:56:39","slug":"exkursion-der-ag-geschichte-des-viertels-zur-gedenkstaette-breitenau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2026\/06\/27\/exkursion-der-ag-geschichte-des-viertels-zur-gedenkstaette-breitenau\/","title":{"rendered":"Exkursion der AG Geschichte des Viertels zur Gedenkst\u00e4tte Breitenau"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br>Am 21. Juni 2026 reiste die AG Geschichte zur Gedenkst\u00e4tte Breitenau bei Guxhagen s\u00fcdlich von Kassel. Dort t\u00fcrmten sich zwar die Gewitterwolken, aber die F\u00fchrung begann auch zun\u00e4chst in einem Seminarraum in der alten Zehntscheune, die mit ihren hoch aufragenden Treppengiebeln schon von der Autobahn aus zu sehen ist. Der Historiker Marius Heidel erl\u00e4uterte hier die Entwicklung der Institutionen in Breitenau vom preu\u00dfischen Landesarbeitshaus \u00fcber das nationalsozialistische KZ und Arbeitserziehungslager bis zum geschlossenen \u201eM\u00e4dchenerziehungsheim\u201c f\u00fcr \u201eschwer erziehbare\u201c junge Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde erst 1973 geschlossen, fast hundert Jahre nach dem Einzug der ersten \u201eKorrigenden\u201c (1874) in das einstige Benediktinerkloster. Danach folgte ein Rundgang um und durch die Klosterkirche, die das Hauptgeb\u00e4ude der Anstalt bildete. Durch das Querhaus, das heute noch von der Gemeinde Guxhagen als Kirche genutzt wird, ging es in den H\u00e4ftlingshof und dann in den Westbau der Kirche, in welchen 1874 ein massives Treppenhaus eingebaut wurde. Von hier aus gelangt man zu den Duschen, die in den 1920er Jahren im Erdgeschoss des Langhauses installiert wurden. Auf halber Treppe befindet sich seitlich die Isolierzelle und im ersten Obergeschoss ein Ausstellungsraum, wo gerade eine Wanderausstellung zu den fr\u00fchen Konzentrationslagern besichtigt werden kann. Schlie\u00dflich erhielten wir im Seminarraum Einblick in ausgew\u00e4hlte H\u00e4ftlingsakten, die trotz des geringen Umfangs viel \u00fcber den Umgang mit den Menschen, ihre Schicksale und die Hintergr\u00fcnde ihrer Verhaftung verraten. Im Obergeschoss befindet sich zudem eine Dauerausstellung mit einem Klostermodell und eindringlichen Kunstinstallationen, die an das Leid der Insassen erinnern sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em><strong>Bestraft f\u00fcr Armut<\/strong><\/em><br><br>Die verschiedenen Einrichtungen in Breitenau haben gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit zu einem Gef\u00e4ngnis, obwohl die wenigsten Insassen nach heutigem Verst\u00e4ndnis etwas \u201everbrochen\u201c hatten, au\u00dfer, dass sie arm waren und sich mit Bettelei am Leben hielten, als Vagabunden umherzogen oder auf andere Art und Weise nicht in das vorherrschende Ideal des ortsgebundenen, \u201ewerkt\u00e4tigen Menschen\u201c passten, der sich mit einem \u201eordentlichen\u201c Beruf seinen Lebensunterhalt verdiente. In Breitenau sollten diese Personen durch Zwangsarbeit und strengste Disziplin zu einer \u201egeordneten\u201c Lebensf\u00fchrung \u201eerzogen\u201c werden. Der Anstaltsalltag war durch Schikane, Dem\u00fctigungen und Elend gepr\u00e4gt. Breitenau war gef\u00fcrchtet wegen seiner ruppigen Aufseher, die darauf auch noch stolz waren. Die Zust\u00e4nde dort sind f\u00fcr die Geschichte des Maschviertels insofern von Interesse, weil sich im Gerichtsgef\u00e4ngnis (der sp\u00e4teren JVA) zun\u00e4chst ebenfalls mehrere \u201eVagabunden-Zellen\u201c befanden. \u00dcber die Menschen, die dort eingesperrt worden sind, ist bisher aber nichts bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em><strong>Die R\u00e4ume haben sich teilweise noch im Originalzustand erhalten<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die Geb\u00e4ude des einstigen Arbeitshauses und KZ Moringen, die im November 2023 Ziel einer Exkursion der Geschichts-AG waren, auch heute noch f\u00fcr den Ma\u00dfregelvollzug genutzt werden, steht das Hauptgeb\u00e4ude der Landeskorrektionsanstalt Breitenau weitgehend leer. Wie erw\u00e4hnt, haben sich sogar noch die originalen Duschen erhalten. Was zun\u00e4chst als eine Errungenschaft gelten konnte, wurde ab 1933 zur Schikane verkehrt: Statt warmem Wasser wie zuvor, kam nur noch kaltes Wasser aus der Leitung. Die Duschen wurden \u00fcberdies zum Bestandteil eines entw\u00fcrdigenden Begr\u00fc\u00dfungsrituals: Die Neuank\u00f6mmlinge mussten sich entkleiden,wurden unter die kalte Dusche getrieben und dann mit Gummikn\u00fcppeln nackt ins Freie gejagt. Alle privaten Dinge nahm man ihnen vorher ab. So schuf man einen harten Einschnitt, der den Insassen ihre alte Pers\u00f6nlichkeit nahm und jeglichen Stolz und Widerstandsgeist brach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Isolierzelle nebenan, ein enger, hoher Raum mit einer alten Toilette und einem hochgelegenen, vergitterten Fenster, erinnert an die Zellen in der ehemaligen JVA in G\u00f6ttingen. An der Wand haben sich noch Graffiti erhalten, etwa die Skizze des Anstaltsleiters, der immer eine Melone trug und Zigarre rauchte, oder Linienb\u00fcndel, mit denen die H\u00e4ftlinge die Tage z\u00e4hlten. Allerdings sa\u00dfen viele Insassen keine festen Strafzeiten ab, sondern ihre Aufenthaltsdauer lag willk\u00fcrlich in der Hand der Anstaltsleitung. Meist kamen sie nicht vor einem oder zwei Jahren aus den Klostermauern hinaus, w\u00e4hrend des Dritten Reiches sogar zunehmend gar nicht mehr, denn f\u00fcr viele H\u00e4ftlinge f\u00fchrte der Weg dann in ein Konzentrations- oder Vernichtungslager.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em><strong>Sonnt\u00e4gliche Konfrontation mit der \u201efreien\u201c Gemeinde<\/strong><\/em><br><br>Die Insassen des Arbeitshauses und des Arbeitserziehungslagers nahmen auch an den Gottesdiensten im \u00f6stlichen Teil der einstigen Klosterkirche teil. Sie sa\u00dfen im n\u00f6rdlichen Querhaus, in n\u00e4chster Nachbarschaft zu den \u201efreien\u201c Gemeindegliedern. \u00c4hnlich wie im Zuchthaus Celle, kam es auch hier allw\u00f6chentlich zu einer direkten Konfrontation der ortsans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung mit den \u201eKorrigenden\u201c. Auch sonst gab es zahlreiche \u201eKontaktstellen\u201c zwischen der Anstalt und der Bev\u00f6lkerung der umliegenden Orte &#8211; das Landesarbeitshaus war also keineswegs isoliert. Die zuletzt 38 Aufseher und Oberaufseher kamen aus den umliegenden D\u00f6rfern. In der Kasseler Presse wurde etwa 50 Mal die Einrichtung von Konzentrationslagern thematisiert; das Arbeitslager Breitenau wurde als beispielhaft vorgef\u00fchrt und \u00fcber eine \u201eWeihnachtsfeier\u201c berichtet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em><strong>Umfangreiches Archivmaterial liefert erschreckende Einblicke<\/strong><\/em><br><br>Die gr\u00fcndliche Aufarbeitung der Geschichte des NS-Arbeitserziehungslagers und des preu\u00dfischen Arbeitshauses war m\u00f6glich aufgrund archivalischer Gl\u00fccksf\u00e4lle, durch die sowohl eine Gro\u00dfteil der Fallakten als auch die Gefangenenaufnahmeb\u00fccher erhalten blieben. Au\u00dferdem werden einzelne Schicksale auch durch andere Dokumente erhellt. Das Schicksal der j\u00fcdischen \u00c4rztin <strong>Lilly Jahn<\/strong> aus Kassel wird durch hunderte Briefe lebendig, die sie aus der Haft an ihre Kinder schrieb (und diese ihr eifrig antworteten). Die Briefe sind der Hauptbestandteil eines Spiegel-Bestsellers, den einer ihrer Enkel, Martin Doerry, verfasste. Lilly Jahn sah die Freiheit nicht wieder, sondern starb im Konzentrationslager Auschwitz. F\u00fcr das Gerichtsgef\u00e4ngnis G\u00f6ttingen hat sich aus der Zeit des Nationalsozialismus nur das Gefangenenbuch von 1943\/44 erhalten. Darin taucht der Name \u201eBreitenau\u201c ebenfalls mehrmals auf: mindestens zwei weibliche Gefangene wurden dorthin abtransportiert \u2013 <strong>Emma W.