{"id":1018,"date":"2024-10-27T11:55:36","date_gmt":"2024-10-27T10:55:36","guid":{"rendered":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/?p=1018"},"modified":"2024-10-28T18:03:35","modified_gmt":"2024-10-28T17:03:35","slug":"das-maschviertel-zur-zeit-des-nationalsozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/index.php\/2024\/10\/27\/das-maschviertel-zur-zeit-des-nationalsozialismus\/","title":{"rendered":"Das Maschviertel zur Zeit des Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Stolpersteine vor der Oberen-Masch-Stra\u00dfe 10A &#8211; In Gedenken an Familie Asser und Familie Meyerstein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Obere-Masch-Stra\u00dfe 10 war fr\u00fcher ein Wohnhaus der j\u00fcdischen Gemeinde. Es war bescheiden eingerichtet und diente auch als Altersheim. Heute erinnern Stolpersteine vor der 10A daran, dass Fanny und C\u00e4sar Asser und die Familie Meyerstein hier gelebt haben. Paula und Hugo Meyerstein mit ihren vier Kindern, Ludwig, Erich, Hertha und Georg.<\/p>\n\n\n\n<p>Paula Meyerstein (geb. Jaretzki ) war 1890 in Posen geboren worden. Sie heiratete 1919 den Viehh\u00e4ndler Hugo Meyerstein und zog nach G\u00f6ttingen. Die Familie wohnte zun\u00e4chst in der Roten Stra\u00dfe, wo Hugo Meyerstein eine Viehhandlung besa\u00df. Dort hatten sie mit finanziellen Problemen zu k\u00e4mpfen, vor allem auch durch den gegen j\u00fcdische Kaufleute ausge\u00fcbten Druck und durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise. 1933 mussten sie dann in die Obere-Masch-Stra\u00dfe 10A umziehen. In direkter Nachbarschaft stand die Synagoge. Die im neuromanischen Stil gebaute Synagoge wurde im Jahr 1895 eingeweiht. Nur 43 Jahre sp\u00e4ter wurde sie im Novemberpogrom in der Nacht des 9. November 1938 zerst\u00f6rt. Ma\u00dfgeblich beteiligt; war der Oberbrandmeister der G\u00f6ttinger Feuerwehr, der Benzinkanister zur Synagoge gefahren hatte. Alle L\u00f6schversuche wurden unterbunden, Fotografien verboten. Am Tag darauf wurde unter Anwesenheit vieler Schaulustiger der westliche Teil der Ruine gesprengt, und die Synagoge vollst\u00e4ndig zerst\u00f6rt. Mitglieder der SA und SS st\u00fcrmten Gesch\u00e4fte und Wohnungen j\u00fcdischer Familien, zerst\u00f6rten deren Eigentum, misshandelten und verhafteten sie. In der Goetheallee wurden die Wohnungen von Ludwig und Margret L\u00f6wenstein und von Gustav und Amalie Rosenmeyer v\u00f6llig verw\u00fcstet, Schmuck entwendet und Gustav Rosenmeyer schwer verletzt. Bei dem Brand der Synagoge waren auch die Wohnungen von Familie Asser und Familie Junger zerst\u00f6rt worden. Sie kamen gerade mit dem Leben davon. Heinz und Else Junger fl\u00fcchteten in der Nacht mit ihrem Sohn Denny, der erst zw\u00f6lf Tage alt war, in das Krankenhaus Neu Maria Hilf. Heinz, Else und Denny Junger wurden am 26. M\u00e4rz 1942 deportiert und gelten seitdem als verschollen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"205\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/meyerstein_georg-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1028\" style=\"width:226px;height:auto\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Georg Meyerstein <\/em><sup data-fn=\"f970a5e5-46ec-45ac-b522-d5255fabfec3\" class=\"fn\"><a href=\"#f970a5e5-46ec-45ac-b522-d5255fabfec3\" id=\"f970a5e5-46ec-45ac-b522-d5255fabfec3-link\">1<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Georg Meyerstein, der j\u00fcngste der Familie, wurde schon unmittelbar nach dem Novemberpogrom von seinem Lehrer in der Lutherschule vom Unterricht ausgeschlossen, eine Ma\u00dfnahme, die kurz darauf f\u00fcr alle j\u00fcdischen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler durchgesetzt wurde. Ein Mitsch\u00fcler erz\u00e4hlte sp\u00e4ter, dass, als Georg am Tag nach der Niederbrennung der Synagoge \u201eversp\u00e4tet, bleich und \u00fcbern\u00e4chtigt\u201c seine Klasse betrat, ihn der Lehrer aufgefordert hat, sofort wieder nach Hause zu gehen und sagte, er brauche \u00fcberhaupt nicht mehr wiederzukommen. Ab Januar 1940 wurde er zusammen mit neun weiteren Kindern vom j\u00fcdischen Lehrer Heinz Junger privat unterrichtet. Dieser wohnte mit seiner Familie im Gemeindehaus, im Anbau an die Synagoge in der Unteren-Masch-Str.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Sch\u00fcler*innen waren auch Kurt und Lissy Asser, die Kinder des Synagogendieners Julius Asser und von Jenny Asser, die ebenfalls mit ihrer Mutter, Bertha Fernich, f\u00fcr kurze Zeit im Gemeindehaus in der Unteren-Masch-Str. 13 wohnten. An Julius und Jenny Asser erinnern die Stolpersteine vor dem Haus Papendiek 26. Die Eltern von Julius Asser, Fanny und C\u00e4sar lebten seit 1933 in der Oberen-Masch-Str. 10A. C\u00e4sar Asser besa\u00df in G\u00f6ttingen die Rohproduktenhandlung C. Asser, handelte mit Altmetallen und arbeitete nebenberuflich als Totengr\u00e4ber f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinde. Sie wurden im Juli 1942 nach Theresienstadt verschleppt und ermordet. Sie wurden beide 72 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-ad2f72ca wp-block-group-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"498\" height=\"720\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1025\" style=\"width:295px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-1.jpg 498w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-1-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 498px) 100vw, 498px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup data-fn=\"7eb08fb6-1aa1-4f9d-9ed0-7524a6b1e23b\" class=\"fn\"><a href=\"#7eb08fb6-1aa1-4f9d-9ed0-7524a6b1e23b\" id=\"7eb08fb6-1aa1-4f9d-9ed0-7524a6b1e23b-link\">2<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"693\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-z.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1026\" style=\"width:306px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-z.jpg 500w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.49_dc6b128b-z-216x300.jpg 216w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup data-fn=\"7f77f774-34ca-4c15-b669-de75ca962dfd\" class=\"fn\"><a href=\"#7f77f774-34ca-4c15-b669-de75ca962dfd\" id=\"7f77f774-34ca-4c15-b669-de75ca962dfd-link\">3<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. M\u00e4rz 1942 wurde Paula Meyerstein zusammen mit ihrem Mann und zwei ihrer S\u00f6hne Ludwig und Georg, die zu der Zeit erst 22 und 14 Jahre alt waren, \u00fcber das Sammellager Hannover-Ahlem weiter ins Warschauer Ghetto deportiert. Ihrem 18-j\u00e4hrigen Sohn Erich war mit nur 15 Jahren die Flucht nach England gelungen. Auch seine Schwester Hertha \u00fcberlebte den nationalsozialistischen Terror. Die Schwestern Else und Frieda Reichmann, die einige Jahre in der Oberen-Masch-Str. 10A und der Unteren Masch-Str. 23 gewohnt hatten, wurden an diesem Tag ebenfalls deportiert und anschlie\u00dfend ermordet. Die Familie Reichmann war 1912 in das Haus Nr. 23 gezogen, das sich bis 1935 in ihrem Besitz befunden hatte. Die Reichmann Schwestern, Paula Meyerstein und die \u00fcber hundert weiteren J\u00fcd*innen, die am 26. M\u00e4rz 1942 aus G\u00f6ttingen deportiert wurden, starben entweder in Warschau oder wurden mit den anderen \u00dcberlebenden des Ghettos in den Vernichtungslagern ermordet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-ad2f72ca wp-block-group-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"543\" height=\"752\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-2-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1023\" style=\"width:307px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-2-3.jpg 543w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-2-3-217x300.jpg 217w\" sizes=\"auto, (max-width: 543px) 100vw, 543px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup data-fn=\"b7ed9f7e-e98a-4d82-98e2-13bc816ae2be\" class=\"fn\"><a href=\"#b7ed9f7e-e98a-4d82-98e2-13bc816ae2be\" id=\"b7ed9f7e-e98a-4d82-98e2-13bc816ae2be-link\">4<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group is-nowrap is-layout-flex wp-container-core-group-is-layout-ad2f72ca wp-block-group-is-layout-flex\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"501\" height=\"728\" src=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1024\" style=\"width:295px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-1-1.jpg 