<\/strong> aus Wiensen (Abtransport am 16. M\u00e4rz 1944) und <strong>Lina R.<\/strong> aus Steinke (Abtransport am 20. April 1944). Was mit ihnen in Breitenau geschah, konnte noch nicht ermittelt werden, ebenso der Grund ihrer Verhaftung. Allerdings wurde damals nicht mehr besonders zwischen den Korrigenden des Arbeitshauses, den H\u00e4ftlingen des Arbeitserziehungslagers und \u201estrafgefangenen\u201c, weiblichen H\u00e4ftlingen unterschieden; sie nahmen die Mahlzeiten gemeinsam ein und schliefen gemischt (lediglich streng nach Geschlechtern getrennt). Ohnehin waren die Geb\u00e4ude gegen Ende des Krieges v\u00f6llig \u00fcberbelegt, die Situation chaotisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br><em><strong>Gedenkst\u00e4ttenarbeit ist bitter n\u00f6tig<\/strong><\/em><br><br>In der Gedenkst\u00e4tte Breitenau wird seit vierzig Jahren nicht nur gr\u00fcndlich die Geschichte der Institutionen erforscht, sondern auch Schulklassen und anderen Besuchergruppen vorbildlich vermittelt. Dies ist umso n\u00f6tiger, als in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das Verdr\u00e4ngen vorherrschte: Die Gr\u00e4ber der Insassen auf dem Anstaltsfriedhof wurden z.B. ohne das Wissen der Angeh\u00f6rigen auf die Burg Ludwigstein transloziert \u2013 dort waren sie \u201eaus dem Blick\u201c. Die Opfer einer Erschie\u00dfungsaktion zum Ende des Krieges erhielten nur einen anonymen Gedenkstein ohne Hinweis auf die Tat selbst, der jetzt am Weg zur Klosterkirche aufgestellt wurde. Erschreckend: Im nahe gelegenen Ort Oberaula trafen sich noch 1984 Angeh\u00f6rige der Waffen-SS, Division Totenkopf, unter dem Decknamen \u201eUrlaubergemeinschaft Ilmensee\u201c. Ein Aktionsb\u00fcndnis, das sich dagegen engagierte, stie\u00df auf Widerstand in der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung, die sich mit den \u201ealten Kameraden\u201c solidarisierte und dem antifaschistischen B\u00fcndnis aus DGB, Jusos, Gr\u00fcnen, der DKP und Verfolgten des Naziregimes (VVN) unterstellte, Terror zu bef\u00fcrworten. Die Arbeit der Gedenkst\u00e4tte wird vom Hessischen Landeswohlfahrtsverband unterst\u00fctzt, der als Inhaber der Liegenschaft dort weiterhin Wohngruppen mit psychisch kranken Menschen betreibt (die aber l\u00e4ngst \u201eoffen\u201c sind). Derzeit werden die Geb\u00e4ude teilweise renoviert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Literaturhinweise<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-style:italic;font-weight:400\">Wolfgang Aya\u00df, Das Arbeitshaus Breitenau. Bettler, Landstreicher, Prostituierte, Zuh\u00e4lter und F\u00fcrsorgeempf\u00e4nger in der Korrektions- und Landarmenanstalt Breitenau (1874-1949) (Diss. Kassel 1992). &#8211; online: https:\/\/urn.fi\/urn:nbn:de:hebis:34-2008101524505<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-style:italic;font-weight:400\">Gunnar Richter, Das Arbeitserziehungslager Breitenau (1940-1945). Ein Beitrag zum nationalsozialistischen Lagersystem (Diss. Kassel 2004). &#8211; online: https:\/\/d-nb.info\/972184406<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. Juni 2026 reiste die AG Geschichte zur Gedenkst\u00e4tte Breitenau bei Guxhagen s\u00fcdlich von Kassel. Dort t\u00fcrmten sich zwar die Gewitterwolken, aber die F\u00fchrung begann auch zun\u00e4chst in einem Seminarraum in der alten Zehntscheune, die mit ihren hoch aufragenden Treppengiebeln schon von der Autobahn aus zu sehen ist. 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