501w, https:\/\/waageplatz-viertel.org\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/WhatsApp-Bild-2024-10-22-um-13.29.50_a4fa984f-1-1-206x300.jpg 206w\" sizes=\"auto, (max-width: 501px) 100vw, 501px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><sup data-fn=\"21966a0a-f56b-4322-b903-7ab61bb41f5a\" class=\"fn\"><a href=\"#21966a0a-f56b-4322-b903-7ab61bb41f5a\" id=\"21966a0a-f56b-4322-b903-7ab61bb41f5a-link\">5<\/a><\/sup><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>G\u00f6ttingen galt auch schon Anfang der 1920er-Jahre als Hochburg der Nationalsozialisten, die hier \u00fcberdurchschnittlich hohe Wahlerfolge hatten. Mit Blick auf das Maschviertel, zeigt sich dies auch an den Wahlergebnissen zwischen 1928 und 1932, dort waren die Stimmanteile der Kommunistischen Partei und der SPD vergleichsweise hoch. In der Neustadt noch etwas h\u00f6her. Doch auch die NSDAP verzeichnete recht hohe Stimmanteile im Maschviertel. Das h\u00e4ngt vermutlich auch damit zusammen, dass die NSDAP besonders von der zunehmenden Unterst\u00fctzung der Arbeiter*innenschaft und dem Kleinb\u00fcrgertum profitierte. Die NSDAP und allen voran die SA zeigten regelm\u00e4\u00dfig bei Massenaufm\u00e4rschen Pr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe. Im M\u00e4rz 1930 kam es zu gewaltt\u00e4tigen Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen SA und dem kommunistischen Rotfrontk\u00e4mpferbund. So hat es auch von Beginn an Widerstand gegen den NS-Terror gegeben. \u00dcber Formen des Widerstandes im Maschviertel wissen wir leider bisher relativ wenig und werden weiter nach Hinweisen und Erz\u00e4hlungen suchen. Von Hedwig Hollung, die schr\u00e4g gegen\u00fcber dem Wohnhaus der j\u00fcdischen Gemeinde, in der Oberen-Masch-Str. 7 gelebt hat, ist jedoch bekannt, dass sie den Nazis kritisch gegen\u00fcberstand. Sie war zur Zeit der Machtergreifung in ihren Drei\u00dfigern. In Zeitzeugengespr\u00e4chen beschrieb sie, wie sie alles mitgemacht hat, aber in einem gewissen Rahmen tat sie, was sie f\u00fcr richtig hielt. Sie hat sich z. B. geweigert, die Hakenkreuzfahne aus dem Fenster zu h\u00e4ngen oder den Hitlergru\u00df zu zeigen, und versteckte einen Mann vom Reichsbanner, der von der SA verfolgt wurde, als diese im M\u00e4rz 1933 das Gewerkschaftshaus im Maschm\u00fchlenweg \u00fcberfallen hatte. Das Reichsbanner war ein SPD-naher Wehrverband, der sich f\u00fcr den Schutz der Weimarer Republik und ihrer Verfassung einsetze. Hedwig Hollung geh\u00f6rte nach 1945 zu den Mitbegr\u00fcnder*innen der Nachkriegs-SPD in G\u00f6ttingen und war Vorsitzende im Frauenausschuss. Sie muss sehr offen und direkt gewesen sein, hat gerne zugepackt und sich eingemischt &#8211; und dabei auch ihre Ecken und Kanten nicht versteckt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 70er-Jahren entstand auf eine Initiative der Vorsitzenden der Gesellschaft f\u00fcr christlich-j\u00fcdische Zusammenarbeit, Hannah Vogt, das Mahnmal auf dem heutigen Platz der Synagoge. Es wurde von dem italienischen K\u00fcnstler Corrado Cagli entworfen und am 9. November 1973 eingeweiht. Das Mahnmal zeigt von unten einen Davidstern. Dabei sind die Stahlrohre so gedreht, dass sie eine Flamme formen, die an die Brandnacht vom 9. November erinnert. Auf einer Tafel am Mahnmal stehen die Namen der 282, im Nationalsozialismus ermordeten J\u00fcdinnen und Juden aus G\u00f6ttingen. An der Au\u00dfenwand der OM10 am Vereins-Fanraum des 1. SC G\u00f6ttingen 05 erinnert eine Gedenktafel an Ludolf Katz, ein j\u00fcdisches Vereinsmitglied. Katz hatte den Verein 1933 wegen der versch\u00e4rften antij\u00fcdischen Gesetze in der NS-Zeit verlassen m\u00fcssen. Heute steht am Platz der Synagoge auch die OM10. Nach 1945 hatte die sehr kleine j\u00fcdische Restgemeinde das Haus an den DGB verkauft, da sie das Gel\u00e4nde selbst nicht unterhalten konnte und keine Perspektive f\u00fcr den Neubau einer Synagoge in G\u00f6ttingen sah. Ausdr\u00fccklich sollte es an Vertreter*innen einer anderen Opfergruppe aus der NS-Zeit gehen. Eine der Opfergruppen waren die Gewerkschaften, die 1933 von den Nazis in G\u00f6ttingen zerschlagen wurden und das Volksheim verloren. Das \u00fcber Jahre leer stehende DGB Haus wurde 2015 besetzt, um einen gemeinsamen Wohn- und Begegnungsraum zu schaffen und gegen die menschenverachtende europ\u00e4ische Grenzpolitik und gegen Krieg und Faschismus zu k\u00e4mpfen. Die OM10 ist selbstverwaltet und Teil des Mietshaussyndikats. Sie bietet R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr Veranstaltungen, Wohnraum f\u00fcr Gefl\u00fcchtete und R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr die Nachbarschaftsvernetzung Forum Waageplatz-Viertel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte des Viertels ist verwoben mit dem Heute. Wir sind Teil der Geschichte und finden uns in einer Zeit wieder, die auch von Kriegen, Gewalt gegen Frauen und Transpersonen, dem Erstarken rechtsextremer Kr\u00e4fte und \u00f6kologischen Krisen gepr\u00e4gt ist. Die Erscheinungsformen faschistischer und nationalistischer Ideologien wandeln sich, tragen aber doch den gleichen Kern. Dies zeigt, wie wichtig eine aktive Form des Erinnerns und Gedenkens ist, verbunden mit einem aufmerksamen Blick auf die Gegenwart und Zukunft. Selbstverwaltete Organisationen und Projekte im Maschviertel, wie die OM10, zeigen mit ihrer kontinuierlichen, antifaschistischen Praxis, wie aktives Gedenken aussehen kann. Auch starke Nachbarschaften, in welchen Nachbar*innen einander kennen, sich unterst\u00fctzen, und gemeinsam gegen Gewalt handeln, bieten die Grundlage f\u00fcr eine vielf\u00e4ltige und selbstorganisierte Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Mo Ario<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Duwe, Kornelia; Gottschalk, Carola; Koerner, Marianne. 1988. G\u00f6ttingen ohne G\u00e4nseliesel. Fulda: Wartberg Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Klein, J\u00f6rg; Sch\u00e4fer-Richter, Ute. 1992. Die j\u00fcdischen B\u00fcrger im Kreis G\u00f6ttingen 1933-1945. Ein Gedenkbuch. G\u00f6ttingen: Wallsteinverlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Koerner Marianne. 1989. Auf die Spur gekommen &#8211; Frauengeschichte in G\u00f6ttingen. Neustadt: Calenberg press.<\/p>\n\n\n\n<p>Meumann Markus. 1997. Universit\u00e4t und Sozialf\u00fcrsorge &#8211; zwischen Aufkl\u00e4rung und Nationalsozialismus. Das Waisenhaus der theologischen fakult\u00e4t in G\u00f6ttingen 1747-1983. G\u00f6ttingen: Wallstein Verlag.<\/p>\n\n\n\n<p>Weber-Reich, Traudel. 2003. \u201eWir sind Pionierinnen der Pflege\u201c &#8211; Krankenschwestern und ihre Pflegest\u00e4tten im 19. Jhr. Am Beispiel G\u00f6ttingen. Bern: Verlag Hans-Huber.<\/p>\n\n\n\n<p>Bildquellen:<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"f970a5e5-46ec-45ac-b522-d5255fabfec3\">Stadtarchiv G\u00f6ttingen <a href=\"#f970a5e5-46ec-45ac-b522-d5255fabfec3-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"7eb08fb6-1aa1-4f9d-9ed0-7524a6b1e23b\">Ario, Mo. Aus: Klein, J\u00f6rg; Sch\u00e4fer-Richter, Ute. 1992. Die j\u00fcdischen B\u00fcrger im Kreis G\u00f6ttingen 1933-1945. Ein Gedenkbuch. G\u00f6ttingen: Wallsteinverlag. <a href=\"#7eb08fb6-1aa1-4f9d-9ed0-7524a6b1e23b-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"7f77f774-34ca-4c15-b669-de75ca962dfd\">ebd. <a href=\"#7f77f774-34ca-4c15-b669-de75ca962dfd-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 3 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"b7ed9f7e-e98a-4d82-98e2-13bc816ae2be\">ebd. <a href=\"#b7ed9f7e-e98a-4d82-98e2-13bc816ae2be-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 4 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"21966a0a-f56b-4322-b903-7ab61bb41f5a\">ebd. <a href=\"#21966a0a-f56b-4322-b903-7ab61bb41f5a-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 5 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stolpersteine vor der Oberen-Masch-Stra\u00dfe 10A &#8211; In Gedenken an Familie Asser und Familie Meyerstein Die Obere-Masch-Stra\u00dfe 10 war fr\u00fcher ein Wohnhaus der j\u00fcdischen Gemeinde. 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